Trump braucht vor den Midterms sinkende Preise. Doch die Fed hilft ihm nicht, Venezuelas Öl kommt zu spät und bei den Zöllen will er nicht zurückrudern.
Die Fed verweigert dem Präsidenten die Zinshilfe, Venezuelas Öl kommt zu spät. Um die Stimmung vor den Midterms zu drehen, müsste Trump den Iran-Krieg entschärfen – und seine Zölle zurücknehmen.
Er war der Präsident, der in seiner ersten Amtszeit mit einer kühnen Steuersenkung die Wirtschaft ankurbelte. Und für seine zweite Amtszeit ein „goldenes Zeitalter“ versprach. Doch gut zwei Monate vor den Midterm Elections scheint Donald Trump keine guten Karten mehr zu haben: Die Amerikaner sind unzufrieden mit der wirtschaftlichen Situation, mit der Inflation und vor allem mit den hohen Benzinpreisen.
Dieser Unmut droht den Republikanern die Zwischenwahlen zu verhageln. Darum hatte Trump vergangene Woche auf billiges Geld aus Washington und billiges Öl aus Venezuela gehofft. Binnen 24 Stunden bekam er beides – allerdings nur auf dem Papier.
In Jackson Hole machte der vom US-Präsidenten sehr aktiv ins Amt gelobte Fed-Chef Kevin Warsh klar, dass die Notenbank nicht als Wahlkampfhelfer bereitsteht. Wenig später verkündete Trump den „größten Öl-Deal der Weltgeschichte“: Die USA sollen Zugriff auf 65 Milliarden Barrel venezolanischen Öls erhalten. Doch die Fed dürfte die Zinsen nicht senken, sondern womöglich erhöhen. Und das schwere, teerartige Erdöl aus Venezuela ist zwar ideal geeignet für viele amerikanische Raffinierien – aber bis es in großen Mengen fließt und die Benzinpreise nach unten drückt, sind die Midterms vorbei.
Damit gehen Trump vor den Kongresswahlen am 3. November die wirtschaftspolitischen Hebel aus. Die Fed hilft ihm nicht, Venezuelas Öl kommt zu spät. Eine Chance hat er noch: Er muss den Iran-Krieg entschärfen, die Straße von Hormus öffnen und an den Kern seiner Politik gehen – indem er Zölle zurücknimmt. Dass Trump dazu bereit ist, erscheint allerdings kaum wahrscheinlich. Zölle sei sein „Lieblingswort“, hat der Präsident, der wenig auf Freihandel setzt, mehrfach gesagt.
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Warsh beschrieb in Jackson Hole eine robuste Wirtschaft: kräftige Investitionen, steigende Konsumausgaben und einen weitgehend stabilen Arbeitsmarkt. Die Finanzierungsbedingungen seien kaum restriktiv – eine Zinssenkung zur Stützung der Konjunktur also unnötig.
Das Problem liege bei den Preisen. Die von der Fed bevorzugte PCE-Inflation beträgt 3,7 Prozent, auf sechs Monate hochgerechnet sogar 4,1 Prozent. Die besseren Sommerwerte reichten Warsh nicht als Beleg für eine nachhaltige Wende. Die Inflation müsse „klar und mit ausreichender Geschwindigkeit“ auf das Zwei-Prozent-Ziel zulaufen. Andernfalls habe die Fed noch „Arbeit zu erledigen“.
Das ist Zentralbankersprache für eine unangenehme Botschaft: Eine von Trump erhoffte Zinssenkung ist nicht in Sicht. Die Märkte rechneten nach der Rede zeitweise eher mit einer Erhöhung im September. Kredite dürften teuer bleiben. Ausgerechnet der von Trump berufene Notenbankchef verweigert ihm den Wahlkampfbonus.
Trump antwortete mit einem Superlativ, wie sie zu ihm passt: Mit Venezuela habe man den „größten Öl-Deal aller Zeiten“ ausgehandelt. Eine neue Gesellschaft soll 17 venezolanische Ölfelder entwickeln. Washington erhielte 55 Prozent der Produktion und das Recht, Öl zu Förderkosten zu kaufen.
Geostrategisch wäre das ein Coup. Venezuela besitzt die größten bekannten Ölreserven der Erde. Washington könnte einen erheblichen Teil enger an die USA binden und chinesischen sowie russischen Einfluss zurückdrängen.
Nur hilft das Trump am 3. November kaum. Förderanlagen, Pipelines und Häfen sind nach Jahren der Misswirtschaft marode, das schwere Rohöl passt zwar bestens zu amerikanischen Raffinerien, aber die Verarbeitung ist gleichwohl aufwendig. Die Umsetzung des Deals und die erhebliche Ausweitung der Förderung dauert viele Monate. Zudem sind die US-Öl-Firmen wegen der notwendigen Milliarden-Investitionen zurückhaltend. Der Deal ist eher ein Projekt für 2027 und die Präsidentenwahl 2028 als ein Rettungsanker für die Midterms.
Eine Gallone Normalbenzin kostete zuletzt rund 4,09 Dollar, ein Jahr zuvor waren es 3,21 Dollar. Die Differenz begegnet den Amerikanern in riesigen Ziffern an jeder Straßenkreuzung. Teure Energie verteuert Transporte und Lebensmittel und hält die Inflation hoch.
Solange der Ölpreisschock anhält, kann die Fed die Zinsen kaum senken. Die Energiekrise verschärft Trumps „Affordability Crisis“ (Erschwinglichkeitskrise) und versperrt ihm zugleich den geldpolitischen Ausweg.
Einen Trumpf hat der Präsident noch. Der liegt nicht unter venezolanischem Boden, sondern in der Straße von Hormus. Seit dem vor sechs Monaten von Trump gestarteten Iran-Krieg ist der Transport dramatisch eingeschränkt. Das wiegt für den aktuellen Preis weit schwerer als neue Bohrgenehmigungen oder künftige Lieferungen aus Venezuela.
Eine Waffenruhe oder bereits eine Normalisierung des Schiffsverkehrs könnte den Ölpreis unmittelbar drücken, Benzin verbilligen und Inflationserwartungen senken. Keine andere realistische Maßnahme hätte bis November eine ähnlich breite Wirkung.
Doch dafür müsste Trump einen Krieg entschärfen, der unter seiner Führung seit einem halben Jahr andauert, womöglich iranische Zugeständnisse akzeptieren oder Sanktionen dosiert lockern.
Der zweite verbliebene Hebel trifft Trump politisch noch empfindlicher. Er könnte seine Zölle einfrieren und damit Konsumgüter, Lebensmittel und Vorprodukte für den US-Verbraucher preiswerter machen. Ein entsprechendes Moratorium aus dem Weißen Haus könnte Kosten für die US-Importeure dämpfen und Planungssicherheit geben. Doch Trump versteht Zölle als Schutzwall, Einnahmequelle und Ausdruck nationaler Stärke. Sie zurückzunehmen hieße einzugestehen, dass ein wichtiger Teil der Preisprobleme hausgemacht ist.
Die wenigen Schritte, die noch schnell helfen könnten, sind keine neuen Großprojekte, sondern Korrekturen. Trump müsste den Krieg entschärfen, Hormus öffnen, Zölle aussetzen und die Fed in Ruhe lassen. Anders gesagt: Es funktionieren fast nur noch die Rückwärtsgänge.
Die Midterms werden nicht entschieden durch Ölreserven, die irgendwann gefördert werden, sondern die Preise, die heute fällig sind: „Pain at the pump“, der Schmerz an der Zapfsäule. Trump müsste die von Krieg und Zöllen verschärften Belastungen selbst beseitigen. Wirtschaftlich wäre das vernünftig. Politisch käme es für ihn beinahe einer Selbstverleugnung gleich. Und damit ist kaum zu rechnen bei einem Politiker, der zu einem nicht fähig scheint: Selbstkritik.