Trump wollte niedrigere Zinsen, doch Wunsch-Fed-Chef Kevin Warsh könnte sie nun erhöhen. Der Entscheid wird zum Test für Fed-Unabhängigkeit und Märkte.
Trump wollte mit Kevin Warsh niedrigere Zinsen. Nun könnte sein Wunschkandidat sie ausgerechnet vor den Midterms erhöhen – mit Folgen für Machtkampf, Märkte und deutsche Anleger.
Donald Trump hat Kevin Warsh nicht ins Amt gebracht, damit dieser die Zinsen erhöht. Als der US-Präsident den früheren Notenbanker Anfang des Jahres für die Spitze der Federal Reserve nominierte, verband sich damit im Weißen Haus eine klare Hoffnung: Mit Warsh sollte jene Ära enden, in der Trump öffentlich gegen die aus seiner Sicht viel zu hohen Zinsen wetterte und Fed-Chef Jerome Powell regelmäßig attackierte. Am Mittwoch könnte nun ausgerechnet Trumps Wunschkandidat die Zinsen zum ersten Mal seit Juli 2023 anheben.
Das macht die Fed-Sitzung ungewöhnlich brisant. Es geht um einen Viertelprozentpunkt – aber auch darum, wem sich Warsh verpflichtet fühlt: dem Präsidenten, der ihn ausgewählt hat, oder der Glaubwürdigkeit der Institution, die er seit Mai führt. Warsh muss sich fragen: Folgt er den Inflationsdaten und erhöht die Zinsen – oder kommt er Trumps Forderung nach niedrigeren Zinsen nach?
Warsh kommt nicht als politischer Fremder ins Trump-Universum. Bereits bei seiner Nominierung wird Warshs langjährige politische und gesellschaftliche Verbindungen zum Präsidenten bekannt. Sein Schwiegervater Ronald Lauder ist ein langjähriger Trump-Vertrauter und wichtiger republikanischer Geldgeber. Schon 2017 gehörte Warsh zu den Kandidaten für die Fed-Spitze, damals entschied sich Trump jedoch für Powell.
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Als Warsh am 22. Mai schließlich sein Amt übernahm, endete zunächst der lange offen ausgetragene Krieg zwischen dem Weißen Haus und der Notenbank. Die Fed bestätigt in der Folge, dass Trump Warsh nominiert hatte und dieser nach seiner Bestätigung durch den Senat bis 2030 als Vorsitzender amtieren soll.
Noch Ende August klang der amtierende US-Präsident auffallend versöhnlich. Er habe großen Respekt vor Warsh, sagte Trump, und dieser werde „tun, was er tun muss“. Gleichzeitig machte Trump klar, dass er die US-Zinsen für viel zu hoch hält. Und inzwischen wird aus diesem Wohlwollen ein echter Belastungstest.
Die amerikanische Inflationsrate lag im August weiter bei 3,4 Prozent. Dabei gibt es einen wichtigen Haken: Warsh selbst sieht die Inflation weniger dramatisch als die offiziellen Schlagzeilenzahlen. Er bevorzugt Messgrößen, bei denen besonders starke Preissprünge herausgerechnet werden. So soll besser sichtbar werden, wie breit der Preisdruck tatsächlich ist.
Der von Warsh bevorzugte „Trimmed Mean PCE“ der Dallas Fed lag zuletzt bei 2,3 Prozent. Der gesamte PCE-Index lag dagegen bei 3,7 Prozent, die Kernrate bei 3,3 Prozent. Für Warsh ist das ein Argument dafür, dass ein Teil der hohen Inflation vor allem von einzelnen Bereichen wie Energie kommt – und nicht zwingend von dauerhaft steigenden Preisen in der gesamten Wirtschaft. Allerdings hat auch er zuletzt eingeräumt, dass der Preisdruck noch längst nicht verschwunden ist.
Gleichzeitig bleibt der Arbeitsmarkt robust. Und auch der Krieg zwischen den USA und Iran nimmt Warsh jegliche Argumente dafür, die Zinsen unverändert zu lassen. In Folge von erneuten Eskalationen am Golf ist der Ölpreis auf mehr als 100 Dollar je Barrel geklettert.
Die Erwartungen sind entsprechend eindeutig gekippt. In einer am Montag veröffentlichten Reuters-Umfrage rechnen 86 von 101 Ökonomen mit einer Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 bis 4 Prozent. Noch wenige Tage zuvor hatte eine Mehrheit mit unveränderten Zinsen gerechnet. Auch an den Terminmärkten wird ein Zinsschritt inzwischen mit annähernd 90 Prozent Wahrscheinlichkeit erwartet.
Doch Trump verlangt weiter das Gegenteil. Erst am Sonntag sagte er, die Vereinigten Staaten sollten die niedrigsten Zinsen der Welt haben – unabhängig davon, was die Konjunktur- und Inflationsdaten nahelegen.
Warsh sitzt damit in der Zwickmühle.
Ein Zinsschritt am Mittwoch wäre deshalb zunächst ein starkes Signal institutioneller Unabhängigkeit. Warsh würde zeigen, dass Trumps Wunsch nach billigem Geld nicht über dem Inflationsziel der Fed steht.
Für Trump wäre das politisch sehr unangenehm. Höhere kurzfristige Zinsen verteuern Kredite und können Hypotheken, Unternehmensfinanzierungen und Kreditkarten belasten.
Genau die Frage nach der Bezahlbarkeit des Lebens beschäftigt viele Amerikaner vor den Midterms am 3. November. Bei diesen Zwischenwahlen werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats neu gewählt – damit entscheidet sich auch, ob Trumps Republikaner ihre Mehrheiten im Kongress behaupten können. Hohe Preise, teure Kredite und steigende Wohnkosten sind deshalb unmittelbar wahlentscheidend.
In einer aktuellen Ipsos-Erhebung liegt Trumps Zustimmungswert bei lediglich 35 Prozent. Die Demokraten führen bei der allgemeinen Kongresspräferenz mit sieben Punkten.
Hält die Fed die Zinsen dagegen unverändert, dürfte Trump zunächst zufrieden sein. Für Warsh wäre die Erklärung erheblich schwieriger.
Nach seinen eigenen Warnungen vor hartnäckiger Inflation, starken Arbeitsmarktdaten und der jüngsten Preisentwicklung müsste er begründen, warum die Fed trotzdem wartet. An den Finanzmärkten dürfte schnell der Verdacht entstehen, politischer Druck habe eine Rolle gespielt.
Das wäre für Trump möglicherweise ein Pyrrhussieg: Bleiben die kurzfristigen Fed-Zinsen stabil, steigen dafür aber langfristige Marktzinsen aus Misstrauen gegenüber der Inflationsbekämpfung, wären Hauskäufer, Unternehmen und der hoch verschuldete amerikanische Staat kaum besser dran.
Besonders heikel ist aber der Blick auf die Midterms am 3. November. Rein technisch hat Warsh noch eine weitere Gelegenheit für eine Zinserhöhung: Die Fed trifft sich erneut am 27. und 28. Oktober.
Doch genau das macht den Mittwoch so wichtig. Ende Oktober läge eine Zinsentscheidung gerade einmal sechs Tage vor der Wahl. Ein Zinsschritt würde dann zwangsläufig noch stärker als Eingriff in die politische Schlussphase wahrgenommen werden, egal, wie gut er ökonomisch begründet wäre.
Der September-Termin ist deshalb nicht Warshs letzte Chance, wohl aber sein politisch weniger toxisches Fenster.
Und wahrscheinlich geht es nicht nur um einen einzigen Schritt. In der Reuters-Umfrage erwartet inzwischen eine knappe Mehrheit der Ökonomen bis Ende März mindestens eine weitere Erhöhung. Die Terminmärkte preisen sogar ungefähr vier Zinsschritte bis Ende Juli 2027 ein.
Entscheidend wird deshalb am Mittwoch nicht nur sein, ob Warsh die Zinsen erhöht. Die Fed veröffentlicht zugleich neue Wirtschafts- und Zinsprojektionen. Sie werden zeigen, ob aus dem ersten Schritt eine Serie werden könnte. Darauf dürften Anleger besonders genau schauen, denn schon die Aussicht auf weitere Zinserhöhungen kann Aktien, Anleihen und den Dollar deutlich bewegen.
Für deutsche Anleger dürfte vor allem der US-Aktienmarkt wichtig werden. Steigende Zinsen drücken tendenziell auf die Bewertungen von Aktien, weil Anleihen attraktiver werden und sich die Finanzierung für Unternehmen verteuert.
Besonders empfindlich reagieren häufig hoch bewertete Technologie- und Wachstumswerte. Wer einen MSCI-World-, S&P-500- oder Nasdaq-ETF besitzt, bekommt solche Bewegungen direkt im Depot zu spüren.
Gleichzeitig kann der Dollar einen Teil dieser Belastung auffangen. Steigen die US-Zinsen stärker als im Euroraum, kann das die amerikanische Währung stützen. Für Anleger aus Deutschland erhöht ein stärkerer Dollar den in Euro gerechneten Wert ihrer US-Aktien und nicht währungsgesicherten ETFs. Fällt der Dollar dagegen, kann er Kursgewinne an der Wall Street teilweise wieder aufzehren.
Bleibt eine US-Aktie im Kurs unverändert, während der Dollar gegenüber dem Euro um fünf Prozent steigt, ist die Aktie für einen Anleger aus Deutschland allein durch den Wechselkurs ungefähr fünf Prozent mehr wert. Verliert der Dollar dagegen fünf Prozent, entsteht entsprechend Gegenwind.
Gerade bei Welt-ETFs ist das relevant, weil ein großer Teil des investierten Geldes in US-Aktien steckt. Anleger setzen damit nicht nur auf Unternehmen wie Apple, Microsoft oder Nvidia, sondern indirekt immer auch auf die Entwicklung von Dollar und Euro.
Auch bei Anleihen lohnt sich ein genauer Blick. Weitere Zinserhöhungen würden vor allem länger laufende US-Anleihen und entsprechende ETFs unter Druck setzen, weil neu ausgegebene Papiere dann höhere Renditen bieten. Für langfristige ETF-Sparer gilt dennoch: Ein einzelner Fed-Termin ist selten ein guter Grund, den Sparplan zu ändern. Wichtiger ist, ob Warsh tatsächlich einen längeren Zinserhöhungszyklus einleitet – genau darauf geben seine Projektionen und Aussagen am Mittwoch Hinweise.
Sicher ist: Für Warsh beginnt die schwierigste Phase seiner noch jungen Amtszeit. Er kann Trump entgegenkommen – und Zweifel an seiner Unabhängigkeit nähren. Oder er kann die Zinsen erhöhen und damit zeigen, dass jene Nähe zum Präsidenten, die ihm beim Weg ins Amt half, an der Tür der Notenbank endet. Unabhängig davon, wie die Entscheidung ausfällt: Die Märkte wird sie bewegen.