Die USA bereiten den Neustart des AKW Palisades vor. Der Fall zeigt, welche Hürden und Kosten eine Reaktivierung in Deutschland hätte.
Ein stillgelegtes Atomkraftwerk soll in den USA wieder Strom liefern. Milliardenhilfen machen das möglich. Der Fall „Palisades” wirft auch für Deutschland eine entscheidende Frage auf.
Ein Atomkraftwerk wird abgeschaltet, der Brennstoff entfernt, der Rückbau beginnt. Normalerweise endet die Geschichte an dieser Stelle. Am Michigansee geschieht nun das Gegenteil: Wie das Technikportal „Interesting Engineering“ (IE) unter Berufung auf den Betreiber Holtec berichtet, hat im Kernkraftwerk Palisades Ende August die erneute Beladung des Reaktors mit Brennelementen begonnen.
Gelingt der Neustart, wäre es nach Angaben des US-Energieministeriums das erste amerikanische Kernkraftwerk, das nach Beginn der Stilllegung wieder in den Leistungsbetrieb zurückkehrt.
Für Deutschland kommt das Beispiel zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt: Auch hier wird wieder darüber gestritten, ob abgeschaltete Reaktoren zurück ans Netz könnten.
Das Atomkraftwerk am Michigansee:
Das Kernkraftwerk Palisades am Michigansee ging Ende 1971 in den kommerziellen Betrieb und wurde im Mai 2022 abgeschaltet. Damit hatte der Reaktor zu diesem Zeitpunkt mehr als 50 Jahre Strom produziert.
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Seine ursprüngliche Betriebsgenehmigung war bereits zuvor verlängert worden und reicht grundsätzlich bis 2031. Nun arbeitet Betreiber Holtec daran, die Anlage wieder in den Leistungsbetrieb zurückzuführen.
Der Neustart ist dabei kein gewöhnliches privatwirtschaftliches Projekt. Das US-Energieministerium stellte Holtec einen Kredit von bis zu 1,52 Milliarden Dollar bereit. Der Bundesstaat Michigan steuert weitere 300 Millionen Dollar für Infrastruktur, Brennstoff und Personal bei. Holtec investierte zugleich in Reparaturen, Prüfungen und die Aufarbeitung zentraler Systeme.
Seit dem 30. August läuft nun die Brennstoffbeladung. Holtec-Manager Fadi Diya spricht von einem „wichtigen Meilenstein“ und dem Ergebnis enormer Arbeit der Beschäftigten, berichtet IE. Doch Brennstoff im Reaktor bedeutet noch nicht automatisch Strom im Netz. Auf dem Weg zum regulären Betrieb bleiben technische Tests und die nuklearrechtliche Aufsicht entscheidend.
Die Bundesregierung verfolgt derzeit jedoch keine Reaktivierung der stillgelegten deutschen Kernkraftwerke. Ihre Energiepolitik setzt stattdessen auf den Ausbau erneuerbarer Energien sowie neue steuerbare Kraftwerkskapazitäten.
Zugleich verhandelt der Staat mit dem Energiekonzern Engie über eine Übernahme der Anlagen samt Personal, Atomtochtergesellschaften sowie der damit verbundenen Vermögenswerte und Verpflichtungen. Die Regierung hält sich damit ausdrücklich die Möglichkeit offen, bestehende Standorte und nukleare Infrastruktur weiter zu nutzen.
In Deutschland ist die praktische Ausgangslage inzwischen eine andere: Der Rückbau der deutschen Kernkraftwerke schreitet weiter voran. Nach Angaben der Bundesregierung im August befinden sich auch die drei zuletzt abgeschalteten Anlagen Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 im Rückbau. Zugleich erklärte die Bundesregierung, dass es in dieser Legislaturperiode weder Gespräche mit den Betreibern über einen Rückbaustopp noch über eine Wiederinbetriebnahme gegeben habe.
Die Reaktorkerne sind bereits entladen, Rohrleitungen und andere Komponenten werden bereits zerlegt. Die Reaktordruckbehälter, also die massiven Stahlbehälter, in denen sich während des Betriebs der Reaktorkern befindet, stehen zwar noch an ihrem Platz, doch Betreiber wie EnBW und PreussenElektra haben eine Rückkehr wiederholt als praktisch kaum noch realistisch bezeichnet.
Palisades beweist deshalb vor allem eines: Die Wiederbelebung eines stillgelegten Atomkraftwerks ist technisch zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Sie braucht jedoch Milliarden, politische Rückendeckung, einen Betreiber, der mitzieht – und einen rechtlichen Weg zurück zum Leistungsbetrieb.
In Deutschland müsste nicht nur das Atomgesetz geändert werden. Mit jedem weiteren demontierten Bauteil wird aus einer politischen Debatte zunehmend eine Frage von Kosten, Zeit und technischer Machbarkeit.
Die Landesbank Baden-Württemberg schätzte die Kosten für die Reaktivierung von sechs deutschen Kernkraftwerken bereits 2025 auf insgesamt 21 bis 42 Milliarden Euro. Hinzu kämen mögliche Entschädigungen für gestoppte Rückbauarbeiten, neue Sicherheitsprüfungen und das wirtschaftliche Risiko eines jahrelangen Genehmigungsprozesses.
Dass allein private Investoren diese Risiken übernehmen würden, ist derzeit zumindest fraglich. Die bisherigen Betreiber RWE, E.ON und EnBW haben einer Wiederinbetriebnahme bislang eine Absage erteilt. Sollte der Staat einen Neustart dennoch verfolgen, könnten deshalb Garantien, langfristige Abnahmeverträge oder direkte staatliche Hilfen nötig werden – und damit letztlich auch öffentliches Geld.
Zwar würde zusätzlicher Atomstrom voraussichtlich den Preis an der Strombörse dämpfen. Wie stark Haushalte davon profitieren, ist jedoch offen. Untersuchungen zum Weiterbetrieb der letzten drei deutschen Reaktoren kamen für 2023 je nach Modell auf einen Rückgang der Großhandelspreise um wenige Prozent.
Auf der Stromrechnung käme davon nur ein Teil an: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums machten Beschaffung, Vertrieb und Marge zuletzt rund 40 Prozent des Haushaltsstrompreises aus. Der Rest entfällt vor allem auf Netzentgelte, Steuern und Abgaben.
Ob eine Reaktivierung wirtschaftlich sinnvoll wäre, entscheidet sich deshalb nicht allein daran, ob ein abgeschalteter Reaktor technisch wieder hochgefahren werden kann. Entscheidend wäre, ob die über Jahre produzierte Strommenge die Milliardenkosten des Neustarts rechtfertigt – und wer das finanzielle Risiko übernimmt.