Die Krise beim Bauen und Wohnen war nie so groß. Und die Bundesregierung tut zu wenig dagegen, kritisiert eine neue Studie. Geschätzt wurde auch, wie viel Geld deshalb dem Staat entgeht.
Die Krise beim Bauen und Wohnen war nie so groß. Und die Bundesregierung tut zu wenig dagegen, kritisiert eine neue Studie. Geschätzt wurde auch, wie viel Geld deshalb dem Staat entgeht.
Oft Hunderte Bewerbungen pro Wohnung und die am stärksten gestiegenen Angebotsmieten: Wer in Berlin eine Wohnung zur Miete sucht, spürt den Mangel. An diesem Mittwoch hat das Pestel-Institut mit dem „Bau-Monitor 2026“ eine Kurzstudie vorgestellt, die auch die wirtschaftliche Bedeutung des schwächelnden Wohnungsbaus benennt. Entstanden ist sie im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB).
2025 wurden in Berlin demnach 4139 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern und 184 Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern weniger gebaut als im Jahr 2023. Das entspricht 244.000 Quadratmetern Wohnfläche weniger – und 726 Millionen Euro weniger Netto-Umsatz für die Baubranche in Berlin, wie das Institut berechnete.
Die Angaben sind Modellrechnungen: Die Studie berechnet auf Grundlage geschätzter Herstellungskosten, welche Umsätze und Einnahmen bei einer Bautätigkeit wie 2023 angefallen wären. Bundesweit fehlten der Branche demnach Nettoumsätze in Höhe von 26,8 Milliarden Euro. 2025 wurden 46.500 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern und 38.100 Wohnungen in Ein- und Zweifamilienhäusern weniger gebaut als 2023.
Der Rückgang beim Bauen bremste das Wirtschaftswachstum: Um 0,6 Prozentpunkte habe er das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2023 und 2025 nach unten gedrückt, schätzt das Pestel-Institut.
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Auch dem Staat entgehe in der Baukrise Geld, wie die Studie berechnete: In Berlin wären 2025 gegenüber 2023 demnach 138 Millionen Euro weniger Umsatzsteuer und 61 Millionen Euro weniger Grunderwerbsteuer angefallen.
Weil weniger gebaut wurde, seien Arbeitsplätze verloren gegangen. Hinzu kämen in Berlin daher 14 Millionen Euro an Einkommensteuer und 62 Millionen Euro an Sozialabgaben.
Gleichzeitig könnten freie Stellen in Boom-Regionen wie Berlin laut Pestel-Chefökonom Matthias Günther nicht besetzt werden, da Wohnungen für Zuziehende fehlen: „Menschen ziehen nicht zum neuen Arbeitsort, wenn sie dort keine Wohnung finden, die sie sich auch leisten können.“ Auch das drücke laut Günther das Wirtschaftswachstum und bedeute Wohlstandsverlust.
Berlin treffe das besonders. In keinem Bundesland ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 2010 und 2025 so stark gestiegen: um nahezu 50 Prozent (Bundesschnitt: 26 Prozent). Die Zahl der Erwerbsfähigen hat in der Hauptstadt im gleichen Zeitraum nur um 11,2 Prozent zugenommen. Es brauche also auch künftig Zuzug, folgert Günther.
In der Hauptstadt wurde damit nicht nur zuletzt weniger gebaut. Es werden zugleich besonders viele Wohnungen mehr benötigt. „Entsprechend katastrophal ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt, da der Neubau in Berlin bei Weitem nicht mitgezogen hat“, sagte Günther. Aktuell fehlen laut Institut 58.000 Wohnungen. „Hier kann keiner mehr hinziehen oder umziehen“, sagte Günther.
Hier kann keiner mehr hinziehen oder umziehen. Matthias Günther, Ökonom des Pestel-Instituts, über den Berliner Wohnungsmarkt.
Bundesweit wären nach der Modellrechnung des Instituts Bund, Ländern und Kommunen 5,1 Milliarden Euro Umsatzsteuer, 1,9 Milliarden Euro Grunderwerbssteuer, 518 Millionen Euro Einkommensteuer und 2,3 Milliarden Euro Sozialabgaben entgangen.
In der Bau- und Immobilienwirtschaft arbeiten laut Studie rund 4,7 Millionen Menschen, mehr als jeder zehnte Beschäftigte. Aus dem Rückgang des Wohnungsbaus und der deswegen angenommenen, verlorenen Arbeitsplätze und unbesetzten Stellen leitet das Institut für 2025 gegenüber 2023 einen Wohlstandsverlust von mindestens einem Prozent des BIPs ab.
Die Berliner Landesregierung müsste mehr bezahlbare Grundstücke zur Verfügung stellen, sagte Günther. In der Hauptverantwortung sieht er aber die Bundesregierung, die nicht ausreichend reagiere: „Den Wohnungsbau so abstürzen zu lassen, ist sowohl sozial als auch ökonomisch unverantwortlich.“ Wirtschaftswachstum hänge am Wohnungsbau.
Werde die Wohnungsfrage nicht gelöst, könnten nicht ausreichend Menschen zuwandern. Die brauche es aber für ein dauerhaftes Wachstum der deutschen Wirtschaft, bilanzierte Günther. Schon heute ließen sich Arbeitsplätze nicht besetzen, der Wohnungsmarkt mache Deutschland unattraktiv. Aktuell wanderten laut Institut mehr Menschen nach Polen, Rumänien und Bulgarien ab als von dort zu.
Wenn die Wohnungsfrage nicht gelöst wird, wird es kein dauerhaftes Wachstum der deutschen Wirtschaft geben. Matthias Günther, Ökonom des Pestel-Instituts
Katharina Metzger, Präsidentin des BDB, der die Studie beauftragt hat, forderte eine „milliardenschwere“ Unterstützung des Wohnungsneubaus. Stattdessen wolle die Bundesregierung künftig 1,4 Milliarden Euro weniger an Fördermitteln für den Wohnungsbau bereitstellen, kritisierte Metzger.
Der Verband forderte zudem, bei kleineren Mehrfamilienhäusern unter bestimmten Voraussetzungen auf eine Baugenehmigung zu verzichten, und das lange angekündigte „Gebäudetyp-E-Gesetz“ zügig in Kraft zu setzen. Der „Gebäudetyp E“ soll Bauherren rechtlich absichern, die auf bestimmte Ausstattungsstandards verzichten, um schneller und günstiger zu bauen.
Die Studie liege dem Ministerium noch nicht vor, auf Anfrage des Tagesspiegels wies ein Sprecher des Bundesbauministeriums aber den Vorwurf der Untätigkeit zurück. Man tue „viel dafür, um den Wohnungsbau zielgerichtet zu unterstützen und mehr Neubau zu ermöglichen.“ Der eingeführte Bau-Turbo erhalte positives Feedback, ein neues Förderprogramm werde gut angenommen, die Überarbeitung des Baugesetzbuchs und die Einführung des „Gebäudetyps E“ stünden „in den Startlöchern“.
Auch eine drastische Kürzung der Neubau- und Sanierungstitel im kommenden Jahr gebe es nicht, sagte der Sprecher. Die zusätzlich veranschlagten Mittel 2026 seien ein Sonderfall gewesen; für 2027 seien wieder wie regulär mindestens zwei Milliarden Euro für Neubewilligungen geplant. Als Beleg, dass die Politik des Ministeriums wirke, verwies der Sprecher auf die Baugenehmigungszahl, die den dreizehnten Monat in Folge gestiegen sei.
Im ersten Halbjahr 2026 wurden laut Statistischem Bundesamt bundesweit 126.300 Wohnungen genehmigt, 15 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. In Berlin wurden laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 7829 Wohnungen genehmigt, 19 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Statistik umfasst nicht nur Neubau, sondern auch Wohnungen in bestehenden Gebäuden.
Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW reagierte allerdings verhalten: Von einem positiven Zeichen, keiner Trendwende, sprach GdW-Präsident Axel Gedaschko in einer Mitteilung. „Die Zahlen steigen von einem historisch niedrigen Ausgangsniveau. Zudem ist eine genehmigte Wohnung noch lange keine gebaute Wohnung und erst recht noch keine Wohnung, die sich breite Teile der Bevölkerung leisten können“, sagte Gedaschko. Teils blieben Genehmigungen „Schubladenprojekte“.
So dürften die Fertigstellungen erneut hinter dem Bedarf zurückbleiben. Benötigt würden in Deutschland demnach jährlich 320.000 neue Wohnungen. Für 2026 erwartet das Ifo-Institut laut „Bau-Monitor“ 185.000 fertiggestellte Neubauwohnungen.
Von Jana Gäng
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