Staatsschulden geraten wieder in den Fokus der Märkte. Ein Bankstratege erklärt die Risiken für USA und Europa – und warum Gold jetzt wichtig bleibt.
Hohe Schulden, steigende Zinsen, ein wackelnder Dollar: Merck-Finck-Chefstratege Robert Greil erklärt, warum Anleger sich jetzt gegen Extremszenarien absichern sollten.
Die Staatsschulden der großen Wirtschaftsnationen rücken wieder ins Zentrum der Finanzmärkte – allen voran die der USA. Jahrelang störte sich kaum jemand daran. Die Zinsen lagen nahe null, Inflation war kein Thema, und die Notenbanken pumpten Geld ins System. Diese Zeiten sind vorbei, sagt Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Finck:
„Lange konnten Anleger hohe Staatsschulden weitgehend ignorieren, solange die Zinsen nahe null bzw. extrem niedrig waren, die Inflation kaum Thema war und die Notenbanken expansiv agierten. Dieses Umfeld ist vorbei.“
Heute sieht die Lage anders aus. Die Schulden wachsen weiter, die Zinsen liegen spürbar höher, dazu kommen geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise. Greil bringt es auf den Punkt: „Heute treffen hohe und weiter steigende Schulden auf spürbar höhere Zinsen, größere geopolitische Unsicherheit und steigende Energiepreise. Besonders die Fiskalpolitik der USA wird von den Märkten mit Argusaugen beobachtet.“
Die Zahlen dahinter sind beachtlich: Die US-Staatsverschuldung liegt inzwischen bei rund 40 Billionen US-Dollar, etwa 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Gebremst wird hier nicht – im Gegenteil. Die Regierung gibt weiter Geld aus, obwohl die Finanzierung durch die höheren Zinsen deutlich teurer geworden ist. Manche Investoren sehen die Schuldentragfähigkeit der USA bereits als angeschlagen an. Auch Merck Finck hat die eigene Allokation deshalb leicht zurückgefahren.
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Merck Finck bleibt deshalb bei US-Staatsanleihen taktisch leicht untergewichtet. Wichtiger als die nächste Zinsentscheidung der Fed ist für Greil eine andere Frage: Trauen die Märkte der US-Fiskalpolitik weiterhin zu, hohe Defizite, steigende Zinskosten und große Emissionsvolumina zu stemmen, ohne höhere Risikoprämien zu verlangen? Je mehr Zweifel daran aufkommen, desto stärker kann der Bondmarkt selbst zur Bremse werden. Dort bündeln sich derzeit gleich mehrere Belastungsfaktoren: die Schuldenproblematik, die Folgen des Iran-Kriegs mit steigenden Energiepreisen, die wachsenden Anleiheemissionen der KI-Konzerne und die Sorge vor weiter steigenden Notenbankzinsen.
Die Auswirkungen beschränken sich nicht auf den Anleihemarkt. Auch der Dollar könnte unter höheren US-Renditen und wachsenden fiskalischen Zweifeln leiden. Normalerweise stützen höhere Renditen die eigene Währung. Stehen sie aber nicht mehr für wirtschaftliche Stärke, sondern für Zweifel an der Schuldentragfähigkeit, kann sich dieser Zusammenhang umkehren.
Die USA liefern damit ein mahnendes Beispiel für Europa. Die Ausgangslage ist eine andere, sorgenfrei ist sie deshalb nicht. Im ersten Quartal 2026 lag die Staatsschuldenquote der Eurozone bei knapp 89 Prozent der Wirtschaftsleistung. Länder wie Italien, Frankreich, Belgien und Spanien liegen deutlich darüber. Gleichzeitig wachsen die Ausgaben für Verteidigung, Infrastruktur, Energie, Demografie und Klimaanpassung – und der Erfolg populistischer Parteien erhöht den Druck zusätzlich.
Deutschland steht besser da, ist von der Entwicklung aber nicht abgekoppelt. Die Schuldenquote liegt zuletzt bei gut 64 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im ersten Halbjahr 2026 stieg das gesamtstaatliche Defizit jedoch auf 3,1 Prozent der Wirtschaftsleistung – und rutschte damit wieder über die Maastricht-Grenze. Auch Deutschland bewegt sich damit in eine Phase, in der höhere Investitionen politisch gewollt sind, ihre Finanzierung aber genauer geprüft werden muss. Gerade wenn Wahlergebnisse kurzfristige Wohltaten parteipolitisch attraktiv machen, ist Vorsicht angebracht.
Das Schuldenproblem beschränkt sich also nicht auf die USA. In einem solchen Umfeld gewinnen reale Vermögenswerte an Bedeutung. Gold profitiert von mehreren Faktoren gleichzeitig: steigenden Staatsschulden, geopolitischer Unsicherheit und anhaltender Nachfrage von Notenbanken – und, sobald die Unsicherheit wieder zunimmt, auch von privaten Anlegern. Hinzu kommt: Staatsanleihen schützen möglicherweise nicht mehr so zuverlässig vor fiskalischen und geopolitischen Schocks wie in früheren Marktphasen.
Merck Finck hält deshalb an der Übergewichtung von Gold fest. Es geht dabei nicht um eine kurzfristige Wette auf die nächste Krise, sondern um einen Baustein, der Portfolios robuster macht, wenn der klassische Schutz durch Staatsanleihen an Verlässlichkeit verliert.
Greils Fazit fällt entsprechend aus: „Ob wir in den USA oder in Europa eine ernsthafte Schuldenkrise sehen werden, ist nicht ausgemacht. Investoren sollten ihr Portfolio nicht komplett auf Extremszenarien ausrichten. Es ist aber ratsam, einen wirksamen Teilschutz für Extremszenarien dabei zu haben. Gold und auch breit gefächerte Rohstoffe können hier eine wichtige Rolle übernehmen.“
Sein Rat für Anleger in dieser unsicheren Lage bleibt einfach: breit diversifizieren – und für verschiedene Szenarien gerüstet sein.
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