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Auch Deutschland spürt jetzt das Misstrauen der Anleger

Дата публикации: 13-09-2026 08:29:00

Die Renditen von US-Staatsanleihen steigen auf Rekordniveau. Washington interveniert, Gold und Bitcoin profitieren, Deutschland rückt in den Fokus.

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Die Rendite 30-jähriger US-Anleihen sprang über 5,3 Prozent, Washington greift ein, Gold und Bitcoin steigen, jetzt blickt der Markt auf Deutschland.

Es gibt Preise an den Finanzmärkten, die sind wichtiger als der DAX, der Bitcoin oder der Goldpreis. Einer davon ist der Zins für amerikanische Staatsanleihen. Und genau dieser Preis sendet derzeit ein Warnsignal um die Welt: Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen ist zeitweise auf mehr als 5,3 Prozent gestiegen. Das ist so hoch wie seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr. Bei zehnjährigen Papieren waren es zuletzt rund 4,7 Prozent. Was für Sparer zunächst erfreulich klingt, ist für Regierungen, Unternehmen, Hauskäufer und letztlich die gesamte Weltwirtschaft ein Alarmzeichen.

Denn wenn Anleger für Staatsanleihen höhere Renditen verlangen, heißt das im Klartext: Sie wollen für ihr Risiko, das entsteht, wenn sie dem Staat Geld leihen, besser bezahlt werden. Und wenn das ausgerechnet bei amerikanischen Staatsanleihen geschieht, dem Fundament des globalen Finanzsystems, ist das ein schlechtes Zeichen für das Weltfinanzsystem.

Der Preis des Misstrauens

Der Mechanismus dahinter geht so: Werden bereits ausgegebene Anleihen in großer Anzahl weiterverkauft, sinkt ihr Kurs. Weil ihre festgelegten Zinszahlungen nun auf einen niedrigeren Kaufpreis treffen, steigt die Rendite jeder einzelnen Anleihe. Will der Staat anschließend neue Schulden aufnehmen, muss er sich an diesem höheren Marktzins orientieren. So entsteht ein gefährlicher Kreislauf: mehr Schulden, höhere Zinsen, steigende Zinsausgaben und damit womöglich noch mehr Schulden.

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Amerika liefert derzeit das Anschauungsmaterial dazu. Die US-Staatsschulden haben erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Gleichzeitig bleiben die jährlichen Haushaltsdefizite gewaltig. Die unabhängige Haushaltsbehörde des US-Kongresses sieht die Staatsschulden ohne politische Kursänderung in den kommenden Jahren weiter kräftig steigen. Und der amerikanische Staat konkurriert, wenn er sich Geld leiht, inzwischen mit einem weiteren gigantischen Kapitalbedarf: Tech-Konzerne investieren Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren und künstliche Intelligenz. Hinzu kommen höhere Ölpreise und Inflationsrisiken infolge des Konflikts mit Iran. Das Problem ist damit nicht nur die Höhe der amerikanischen Schulden. Es ist die schiere Menge an Kapital, die gleichzeitig gesucht wird.

Jetzt greift Washington selbst ein

Wie nervös die Lage geworden ist, zeigt die Intervention von US-Finanzminister Scott Bessent. Sein Ministerium kündigte an, die Rückkäufe länger laufender Staatsanleihen zu verdoppeln. Bei einzelnen Operationen sollen künftig mindestens vier statt bisher zwei Milliarden Dollar zurückgekauft werden. Der damit einsetzende Mechanismus soll umgekehrt zum Ausverkauf funktionieren: Kauft das Finanzministerium Anleihen zurück, steigt deren Nachfrage. Der Kurs steigt und die Rendite fällt. Washington versucht damit, Spannungen am Anleihemarkt zu lindern. Die angekündigten größeren Rückkäufe beginnen im September. Allein die Ankündigung sollte beruhigend wirken, so lautete Bessents Hoffnung.

Doch er irrte sich. Die Erleichterung am Markt hielt sich in engen Grenzen. Der legendäre Investor Stanley Druckenmiller, ein früherer Mentor Bessents, bezeichnete den Schritt inzwischen sogar als Fehler. Er fürchtet um die Glaubwürdigkeit des Anleihe-Marktes. Der Staat solle nicht versuchen, den Preis seiner Schulden zu beeinflussen, sondern das eigentliche Problem angehen: das Haushaltsdefizit. Damit trifft der Investor den empfindlichen Punkt. Einen Zins kann eine Regierung kurzfristig beeinflussen. Die Schulden, die hinter diesem Zins stehen, verschwinden dadurch aber nicht.

Warsh in der Zwickmühle

Die Lage wird zusätzlich kompliziert, weil eigentlich die Notenbank, die Federal Reserve, für die amerikanische Geldpolitik zuständig ist. Fed-Chef Kevin Warsh steht dabei vor einem Dilemma. Die Inflation ist noch nicht endgültig besiegt. Gleichzeitig treiben steigende langfristige Renditen die Finanzierungskosten für Immobilien, Unternehmen und den Staat nach oben. Normalerweise könnte eine Zentralbank mit Zinssenkungen gegensteuern. Doch wenn Anleger wegen Inflation und Staatsverschuldung einen höheren Risikoaufschlag verlangen, können die Renditen langlaufender Anleihen hoch bleiben, selbst wenn die Fed kurzfristige Zinsen senkt. Warsh steht vor der Frage: Kann die Fed die Inflation glaubwürdig bekämpfen und gleichzeitig verhindern, dass der Anleihemarkt die Konjunktur abwürgt?

Die neue Angst: Ich bekomme mein Geld zurück – aber was ist es dann noch wert?

Kaum jemand glaubt ernsthaft, dass die Vereinigten Staaten ihre Schulden in Dollar nicht mehr bedienen können. Schließlich können die USA ihre eigene Währung drucken. Die viel subtilere Sorge der Anleger lautet deshalb: Was sind die Dollar, die ich in zehn oder 30 Jahren zurückbekomme, dann noch wert? Hier beginnt der sogenannte „Debasement Trade“, also die Wette auf eine schleichende Entwertung staatlichen Geldes. Anleger, die das befürchten, suchen Vermögenswerte, deren Angebot eine Regierung nicht einfach erhöhen und dadurch entwerten kann. Gold erfüllt diese Funktion seit Jahrtausenden. Bitcoin soll die digitale Variante davon sein.

Und beide profitieren derzeit. Gold zog nach der Bessent-Ankündigung ebenso wie Bitcoin kräftig an. Geoff Kendrick, Leiter der Digital-Asset-Analyse bei der britischen Großbank Standard Chartered, sieht gerade in den staatlichen Eingriffen einen Treiber für Bitcoin: Wenn Regierungen erkennen lassen, dass sie einen weiteren Anstieg ihrer Finanzierungskosten verhindern wollen, verstärkt das die Debatte über eine mögliche Geldentwertung. Auch andere springen bei: Der Schweizer Vermögensverwalter Daniel Stüssi hatte bereits im Februar prognostiziert, die steigende Verschuldung westlicher Staaten werde 2026 die Unsicherheit erhöhen und Anleger könnten sich schrittweise von Anleihen in Richtung Sachwerte bewegen.

Das Problem ist global

Die Sorge vor dem sich selbst verstärkenden Verschuldungstsunami beschränkt sich längst nicht auf Amerika. Japan hat Staatsschulden von mehr als dem Doppelten seiner jährlichen Wirtschaftsleistung. Steigen dort die Zinsen, trifft das einen Staat, dessen Finanzmodell über Jahrzehnte auf extrem niedrigen Finanzierungskosten beruhte. Frankreich kämpft ebenfalls mit hohen Defiziten und wachsender Verschuldung. Auch Großbritannien muss für langfristige Schulden wieder Zinsen bezahlen, die vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren. Das gemeinsame Problem der großen Industrieländer: Sie müssen alternde Gesellschaften finanzieren, ihre Verteidigungsausgaben erhöhen, Infrastruktur erneuern und gleichzeitig die wirtschaftlichen Folgen geopolitischer Konflikte bewältigen.

Dazu kommt ein entscheidender struktureller Wandel. In den Jahren nach der Finanzkrise waren die Zentralbanken gigantische Käufer von Staatsanleihen. Diese automatische Nachfrage gibt es in dieser Form nicht mehr. Mehr Angebot trifft auf risikobewusste Käufer. Das Ergebnis heißt: höhere Zinsen.

Und plötzlich schaut der Markt auch auf Deutschland

Selbst Deutschland kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Die Rendite 30-jähriger Bundesanleihen stieg auf rund 3,8 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 2011. Bei einer jüngsten Auktion zehnjähriger Bundesanleihen blieb die Nachfrage auffällig schwach. Deutschland will von 2027 bis 2030 rund 840 Milliarden Euro aufnehmen. Die Commerzbank erwartet allein 2027 Bundesanleihe-Emissionen von rund 400 Milliarden Euro – ein Rekord.

Noch besitzt Deutschland die Bestnote. S&P, Moody's, Fitch und andere große Ratingagenturen führen die Bundesrepublik weiterhin mit AAA beziehungsweise Aaa und stabilem Ausblick. Eine akute Bonitätskrise gibt es nicht. Aber die Rechnung dahinter verändert sich. Scope erwartet, dass Deutschlands Schuldenquote bis zum Ende des Jahrzehnts in Richtung 70 Prozent der Wirtschaftsleistung steigt. Und nach Berechnungen des Bundes sollen sich die Zinsausgaben von 41,9 Milliarden Euro im Jahr 2027 bis 2030 auf mehr als 80 Milliarden Euro nahezu verdoppeln.

Das ist der eigentliche Preis der neuen Schuldenwelt: Jeder Euro, der künftig für Zinsen ausgegeben wird, fehlt für Straßen, Schulen, Verteidigung oder Steuersenkungen.

Der Magen der Märkte

Noch herrscht keine Finanzkrise. Der DAX stottert zwar gerade mal wieder, aber notiert weiterhin auf hohem Niveau. Die deutsche Wirtschaft zeigt sogar vorsichtige Lebenszeichen und wächst hinter dem Komma ein bisschen schneller als erwartet. Doch unter der Oberfläche hat sich etwas verschoben. Über Jahrzehnte konnten sich die großen Industriestaaten darauf verlassen, dass Anleger ihre Schulden fast unabhängig von deren Menge kaufen würden. Amerika hatte den Dollar. Deutschland das AAA. Japan seine heimischen Anleger. Und hinter allen standen im Zweifel mächtige Zentralbanken.

Jetzt kehrt eine alte Disziplinierungsinstanz zurück: der Anleihemarkt. Steigende Staatszinsen verteuern Kredite, drücken die Kurse bestehender Anleihen, verändern Aktienbewertungen und schränken den Spielraum der Politik ein. Und Anleger stellen wieder eine Frage, die in der Nullzinswelt beinahe vergessen war: Was bekomme ich dafür, dass ich einem Staat für zehn, zwanzig oder dreißig Jahre mein Geld anvertraue? Die Antwort bleibt offen und das schlägt den Anlegern zunehmend auf den Magen.

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