Das Zeitalter des billigen Geldes ist vorbei. Steigende Anleiherenditen zeigen, wie groß die Risiken durch Schulden und Inflation geworden sind.
Japan, Großbritannien, Deutschland und die USA: Überall steigen die Anleiherenditen. Der Markt fordert seinen Preis – und die Folgen könnten für Anleger enorm sein.
Rund 145 Billionen Dollar stecken im globalen Anleihenmarkt – damit ist er etwa so groß wie alle Aktienmärkte der Welt zusammen. Trotzdem redet kaum jemand darüber. Dabei ist er der wichtigere Markt von beiden: Hier wird der Preis des Geldes gemacht, für jede Hypothek, jeden Unternehmenskredit, jede Aktienbewertung, jeden Staatshaushalt. Wenn dieser Markt zuckt, zuckt alles mit. Und gerade zuckt er nicht nur – er krampft. Global.
Ein Blick auf die Anleihemärkte zeigt, wie ernst die Lage ist:
Die meisten nennen es einen Ausverkauf. Ich nenne es eine Rückkehr zur Realität. Zwei Jahrzehnte lang haben Notenbanken den Zins praktisch abgeschafft: Nullzinsen, Strafzinsen, Anleihenkäufe in Billionenhöhe, dazu in Japan eine Zinskurvensteuerung, bei der die Notenbank den Preis für Geld schlicht per Dekret festgelegt hat. Ich habe das seit Jahren als das bezeichnet, was es aus meiner Sicht ist: finanzielle Repression – eine schleichende Umverteilung zulasten der Sparer. Jetzt kommt aus meiner Sicht die Rechnung.
ANZEIGE
ANZEIGE
Der Markt holt sich die Preisfindung zurück, die er über Jahre nicht hatte. Der Zins ist der Preis für Risiko und Zeit: Verschulden sich Staaten schneller, als sie wachsen, steigt dieser Preis. Dahinter stehen aus meiner Sicht drei Kräfte gleichzeitig.
Der Ölpreis liegt über 90 Dollar, Brent zeitweise nahe 97 Dollar. Die Eskalation zwischen den USA und dem Iran treibt die Energiepreise. Die Eurozone meldete für August eine Inflation von 3,3 Prozent nach 2,9 Prozent im Juli. Fed-Chef Kevin Warsh machte in Jackson Hole klar, dass die Arbeit noch nicht getan sei. Die Märkte preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von über 60 Prozent für eine Zinserhöhung am 16. September ein – vor einer Woche waren es noch 37 Prozent.
Staaten und Unternehmen wollen 2026 rund 29 Billionen Dollar am Anleihemarkt aufnehmen, ein Rekordwert. Dazu kommt eine beispiellose Welle an Unternehmensanleihen, weil der KI-Bau-Boom finanziert werden muss – Microsoft, Apple und JPMorgan drängen alle an den Markt. Die Emissionstätigkeit im September liegt Schätzungen zufolge 30 bis 40 Prozent über dem Zehnjahresschnitt.
Die Frage ist: Wer kauft das alles? Die Notenbanken nicht mehr, die verkaufen eher. Japan auch nicht mehr, dort wird das Kapital zunehmend im eigenen Land gebraucht. Bezeichnend finde ich, dass das US-Finanzministerium inzwischen eigene, gerade erst ausgegebene Anleihen zurückkauft. Für mich ist das kein cleverer Mechanismus, sondern ein Krisensymptom.
Das US-Finanzministerium hat im August mit Rückkäufen langlaufender Papiere eingegriffen, um die Zinsen zu deckeln. Ergebnis: Die Renditen haben zwei Drittel des Rückgangs bereits wieder aufgeholt. Der Markt lässt sich derzeit nicht mehr einschüchtern – aus meiner Sicht ein neues und wichtiges Signal.
Zur Einordnung ein persönlicher Vergleich: Als mein Buch über die Schuldenkrise erschien, lag die zehnjährige Bundesanleihe bei minus 0,71 Prozent. Damals hieß es oft, Zinsen kämen nie wieder zurück. Heute stehen wir bei 3,35 Prozent, und der Bund muss seine Zinsausgaben bis 2030 voraussichtlich verdreifachen.
Die Grundrechnung bleibt für mich über die Wirtschaftsgeschichte hinweg dieselbe: Unbegrenzt vermehrbares Papiergeld verliert gegenüber begrenzt vermehrbaren Sachwerten. Deshalb setze ich seit über einem Jahrzehnt auf dieselben Bausteine: Gold, Silber, Bitcoin, Rohstoffe und produktive Substanz. Nicht, weil ich grundsätzlich Krisen herbeireden will, sondern weil Knappheit die einzige Eigenschaft ist, die keine Regierung per Beschluss abschaffen kann.
Neben Washington lohnt sich der Blick nach Tokio. Japan war jahrzehntelang der Anker des globalen Anleihemarktes: Japanische Versicherer, Pensionskassen und Banken haben ihr Geld ins Ausland getragen, weil es zu Hause kaum Rendite gab. Dieses Kapital hat amerikanische Staatsanleihen, europäische Immobilien und globale Aktienmärkte mitfinanziert – der sogenannte Yen-Carry-Trade war über Jahre ein Schmiermittel der Weltfinanz.
Jetzt gibt es auch im Inland wieder Rendite, über vier Prozent auf 30 Jahre, ohne Wechselkursrisiko. Kehrt dieses Kapital nach Hause zurück, dürfte das vor allem das treffen, was mit billigem Geld finanziert wurde. Fällt der Abstand zwischen japanischen und amerikanischen Dreißigjährigen unter 100 Basispunkte, wird es aus meiner Sicht für US-Staatsanleihen ungemütlich. Gleichzeitig fährt Premierministerin Takaichi eine expansive Fiskalpolitik mit Rekord-Budgetanmeldungen – aus meiner Sicht eine riskante Kombination für ein Land mit rund 200 Prozent Schuldenquote.
Auch hierzulande wird es ungemütlicher. Die Zinsausgaben des Bundes sollen laut Finanzplanung der Bundesregierung von rund 33,7 Milliarden Euro 2026 auf 43,6 Milliarden 2027 steigen, danach auf 55,2 Milliarden (2028), 68,1 Milliarden (2029) und 80,7 Milliarden Euro (2030) – nahezu eine Verdreifachung in vier Jahren, allein für den Schuldendienst. Für 2027 ist eine Neuverschuldung von rund 196,5 Milliarden Euro geplant, kumuliert bis 2030 über eine Billion Euro. Das 500-Milliarden-Sondervermögen ist dabei noch längst nicht vollständig abgerufen.
Als Grund für die steigenden Zinskosten nennt die Bundesregierung selbst den höheren Schuldenstand und die gestiegenen Renditen für Bundeswertpapiere. Aus meiner Sicht ist das ein Kurs, der sich mit einer weiter ausgehöhlten Schuldenbremse und immer neuen Sondervermögen fortsetzt, ohne dass die strukturellen Probleme angegangen werden.
Staatsanleihen gelten gemeinhin als sicher – die Realität sieht anders aus. Ein Beispiel: Die nullverzinste Bundesanleihe mit Laufzeit bis 2050 (ISIN DE0001102481) wurde im Oktober 2020 bei einer Aufstockung zu 104,95 Prozent zugeteilt. Aktuell notiert sie bei rund 42 Prozent – ein Kursverlust von knapp 60 Prozent bei einem Papier, das als „risikofrei“ verkauft wurde.
Auch Banken und Versicherer sind betroffen: Wer lang laufende Anleihen in den Büchern hält und sie nicht zu Marktpreisen bewerten muss, ist deshalb nicht automatisch gesund. Bei Gewerbeimmobilien in Europa führen höhere Renditen zu höheren Kapitalisierungssätzen und damit zu fallenden Bewertungen, gerade wenn Anschlussfinanzierungen jetzt anstehen. Und auch der Aktienmarkt kann sich der Entwicklung aus meiner Sicht nicht dauerhaft entziehen: Wenn risikofreie Anleihen fünf Prozent bringen, muss jede Aktienbewertung neu gerechnet werden.
Wird die Zinslast eines Staates untragbar, bleiben historisch im Kern drei Auswege: sparen, einen Zahlungsausfall erklären – oder die Schuld über Inflation und finanzielle Repression entwerten. Meiner Einschätzung nach ist der dritte Weg der wahrscheinlichste.
Krisen verschieben aus meiner Sicht vor allem Vermögen, sie lösen es nicht auf. Für Anleger sehe ich fünf Bausteine:
Vage Formulierungen wie „mittelfristig erhöhte Volatilität“ halte ich für wenig aussagekräftig. Deshalb vier konkrete, überprüfbare Einschätzungen:
Fällt die Inflation in Euroraum und USA zwei Jahre in Folge unter zwei Prozent, ohne dass die Notenbanken eingreifen müssen, und bauen die Staaten gleichzeitig ihre Defizite ab, liege ich mit dieser Einschätzung falsch. Das halte ich aktuell für unwahrscheinlich, messen lassen sollte man eine solche Prognose aber trotzdem daran.
Der Anleihemarkt lügt aus meiner Sicht nicht, er rechnet nur konsequent. Was er gerade ausrechnet, ist unbequem: Das Zeitalter des extrem billigen Geldes ist vorbei, nicht nur pausiert. Ich halte das für die Normalisierung nach 40 Jahren Anleihen-Hausse – nicht, weil ich Pessimist bin, sondern weil ein Schuldgeldsystem aus meiner Sicht keine zweite Lösung kennt. Noch bleibt Zeit, sich darauf einzustellen. Aber nicht mehr viel.
Über den Autor
Marc Friedrich ist Deutschlands erfolgreichster Sachbuchautor (7 SPIEGEL Bestseller in Folge), ausgewiesener Finanzexperte, gefragter Redner, YouTube-Star, bekannt aus Funk und TV, Vordenker, Freigeist und Honorarberater. Sein neuester SPIEGEL Bestseller trägt den Titel „Die größte Revolution aller Zeiten – Warum unser Geld stirbt und wie Sie davon profitieren„ und beschäftigt sich ausschließlich mit den Themen Bitcoin, Zyklen und Geldgeschichte. Außerdem ist Marc Friedrich Gründer und Initiator des Investmentbriefs Friedrich Report, in dem Analysen zu einzelnen Aktien, aber auch zu Rohstoffen und Bitcoin veröffentlicht werden. Mehr Informationen: www.friedrich-partner.de; www.marc-friedrich.de und friedrich.report X: @marcfriedrich und Instagram: @marcfriedrich7
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | USA, Dollar, Gold: Die neue Schuldenangst an den Märkten | 0 | 7.12 | 10-09-2026 |
| 2 | Öl, Zinsen, Inflation: Die Märkte stehen am Kipp-Punkt | 0 | 11.77 | 02-09-2026 |
| 3 | Anleger wenden sich ab: Für die USA wird Geld immer teurer | 0 | 8.69 | 20-09-2026 |
| 4 | Deutsche Bank warnt: Der Markt „unterschätzt das Ausmaß der bevorstehenden Straffung“ – Fed und EZB könnten noch stärker an der Zinsschraube drehen | 0 | 7.62 | 25-09-2026 |
| 5 | Kreditversicherer warnt: Jede 3. Großinsolvenz in Westeuropa trifft Deutschland | 0 | 12.22 | 13-09-2026 |
| 6 | Inflation ist der gefährlichste Wohlstandsvernichter | 0 | 9.22 | 06-09-2026 |
| 7 | Warum Amerikas Inflation schöner ist als die Wirklichkeit | 0 | 11.23 | 03-09-2026 |
| 8 | EZB zeigt mit Zinserhöhung Stärke – jetzt zählt das richtige Timing | 0 | 11.67 | 12-09-2026 |
| 9 | Droht die nächste Finanzkrise? Der gefährliche 302-Billionen-Euro-Schuldenberg der Welt | 0 | 11.3 | 22-08-2026 |
| 10 | Auch Deutschland spürt jetzt das Misstrauen der Anleger | 0 | 12.94 | 13-09-2026 |