Chinas Pharma-Firmen entwickeln Medikamente, die der Westen kaufen muss. Pfizer und AstraZeneca warnen vor tektonischer Verschiebung.
Chinesische Unternehmen entwickeln immer häufiger Medikamente, die westliche Konzerne kaufen müssen. Selbst Pfizer und AstraZeneca warnen vor einer tektonischen Verschiebung.
Als die ersten chinesischen Autos nach Europa gekommen waren, wurden sie belächelt. Sie galten als billig, technisch rückständig und chancenlos gegen Volkswagen, BMW oder Mercedes. Wenige Jahre später muss Europas Autoindustrie befürchten, aus dem Rennen auszuscheiden. Dasselbe Muster gab es bei Solarmodulen, später bei Batterien, dann bei Künstlicher Intelligenz. Und jetzt erreicht es eine Branche, die sich lange für uneinnehmbar hielt: die Pharmaindustrie.
Wer ein neues Medikament entwickeln wollte, schaute nach Boston, Basel oder Cambridge. Manchmal auch nach Darmstadt oder Leverkusen. China produzierte Wirkstoffe, kopierte Medikamente und belieferte den Westen. Die Ideen kamen aus Amerika oder Europa.
Doch dieses Weltbild gerät ins Wanken. „2030 werden chinesische Unternehmen meine Konkurrenz sein – nicht Merck“, sagte Pfizer-Chef Albert Bourla jetzt auf einer Investorenkonferenz. Der Satz markiert einen Wendepunkt. Denn Pharma galt bislang als letzte Bastion westlicher Technologie. Neue Medikamente entstehen nicht in einer Garage. Sie verschlingen Milliarden, brauchen Jahre klinischer Forschung und hoch spezialisierte Wissenschaftler. Viele Manager hielten diese Hürden für einen Schutzwall gegen neue Wettbewerber.
Doch der Wall bröckelt, wie die Zahlen zeigen. Vor zehn Jahren arbeiteten nach Angaben von Pfizer rund 60 chinesische Biotech-Unternehmen an innovativen Medikamenten. Heute sind es mehr als 1200. Rund 30 Prozent aller klinischen Studien weltweit starten inzwischen in China. Aus der Werkbank der Pharmaindustrie ist ein Innovationszentrum geworden. Nach Daten von Porsche Consulting stammen inzwischen vier der acht Unternehmen mit den weltweit größten Entwicklungspipelines aus China. Bei Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten – einer Art Präzisionsrakete gegen Krebs, die hochwirksame Medikamente gezielt in Tumorzellen schleust, zählt China inzwischen zur Weltspitze.
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Pascal Soriot, Chef des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca, fasst es so zusammen: „China ist in den vergangenen fünf bis sechs Jahren zu einem fundamentalen Bestandteil der weltweiten Pharma-Innovation geworden.“ Für ihn ist klar: Der wissenschaftliche Schwerpunkt der Branche verschiebt sich. Das Wall Street Journal spricht bereits vom „DeepSeek-Moment der Pharmaindustrie“. Die Anspielung erinnert an das chinesische KI-Unternehmen DeepSeek, das die selbstbewusste amerikanische Technologiewelt aufgeschreckt hat. Nun, so die Botschaft, erlebt auch die Pharmabranche einen Augenblick, in dem ihre alten Gewissheiten zerbrechen.
Auslöser ist ein Medikament gegen Lungenkrebs. Die amerikanische Firma Summit Therapeutics veröffentlichte im vergangenen Herbst Studiendaten, die in der Branche einschlugen wie ein Meteorit auf der Erdoberfläche. Das Präparat schnitt besser ab als Keytruda von Merck, was mit rund 30 Milliarden Dollar Jahresumsatz das erfolgreichste Krebsmedikament der Welt ist. Die Börse feierte Summit, Milliarden Dollar Börsenwert entstanden innerhalb weniger Stunden. Der eigentliche Paukenschlag steckte jedoch in einer Randnotiz. Summit hatte den Wirkstoff nicht selbst entwickelt. Er kam aus China. Genauer: Aus einem Biotech-Unternehmen namens Akeso.
Damit änderte sich die Blickrichtung der Branche. Jahrzehntelang kauften chinesische Unternehmen Patente und Wissen im Westen ein. Heute fließt das Geld in die andere Richtung. Westliche Pharmakonzerne kaufen nicht länger Fabriken in China, sondern sie kaufen Ideen aus China.
Pfizer zahlte zuletzt mehr als eine Milliarde Dollar als Vorauszahlung an das chinesische Unternehmen 3SBio, um sich die Rechte an einem neuen Krebsmedikament zu sichern. AstraZeneca, Merck und Bristol Myers Squibb gehen ähnliche Wege. Die Jagd nach den vielversprechendsten Wirkstoffen führt immer häufiger nach Shanghai, Suzhou oder Shenzhen.
Für die Patienten ist das zunächst eine gute Nachricht. Mehr Wettbewerb erhöht die Chancen auf bessere Therapien. Für Europas Pharmaindustrie ist die Entwicklung weniger beruhigend.
Denn sie erinnert an einen Fehler, den andere Branchen bereits gemacht haben. Lange hielt der Westen China für die Werkbank der Welt. Dann wurde aus der Werkbank ein Entwickler. Schließlich entstand ein Wettbewerber. Nun beginnt dieser Wandel auch im Labor.
Der Aufstieg kommt nicht aus dem Nichts. Peking hat Biotechnologie seit Jahren zur Staatsaufgabe erklärt. Forschung wird gefördert, Zulassungsverfahren wurden beschleunigt, klinische Studien laufen schneller als in Europa. Hinzu kommt ein riesiger Heimatmarkt mit Millionen Patienten. Was im Westen oft Jahre dauert, lässt sich in China deutlich schneller organisieren. Albert Bourla bringt den Unterschied auf die Formel. Chinesische Unternehmen entwickelten Medikamente „zum halben Preis und dreimal schneller“ als viele Wettbewerber.
Die Zahlen zeigen, dass aus der chinesischen Aufholjagd längst ein Wettlauf auf Augenhöhe geworden ist. Nach Daten von Porsche Consulting stammen inzwischen vier der acht Unternehmen mit den meisten Wirkstoffkandidaten kurz vor der Marktzulassung aus China. Rund 30 Prozent aller neuen klinischen Studien weltweit werden dort gestartet. Bei modernen Krebstherapien wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten gehört China inzwischen zur Weltspitze.
Noch aber ist der Westen nicht abgehängt. Den chinesischen Konzernen fehlt häufig, was sich nicht über Nacht aufbauen lässt: internationale Vertriebsnetze, Erfahrung mit Zulassungsverfahren in Europa und den USA sowie Manager, die globale Pharmamärkte aus kennen. Viele holen deshalb Führungskräfte von Pfizer, Roche oder Merck. Das zeigt, wo die Schwachstelle noch liegt.
Hinzu kommt die Politik. Washington betrachtet Chinas Biotechnologie längst nicht mehr nur als Wirtschaftsfaktor, sondern als strategische Frage. Neue Gesetze wie der Biosecure Act sollen die Zusammenarbeit staatlicher Einrichtungen mit bestimmten chinesischen Unternehmen einschränken. Der Pharmamarkt wird damit Teil jenes geopolitischen Ringens, das bereits Halbleiter, Batterien und Künstliche Intelligenz erfasst hat.
Das ändert jedoch wenig an einer Entwicklung. Noch vor wenigen Jahren suchten chinesische Unternehmen den Zugang zu westlicher Forschung. Heute reisen Manager aus Europa und den USA nach China, weil dort die Wirkstoffe entstehen, die ihre Pipelines füllen sollen.
Darin liegt auch ein Widerspruch. Jeder milliardenschwere Lizenzvertrag verschafft westlichen Konzernen neue Medikamente. Gleichzeitig fließt Kapital nach China, das dort in die nächste Generation von Arzneimitteln investiert wird. Partner von heute können die schärfsten Wettbewerber von morgen sein.
Die Geschichte wirkt vertraut. Europa hat Chinas Industrie schon mehrmals unterschätzt. Doch dann wurde im Land der Mitte erst günstiger produziert, dann schneller entwickelt und schließlich entstanden Produkte, die den Weltmarkt veränderten.
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