Ein US-Präsident, der niedrige Zinsen will. Märkte, die einen Zinsschritt erwarten: Fed-Chef Kevin Warsh kann es heute Abend nur falsch machen.
Ein US-Präsident, der niedrige Zinsen will. Märkte, die einen Zinsschritt erwarten: Fed-Chef Kevin Warsh kann es heute Abend nur falsch machen.
Die Erwartungen von US-Präsident Donald Trump an den neuen Präsidenten der Notenbank waren klar: Zinssenkungen. Seit seiner Amtsübernahme steht Kevin Warsh daher im Verdacht, nicht wirklich unabhängig zu sein. Schließlich wurde er von Trump für den Posten vorgeschlagen. Bisher konnte es Warsh vermeiden, eine Seite zu wählen. Seit seinem Amtsantritt sind die Zinsen unverändert.
Doch bei dem am Mittwoch anstehenden Zinsentscheid wird das nicht mehr gehen. Warsh muss sich bekennen: Fühlt er sich dem Präsidenten verpflichtet, der ihn ausgewählt hat, oder der Glaubwürdigkeit der Institution, die er seit Mai führt. Und selbst wenn die Fed die Zinsen erhöht, dürften die Märkten unzufrieden sein. Doch dazu später mehr.
Das Problem ist, dass Warsh mit seiner Rede in Jackson Hole gewaltige Erwartungen geschürt hat. Überraschend falkenhaft bekannte er sich zum Inflationsziel von zwei Prozent und stellte klar, dass die Fed in der Verantwortung sei. Die Grafik zeigt gut, wie sich seitdem die Zinserwartungen nach oben geschoben haben. Verbunden mit guten Arbeitsmarktdaten und der weiterhin hohen Inflationsrate im August von 3,4 Prozent gilt daher ein Zinserhöhungen um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 bis vier Prozent heute Abend quasi als sicher.
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Warshs Dilemma: Er hat sich durch seine forsche Rede unter Zugzwang gesetzt. Denn wenn man sich tiefer in die Inflationsdaten gräbt, sieht es eigentlich gar nicht so schlecht aus, wie die hohe offizielle Zahl vermuten lässt. Andere Inflationskennzahlen zeichnen ein etwas differenzierteres Bild: Der von der Cleveland Fed ermittelte getrimmte Durchschnitt des Verbraucherpreisindex (Trimmed Mean CPI), der Ausreißer in beide Richtungen ausschließt, befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit Anfang 2021, während sich die von der Atlanta Fed gemessenen „Sticky Prices“ ebenfalls abschwächten. Das Gleiche gilt für den Median. Das „Supercore“-Maß der Fed für Dienstleistungen (ohne Wohnkosten) stieg zwar leicht an, zurück an die obere Grenze von drei Prozent. Aber die stetige, wenn auch schmerzhaft langsame Desinflation setzt sich fort.
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Die Fed könnte also auch rechtfertigen, die Zinsen konstant zu lassen – zumal die August-Inflation durch einen ungewöhnlich starken Anstieg bei den Mobilfunkkosten nach oben verzerrt ist.
Doch realistisch betrachtet ist Stillhalten keine Option – will Warsh nach seinen forschen Worten in Jackson Hole keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Fed aufkommen lassen. Gerade die Anleihenmärkte warten auf ein Signal, dass die US-Notenbank weiterhin ihr Mandat ernst nimmt. Die Renditen langlaufender Anleihen sind zuletzt stark gestiegen – auch wegen wachsender Inflationssorgen.
Warsh sitzt damit in der Zwickmühle. Jon Hilsenrath, ein langjähriger Fed-Analyst für das „Wall Street Journal“ und heutiger Berater bei StoneX Financial, formulierte das Dilemma wie folgt:
„Warsh ist gezwungen, sich zwischen zwei anspruchsvollen Herren zu entscheiden: 1) dem Präsidenten der Vereinigten Staaten oder 2) einem globalen Anleihemarkt, der eine angemessene inflationsbereinigte Rendite auf seine Investitionen fordert. Meine Vermutung, und gleichzeitig der Konsens an den Terminmärkten, ist, dass Warsh den Anleihemarkt mehr fürchtet. Das wird dem Präsidenten wahrscheinlich ebenfalls nicht gefallen.“
Was die Sache noch komplizierter macht für Warsh: Mit einer Zinserhöhung dürfte es nicht getan sein. Die Märkte wollen auch wissen, wie es weitergeht. Folgen weitere Schritte und wie schnell kommen sie? Auch hier hat sich Warsh in eine komplizierte Lage manövriert. Immer wieder hat er klargemacht, dass er nichts von einer „Forward Guidance“ hält, also einer offenen Kommunikation über die künftige Zinsstrategie. Auf der Pressekonferenz wird Warsh daher kaum Fragen nach den weiteren Schritten beantworten wollen. Robin Brooks von der Brookings Institution warnt:
„Die Presse wird Warsh – immer und immer wieder – fragen, ob er die Zinsen so stark anheben wird, wie es die Märkte einpreisen. Er kann diese Frage unmöglich zur Zufriedenheit des Marktes beantworten, und deshalb ist dies der Punkt, an dem die Sache aus dem Ruder läuft.“
Damit riskiert Warsh, (ungewollt) „taubenhaft“ zu wirken. Das wäre großartig für Aktien. Doch die Rendite für US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit schloss am Dienstag über fünf Prozent. Anleiheinvestoren wären von jeder Andeutung, dass es sich beim Zinsschritt um eine „One-and-Done“-Erhöhung handelt, wenig beeindruckt. Wenn dem Treasury-Markt nicht gefällt, was er hört, würde das die Renditen in Sphären treiben, die seit der Krise vor zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurden. Und das wird interessant.