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Europas Rüstungsboom bringt uns ins Visier Russlands

Дата публикации: 17-09-2026 04:54:00

Explosionen und eine Sprengstoffdrohne zeigen: Europas Rüstungsindustrie gerät selbst ins Visier. Für Anleger wächst das Risiko bei Rheinmetall & Co.

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Explosionen in Munitionswerken, eine Sprengstoffdrohne in Leipzig: Europas Rüstungsindustrie gerät selbst ins Visier. Für Anleger bekommt die vermeintlich sichere Wette auf Rheinmetall & Co. damit ein neues Risiko.

Rüstungsaktien gelten bislang als ziemlich sichere Wette auf eine ziemlich unsichere Welt. Aber diese Rechnung hat seit dem 13. August eine neue Unbekannte, es besteht Explosionsgefahr.

An diesem Tag brach in der Munitionsfabrik von KNDS Ammo Italy in Colleferro, rund 40 Kilometer südöstlich von Rom, ein Feuer aus. Dann kam die Explosion. Der Knall war kilometerweit zu hören, eine gewaltige Rauchwolke stieg über dem Werk auf. Das Feuer hatte den Bereich erreicht, in dem Pulver verarbeitet wird. 24 Beschäftigte konnten rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden. Niemand wurde verletzt.

KNDS untersucht Explosion in Munitionsfabrik

Das Unternehmen produziert dort Munition mittleren und großen Kalibers für Land- und Seestreitkräfte sowie Festtreibstoffe. KNDS Ammo Italy gehört zum deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS, der unter anderem den Leopard 2 und die Panzerhaubitze 2000 herstellt. Er ist ein wichtiger Lieferant für die Ukraine.

KNDS veröffentlichte am folgenden Tag eine offizielle Mitteilung. Das Unternehmen erklärt, die Umstände würden von den Teams vor Ort untersucht. Gegenüber italienischen Medien hieß es: Man könne derzeit „keine weiteren bestätigten Details zur Ursache oder zum genauen Ablauf der Ereignisse“ nennen.

IPO verschoben – Anleger werden vorsichtig

Der Vorfall ist für Anleger interessant. Denn KNDS war bis vor wenigen Wochen einer der spektakulärsten Börsenkandidaten Europas. Das Unternehmen wollte in Frankfurt und Paris aufs Parkett. Die deutschen Familieneigentümer und der französische Staat sollten jeweils zehn Prozent ihrer Anteile an Investoren verkaufen. Gleichzeitig plant die Bundesregierung den großen Einstieg: Sie soll die verbleibenden 40 Prozent der deutschen Eigentümer übernehmen. Deutschland und Frankreich wären damit künftig gleichberechtigte staatliche Ankeraktionäre.

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Anfang Juli wurde der Börsengang wegen der schwierigen Marktbedingungen für Rüstungsaktien verschoben. Selbst Börsenlieblinge wie Rheinmetall sind derzeit unter Druck. KNDS-Verwaltungsratsvorsitzender Tom Enders stellte allerdings erst Anfang August klar, der IPO bleibe die absolute Priorität.

KNDS steht exemplarisch für die große Wette, die Staaten und Anleger derzeit auf die europäische Rüstungsindustrie eingehen: Milliardenaufträge, volle Bücher, politischer Rückenwind. Doch während Investoren über Bewertungen und Wachstumsraten rechnen, zeigt sich ein Risiko, das in einem Börsenprospekt besser nicht hervorgehoben wird: Wer Munition und Waffen für einen Krieg produziert, dessen Fabriken und Lieferwege können selbst Teil dieses Krieges werden.

Erst Bulgarien, dann Italien

Und das passiert nicht nur in Colleferro. Drei Tage vor der Explosion in Italien brannte es auf dem Gelände des bulgarischen Rüstungsunternehmens EMCO in Belitsa. Ein Lastwagen geriet nach bisherigen Erkenntnissen bei einer Treibstofflieferung in Brand, das Feuer griff auf ein Munitionslager über, Explosionen folgten. Rund 300 Menschen wurden evakuiert. Auch dort gab es keine Verletzten.

EMCO ist nicht irgendein Munitionshersteller. Das Unternehmen des bulgarischen Waffenhändlers Emilian Gebrev liefert Waffen und Munition an die Ukraine. Gebrev selbst wurde 2015 Opfer eines Giftanschlags, den bulgarische Ermittler mit russischen Geheimdienststrukturen in Verbindung gebracht haben.

Bulgarische Staatsanwälte untersuchten zudem bereits frühere Explosionen in Munitionsdepots auf mögliche russische Beteiligung. Sprach der Betreiber bezüglich des Vorfalls in Belitsa zunächst noch von einem Unfall, bekommen die Ereignisse durch tagesaktuelle Meldungen vom 11. und 12. September 2026 eine neue Dimension: In einem zweiten EMCO-Werk nahe Tsareva Livada kam es nun ebenfalls zu Explosionen. In diesem jüngsten Fall geht der Betreiber offiziell von einem gezielten Sabotageakt aus.

Eine Sprengstoffdrohne neben ukrainischer Munition

Und dann ist da der vereitelte Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle, wo Anfang August eine mit Sprengstoff bestückte Drohne in einem gesicherten Frachtbereich gefunden wurde. In unmittelbarer Nähe stand ein ukrainisches Transportflugzeug. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt spricht von einer „neuen Bedrohungslage“. Die Ermittler gehen von einem professionellen Vorgehen aus.

Damit verändert sich die wirtschaftliche Betrachtung des Ukraine-Krieges: Er findet nicht nur dort statt, wo geschossen wird. Seine Nachschublinien ziehen sich quer durch Europa. Munition wird produziert, gelagert, auf Lastwagen geladen, zu Flughäfen gefahren und von dort weitertransportiert. Italien, Bulgarien und Deutschland sind geografisch Hinterland. Logistisch sind sie es längst nicht mehr.

Die Börse liebt trotzdem noch Rüstung

Mit Blick auf Rüstungsaktien bleiben trotz der derzeitigen Flaute viele Analysten optimistisch. Jefferies-Analystin Chloe Lemarié erhöhte Mitte August ihr Kursziel für Rheinmetall von 1300 auf 1350 Euro und beließ die Aktie auf „Buy“. Entscheidend seien Auftragslage und Umsetzung. JPMorgan ist vorsichtiger und bleibt bei „Neutral“ mit einem Kursziel von 1350 Euro.

Bei Hensoldt erhöhte JPMorgan Anfang August das Kursziel von 85 auf 100 Euro. Analyst David Perry begründet das damit, dass Investoren bereit seien, für Unternehmen mit Technologien für die „Zukunft der Kriegsführung“ höhere Bewertungen zu bezahlen.

In Sicherheit investieren kann sehr gefährlich sein

Fundamental ist diese Zuversicht verständlich. Rheinmetall sitzt auf einem Auftragsbestand von rund 80 Milliarden Euro. Hensoldts Auftragsbestand hat erstmals zehn Milliarden Euro überschritten. Europa muss aufrüsten, unabhängig davon, wann und wie der Krieg in der Ukraine endet. Nur haben Anleger vielleicht einen Denkfehler gemacht. Sie haben Rüstungsunternehmen bislang vor allem als Profiteure geopolitischer Unsicherheit betrachtet.

Doch Unternehmen, die Waffen herstellen, sind nicht nur Profiteure eines Konflikts. Ihre Werke, Lieferketten, Lager und Transportwege können selbst Teil dieses Konflikts werden. Wer in einen Autobauer investiert, muss über Absatzmärkte, Zölle und Batterien nachdenken. Wer in einen Rüstungskonzern investiert, muss inzwischen zusätzlich darüber nachdenken, ob Fabriken, Depots und Transportwege zu Zielen hybrider Kriegsführung werden.

Manchmal gilt an der Börse das genaue Gegenteil dessen, was zunächst logisch klingt: In Sicherheit zu investieren, kann äußerst gefährlich sein.

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