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Es gibt nicht einfach nur mehr Kranke! Rekordsumme für Lohnfortzahlung – das sind die vier Gründe

Дата публикации: 02-09-2026 16:14:00

85,6 Milliarden Euro Lohnfortzahlung: Die Koalition streitet über die Attestpflicht. Lange Ausfälle treiben die Kosten.

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Lohnfortzahlungen kosten Arbeitgeber 85,6 Milliarden Euro. Die Koalition streitet über die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag – doch lange Ausfälle sind das Problem – und die Daten.

85,6 Milliarden Euro – so viel kostet es deutsche Arbeitgeber inzwischen, wenn Beschäftigte krankheitsbedingt ausfallen. Davon entfallen nach einer Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 72,5 Milliarden Euro auf die weitergezahlten Bruttoentgelte und 13,1 Milliarden Euro auf die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung. Gegenüber 2020 sind die gesamten Aufwendungen um gut 33 Prozent gestiegen.

Wenn es nach den Plänen der Bundesregierung geht, sollen Arbeitnehmer künftig eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag vorlegen müssen. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat diesen Teil des Koalitionskompromisses allerdings zuletzt infrage gestellt. Sie fürchtet unter anderem, dass Beschäftigte mit einem leichten Infekt künftig schon am ersten Tag zum Arzt gehen und dadurch aus einem kurzen Ausfall eine längere Krankschreibung werden könnte. Die Union pocht dagegen auf die vereinbarte Reform.

Doch was steckt tatsächlich hinter dem enormen Anstieg der Kosten? Laut IW und Krankenkassen nennt mehrere Faktoren:

1. Die Zahl der Beschäftigten ist gestiegen

Im Juni 2020 gab es rund 33,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 2025 waren es 34,9 Millionen – ein Plus von rund 1,6 Millionen Menschen beziehungsweise knapp fünf Prozent.

Das bedeutet: Selbst wenn jeder Arbeitnehmer genauso oft krank wäre wie zuvor, würden die Gesamtkosten steigen. Es gibt schlicht mehr Menschen, deren Arbeitgeber im Krankheitsfall Lohnfortzahlung leisten müssen.

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Hinzu kommt ein zweiter Effekt.

Von 2020 bis 2025 stiegen:

  • die Kosten der Lohnfortzahlung um 33 Prozent,
  • die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um rund 5 Prozent,
  • das nominale Lohnniveau um rund 23 Prozent.

Rein rechnerisch würden die beiden Faktoren Beschäftigung und Löhne – wenn alles andere unverändert bliebe – bereits einen Anstieg der Kosten um knapp 29 Prozent ergeben. Das ist allerdings keine exakte Zerlegung der tatsächlichen Kostenentwicklung, weil sich unter anderem Beschäftigtenstruktur, Beitragsbemessungsgrenzen und Sozialbeiträge ebenfalls verändern.

2. Höherer Krankenstand, weil genauere Zahlen

Das IW macht deshalb einen weiteren Faktor aus: Auch der Krankenstand liegt höher.

Das IW verweist darauf, dass der Krankenstand bereits seit rund zwei Jahrzehnten gestiegen ist. Gleichzeitig gibt es seit 2022 einen wichtigen statistischen Bruch: Damals wurde die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) eingeführt.

Der BKK-Dachverband kommt zu einer ähnlichen Einschätzung. Für 2025 ermittelte er einen Krankenstand von 5,83 Prozent. Damit lag er zwar leicht unter dem Vorjahreswert von 5,90 Prozent, aber weiterhin deutlich über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Als wesentlichen Grund für das höhere Niveau nennt der Verband ebenfalls die Einführung der elektronischen Krankschreibung im Jahr 2022, die eine jahrelange Meldelücke geschlossen habe.

Seitdem werden Krankmeldungen wesentlich vollständiger erfasst und der Krankenstand sprang entsprechend deutlich nach oben. Ob die Beschäftigten gleichzeitig tatsächlich häufiger fehlten oder ob ein Teil des Anstiegs lediglich auf die bessere Erfassung zurückgeht, lässt sich laut IW bis heute nicht abschließend klären.

Die Zahl der Krankschreibungen steigt nicht weiter. Sie hat sich bei ungefähr zwei Fällen pro Beschäftigten eingependelt. 2025 war sie sogar leicht niedriger als 2024.

4. Alternde Belegschaft: Bestimmte Krankheiten sind häufiger

Es gibt aber auch reale strukturelle Gründe dafür, dass Beschäftigte häufiger oder länger ausfallen können. Einer davon ist: Die Arbeitnehmer werden hierzulande älter.

Und bestimmte Erkrankungen treten im höheren Erwerbsalter häufiger auf. Dazu gehören insbesondere Muskel- und Skeletterkrankungen, die mehr als ein Fünftel aller Fehltage verursachen und damit die zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle sind. Auch die Genesung kann länger dauern. Steigt der Anteil älterer Beschäftigter, kann deshalb auch der Krankenstand zunehmen. Darauf weist das IW ausdrücklich hin.

Wie groß der Unterschied zwischen kurzen und langen Erkrankungen ist, zeigen die IW-Daten: 69 Prozent aller AU-Fälle dauern höchstens eine Woche. Erkrankungen von mehr als vier Wochen machen dagegen nur 5,8 Prozent der Fälle aus – verursachen aber fast 40 Prozent aller AU-Tage.

Der BKK-Dachverband liefert für 2025 folgende Daten:
  • Beschäftigte waren im Schnitt 1,93-mal krankgeschrieben.
  • Ein einzelner AU-Fall dauerte durchschnittlich 11,5 Tage.
  • Atemwegserkrankungen waren mit 35,9 Prozent aller Krankheitsfälle mit Abstand der häufigste Grund – aber ein Fall dauerte im Schnitt nur 6,1 Tage.
  • Muskel-Skelett-Erkrankungen machten dagegen nur 12,5 Prozent der Fälle aus, verursachten aber mehr als ein Fünftel aller Fehltage.
  • Psychische Erkrankungen machten sogar nur 5,4 Prozent der Fälle aus, dauerten aber im Schnitt 39,1 Tage.

Besonders deutlich zeige sich der Faktor Alter bei Muskel-Skelett-Erkrankungen: Bei den über 55‑Jährigen liege der entsprechende Krankenstand laut BKK bei 2,34 Prozent und damit mehr als sechsmal so hoch wie bei den unter 25-Jährigen (0,38 Prozent). Auch bei psychischen Erkrankungen ist der Abstand erheblich: Hier kommen die älteren Beschäftigten auf 1,31 Prozent, die jüngeren auf 0,59 Prozent.

Demnach sind nicht die kurzen Erkältungen das große Problem, sondern die langen, häufig muskulär, aber auch psychisch bedingten Ausfälle:

„Muskel-Skelett-Erkrankungen sind dabei der entscheidende Treiber: Bei den über 55-Jährigen liegt der entsprechende Krankenstand mit 2,34 Prozent sechsmal so hoch wie bei den unter 25-Jährigen (0,38 Prozent). Auch bei psychischen Erkrankungen ist der Abstand gravierend: Die ältere Gruppe kommt auf 1,31 Prozent, die jüngere auf 0,59 Prozent“, so die BKK:

Was bringt eine Attestpflicht ab dem ersten Tag?

Genau da liegt ein Problem der aktuellen Reformlogik: Wenn das Ziel vor allem darin bestehen würde, lange Ausfälle zu reduzieren, wäre eine Attestpflicht ab dem ersten Tag nicht automatisch das naheliegendste Instrument, denn sie verändert den späteren Verlauf einer schweren Erkrankung nicht.

Obstkörbe, Lüftungspausen oder Feel-Good-Manager seien laut BKK nicht die Lösung. Es brauche hingegen unter anderem gute Arbeitsbedingungen, um die Produktivität der Angestellten zu erhalten.

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