Die Deutsche Bank warnt vor kräftigeren Zinserhöhungen. Teure Energie und die Lehren aus 2022 erhöhen den Druck auf Fed und EZB.
Die Märkte rechnen mit weiteren Zinsschritten. Der Deutschen Bank reicht das womöglich nicht: Historische Erfahrungen und teure Rohstoffe sprechen für eine deutlich härtere Zinsrunde.
Die Hoffnung auf schnell wieder sinkende Zinsen bekommt einen weiteren Dämpfer. Nach Einschätzung der Deutschen Bank könnte der neue Straffungszyklus von Fed, EZB und anderen Notenbanken erheblich kräftiger ausfallen, als es die Finanzmärkte derzeit erwarten.
Makrostratege Henry Allen verweist dabei nicht nur auf den jüngsten Energiepreisschub. Vor allem die Geschichte früherer Zinswenden spreche dafür, dass Anleger am Anfang solcher Phasen regelmäßig unterschätzen, wie hoch die Zinsen am Ende tatsächlich steigen.
Das Wichtigste aus der Analyse:
Die Ausgangslage hat sich innerhalb weniger Wochen deutlich verändert. Die von EZB-Präsidentin Christine Lagarde geführte Europäische Zentralbank erhöhte ihre Leitzinsen am 10. September um 25 Basispunkte. Der Einlagenzins liegt damit bei 2,50 Prozent.
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Als Begründung nennt die EZB den anhaltenden Inflationsdruck infolge des Konflikts im Nahen Osten. Für 2027 erwartet sie inzwischen eine durchschnittliche Inflation von 2,5 Prozent – weiterhin klar oberhalb ihres Zwei-Prozent-Ziels.
Und genau hier setzt Allen an. In einer aktuellen Analyse warnt Deutsche-Bank-Stratege, es gebe „stichhaltige Gründe dafür, dass Anleger das Ausmaß der noch bevorstehenden Schritte unterschätzen könnten“.
Als einen Grund nennt er den jüngsten Anstieg der Rohstoffpreise. Dieser könne die Inflation weiter nach oben treiben, obwohl sich der Effekt bislang noch nicht vollständig in den Daten und Umfragen zeige.
Das lässt sich mit einem einfachen Beispiel erklären: Wird Öl teurer, steigt nicht nur die Rechnung an der Tankstelle. Transporte verteuern sich, Fluggesellschaften und Logistiker zahlen mehr, Chemieunternehmen haben höhere Produktionskosten. Ein Teil davon landet mit Verzögerung bei den Kunden.
Hinzu kommt ein psychologischer Faktor in den Zentralbanken. Fed und EZB mussten sich 2021 und 2022 vorwerfen lassen, die Inflation zu lange unterschätzt zu haben. Deshalb könnten sie heute eher Gefahr laufen, auf der anderen Seite vorsichtiger zu sein und stärker zu bremsen.
Die historischen Zahlen geben der Warnung zumindest Nahrung. Eine Deutsche-Bank-Auswertung betrachtet 14 frühere Fed-Zinserhöhungszyklen seit Mitte der 1950er-Jahre. Im Durchschnitt dauerten sie etwa 22 Monate und summierten sich auf 478 Basispunkte, heißt es darin.
100 Basispunkte entsprechen dabei einem Prozentpunkt. Die damals am Markt erwarteten rund 95 Basispunkte für das kommende Jahr wären im historischen Vergleich ungewöhnlich wenig.
Auch 2022 verschätzten sich Anleger erheblich. Die Fed begann damals mit einem kleinen Schritt von 25 Basispunkten, erhöhte später aber mehrfach um jeweils 75 Basispunkte. Innerhalb weniger Monate wurde aus einer vorsichtigen Zinswende eine massive Straffung.
Wie weit dieser politische Druck die Geldpolitik tatsächlich beeinflusst, lässt sich bislang jedoch kaum beurteilen. Bei der jüngsten Entscheidung setzte sich die Fed jedenfalls über Trumps Wunsch nach niedrigeren Zinsen hinweg.
Trump verlangte anschließend erneut Zinsen von höchstens einem Prozent. Warsh verteidigte den Schritt dagegen mit der weiterhin hohen Inflation und schloss weitere Erhöhungen nicht aus.
Hinzu kommt: Selbst ein US-Präsident, der starken Druck auf die Fed ausübt, besitzt keine Macht gegenüber EZB, Bank of Japan oder anderen unabhängigen Zentralbanken. Der derzeitige globale Straffungszyklus hängt deshalb nicht allein davon ab, welchen Kurs das Weiße Haus in Washington bevorzugt.
Dass sich Geschichte wie 2022 wiederholt, ist allerdings keineswegs sicher. Die Nachrichtenagentur Reuters verweist darauf, dass einige Ökonomen die heutigen Zinserwartungen bereits für sehr ambitioniert halten. Bleibt die Kerninflation vergleichsweise stabil und schwächen höhere Energiepreise zugleich Konsum und Wachstum, könnten die Notenbanken früher stoppen.
Genau darin liegt derzeit das Dilemma. Eine robuste Wirtschaft und stabile Börsen geben den Zentralbanken Spielraum für weitere Zinserhöhungen. Brechen Konjunktur und Nachfrage dagegen stärker ein, sinkt dieser Spielraum.
Für Haushalte bedeutet das vor allem: Die Zeit extrem günstigen Geldes dürfte vorerst nicht zurückkehren. Und sollte die Deutsche Bank mit ihrer historischen Parallele recht behalten, könnten die Zinsen nicht nur länger hoch bleiben, sondern zunächst noch deutlich weiter steigen.