Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Halbjahr so stark gewachsen wie seit vier Jahren nicht mehr. Eine Analyse zeigt aber, dass dieses Wachstum hauptsächlich vom Staat selbst kommt.
Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Halbjahr so stark gewachsen wie seit vier Jahren nicht mehr. Eine Analyse zeigt aber, dass dieses Wachstum hauptsächlich vom Staat selbst kommt.
Die gute Nachricht: Nach den jetzt vollständigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Januar bis Juni um 81,2 Milliarden Euro gewachsen. Wenn Inflation sowie saisonale Effekte dabei herausgerechnet werden, bleibt ein Anstieg von 0,9 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025. Das klingt nicht viel, ist aber das größte Wachstum seit vier Jahren. Zuletzt wuchs die Wirtschaft vor und während der ersten Monate des Ukraine-Krieges so stark. Sie bestätigt damit auch den guten Aufwärtstrend aus dem Vorquartal. Von Oktober 2025 bis Ende März 2026 ging es bereits um 0,7 Prozent nach oben.
Die schlechte Nachricht: Es ist der Staat, der den Anstieg erkauft. Inflationsbereinigt bleiben von den 81,2 Milliarden Euro Anstieg noch rund 16,6 Milliarden Euro übrig. 13,8 Milliarden Euro davon oder rund 80 Prozent entfallen auf die gestiegenen Konsumausgaben des Staates. Die Investitionen, sowohl von privater als auch von staatlicher Seite, sanken hingegen um 1,2 Milliarden Euro.
Wichtig dabei: Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherungen erhöhen ihre Konsumausgaben nicht mit dem Ziel, dadurch das BIP zu pushen. Als Konsumausgaben des Staates gelten die, die der Staat für Güter und Dienstleistungen „für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung der Bevölkerung“ verwendet.
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Diese werden meist in zwei Blöcke unterschieden. So gibt es auf der einen Seite den Individualkonsum. Das sind alle Ausgaben, die sich eindeutig Individuen zurechnen lassen. Darunter fallen etwa:
Was nicht zum Individualkonsum oder generell zu den Konsumausgaben des Staates zählt, sind sämtliche monetären Sozialleistungen. Das betrifft etwa Rente, Bürgergeld, Kindergeld, Wohngeld und Pflegegeld.
Auf der anderen Seite gibt es die Ausgaben für den Kollektivkonsum. Hierunter fallen:
Abgegrenzt von den Konsumausgaben sind die Investitionen des Staates. Der Neubau von Straßen, Schiene, Schulen und der Kauf langlebiger, neuer Waffen für die Bundeswehr gelten dagegen als Investitionen.
Entsprechend lassen sich die Zahlen aufteilen. So stiegen die gesamten Konsumausgaben des Staates preisbereinigt zwar um 13,8 Milliarden Euro, es gibt aber eine deutliche Schieflage zwischen Individual- und Kollektivkonsum. So stieg der Individualkonsum um 4,0 Prozent an, während der Kollektivkonsum nur um 2,3 Prozent anstieg.
Die Zahlen lassen sich noch weiter aufgliedern. Die sozialen Sachleistungen legten demnach nominal mit 8,2 Prozent am stärksten zu. Hierunter fallen vor allem die Ausgaben von Kranken- und Pflegeversicherung. Die Krankenkassen hatten entsprechend ebenfalls einen Anstieg ihrer Ausgaben im ersten Halbjahr um sieben bis acht Prozent gegenüber dem Vorjahr gemeldet. Gleichzeitig erzielten sie einen Überschuss von geschätzten mehr als zwei Milliarden Euro. Der GKV-Spitzenverband errechnete die höchsten Kostensteigerungen bei Krankenhausbehandlungen, sonstigen ärztlichen Behandlungen und Arzneimitteln.
Den zweitgrößten Anstieg der Konsumausgaben des Staates gibt es bei den Vorleistungen. Sie liegen nominal um 5,4 Prozent höher als vor einem Jahr. Vorleistungen sind ein sehr vager Begriff, der sich durch alle Aufgaben des Staates zieht. Vereinfacht gesagt sind es die Kosten für alle Waren und Dienstleistungen, die der Staat braucht, um seine eigenen Leistungen erfüllen zu können. Das fängt bei Kleinigkeiten wie Stift und Papier in einem Bürgeramt an, umfasst aber auch Munition für die Bundeswehr und Benzin für Polizeiautos. Auch Services wie Transporte, Übersetzungen und Reinigung von staatlichen Gebäuden, die an private Firmen vergeben werden, fallen hierunter.
Rund die Hälfte des Preisanstieges könnte hier auf Kosten der Inflation gehen. Sie macht rund 2,5 Prozentpunkte beim gesamten Staatskonsum aus. Tatsächlich hat der Staat aber auch seine Ausgaben kräftig gesteigert. Besonders sichtbar ist das bei der Bundeswehr. Sie gab laut Bundesfinanzministerium allein rund drei Milliarden Euro mehr für Material aus als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl enthält allerdings auch den Juli 2026 und einige Ausgaben für Investitionen, sodass sie nicht voll den Vorleistungen zugerechnet werden kann.
Der Staat sorgt also derzeit mit seinen Konsumausgaben für einen Mini-Wirtschaftsaufschwung. Das ist nicht per se schlecht. Schließlich landet das Geld des Staates tatsächlich in der Wirtschaft, sei es als Lohn bei seinen Angestellten, bei privaten Dienstleistern oder den Herstellern der Produkte, die der Staat einkauft. Vom Staat organisierte Bereiche wie Gesundheit, Pflege oder Bundeswehr sind ebenso Teil der Wirtschaft wie Chemieunternehmen und Banken.
Aber: Einen nachhaltigen Aufschwung kann der Staat so nicht erzeugen. Dazu sind die Konsumausgaben viel zu kurzfristig. Um längerfristig zu wachsen, braucht die Wirtschaft Investitionen. Neue Fabriken, Büroräume, Maschinen und Fahrzeuge würden bedeuten, dass Unternehmen jahrelang mehr leisten oder produzieren können und damit ihre Umsätze und die Wirtschaftsleistung steigern. Solche Investitionen könnten auch vom Staat kommen. Neue Straßen und Schienenwege sowie der Ausbau des Stromnetzes oder des Mobilfunks hätten ähnlich nachhaltige Effekte.
Allerdings schrumpfen die Investitionen sogar. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die Ausgaben im BIP dafür bei preisbereinigt rund 370,1 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor waren es noch 371,3 Milliarden Euro. Die Investitionen sind also um 1,2 Milliarden Euro oder 0,3 Prozent gesunken. Betrachtet man nur die Investitionen in Anlagen, liegt der Rückgang sogar bei 0,5 Prozent.
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