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„Finanziell am Kipppunkt“: In Emden geht Angst vor VW-Aus um

Дата публикации: 10-09-2026 13:55:00

Das Volkswagen-Werk in Emden steht vor dem Aus. Ostfriesland ohne VW und tausende Arbeitsplätze. Ein Gespräch mit dem Stadtkämmerer über die Folgen.

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Das Volkswagen-Werk in Emden steht vor dem Aus. Ostfriesland ohne VW und tausende Arbeitsplätze. Ein Gespräch mit dem Stadtkämmerer über die Folgen.

Wenn Horst Jahnke über VW sprechen soll, dann fängt er am liebsten bei den Grundschulen an. Bei der Schule Westerburg zum Beispiel, 17,3 Millionen Euro investiert die Stadt Emden dort in den Ganztagsausbau. Oder die Schule Früchteburg, dort sind es 15 Millionen Euro, „und ich weiß jetzt schon, das wird nicht reichen.“

Kommunen wie Emden müssen ab diesem Jahr den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung umsetzen, so hat es der Bundestag beschlossen. Zwar bekommt die Stadt 23,3 Millionen Euro vom Bund aus dem Sondervermögen Infrastruktur, „das ist prima“, findet Jahnke. „Aber: Es reicht nicht mal für diese zwei Schulen.“

Horst Jahnke ist ein aufgeräumter Mann in den Sechzigern, beinahe schlaksig hängt er in seinem Anzug. VW, jaja, gleich, freundlich schiebt er den Besucher durch sein Büro an den Konferenztisch, „Kaffee? Cappuccino?“, und knipst ein Whiteboard an. „Ich möchte Ihnen zuerst etwas zeigen“. Er startet eine Präsentation, „Kommune am Kipppunkt‘“ steht im Titel.

Emden ächzt unter steigenden Ausgaben - bald droht das VW-Aus

Jahnke ist der Kämmerer von Emden, also sozusagen der städtische Kassenwart. Er ist für die Ausgaben zuständig, nicht nur bei den Grundschulen, auch für den Kita-Ausbau, die Inklusion, die Wohnkosten von Sozialhilfeempfängern, die Jugendhilfe, er kann da Dutzende Verpflichtungen aufzählen. Jahnke verwaltet auch die Einnahmen, mit denen er die Ausgaben finanzieren soll, etwa die Gewerbesteuer, den Einkommensteueranteil der Stadt und den Umsatzsteueranteil. 

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Womit wir eigentlich bei VW wären. Denn Gewerbesteuer, die zahlen bekanntlich Unternehmen, und Einkommensteuer, die zahlen deren Arbeitnehmer, ebenso wie Umsatzsteuer, wenn sie ihr Einkommen ausgeben.

„Moment“, sagt Jahnke, er ist noch nicht fertig mit seinen Schulen und listet weiter auf: eine Million Euro für die berufsbildenden Schulen. 800.000 Euro für die Schule Grüner Weg. Die Nordseehalle muss auch saniert werden: 13,5 Millionen Euro. Ebenso die Verwaltungsgebäude der Stadt: rund 10 Millionen Euro. „Sie haben es ja draußen selbst gesehen: Wir empfangen unsere Bürger hier in einem Container im Hof!“

Knallrotes Haushaltsminus - und die Zahl der Sozialleistungsempfänger steigt

32 Seiten Präsentation hat Jahnke vorbereitet, mit Straßenkosten, Brückenkosten, Klinikneubaukosten, mit den explodierenden Kosten der Fachbereiche 500 (Gesundheit und Soziales) und 600 (Jugend, Schule und Sport). In Emden, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern, leben mittlerweile mehr als 12.000 Männer, Frauen und Kinder, die Sozialleistungen beziehen.

Tendenz: steigend. Knallrote Balken zeigen in seiner Präsentation das Haushaltsminus: 41,5 Millionen Miese im Jahr 2025, 45,7 Millionen Miese 2026, 50,9 Millionen Miese 2029. „Während wir hier sitzen, brauchen wir den Rest unserer Rücklagen auf“, sagt Jahnke.

Und jetzt endlich: VW.

Die Menschen in der Stadt identifizieren sich mit dem VW-Werk

Seit 1964 baut Volkswagen in Emden Autos. Jahnke war ein Jahr alt, als es in den ersten Hallen am Außenhafen losging. Welche Beziehung hat er zum Werk? Er lacht laut auf, „ich bin hier geboren!“, ruft er. „Die Beziehungspunkte sind überall. Ich habe viele Freunde, die bei VW arbeiten. Die Menschen hier hatten eine große Identität mit dem Werk.“

Er sagt tatsächlich: hatten. Vielleicht ist es nur der Blick zurück. Vielleicht sind es aber auch die Spuren, die die Schließungsdebatten der vergangenen Wochen bei den Emdern hinterlassen haben.

15.000 Jobs in Gefahr: In Emden geht die Angst vor dem VW-Aus um

In guten Zeiten kamen 75 Prozent der Gewerbesteuer in Emden von VW und seinen Zulieferbetrieben. In schlechten Zeiten kommt kaum etwas, so wie jetzt. In den besten Zeiten arbeiteten 10.000 Menschen in dem Werk, aktuell sind es 7700. VW ist damit immer noch der größte Arbeitgeber in der Region, mit weitem Abstand. Es gibt Berechnungen, die sagen, jeder Arbeitsplatz in der Automobilindustrie sichere einen bis eineinhalb weitere Arbeitsplätze.

Auch Jahnke schätzt, dass rund 15.000 Arbeitsplätze in Ostfriesland an VW hängen. 15.000 Menschen, die Einkommensteuer zahlen. Die einkaufen, Restaurants besuchen, zum Fußball gehen, Häuser bauen und sich schicke Kleidung aussuchen. Die Geld bei anderen Ostfriesen ausgeben und darauf an den Staat Umsatzsteuer zahlen.

Das, sagt Jahnke, wäre alles weg, wenn das Werk schlösse. Stattdessen dürfte die Zahl der Menschen, die auf Sozialleistungen angewiesen sind, weiter steigen.

Die meisten Kommunen stehen finanziell am „Kipppunkt“

Horst Jahnke lacht viel. Aber wenn er über VW sprechen soll, ist alles schwer und ernst, was er sagt. „Ich bin gelernter Betriebswirt“, sagt er, „ich kann solche Zahlen ganz schwer ertragen. Das geht nicht auf.“ Er ist auch Sozialdemokrat, trotzdem sagt er: „Wir können diesen Sozialstaat nicht finanzieren. Nicht ohne Wirtschaftswachstum.“ 

Vor Kurzem war er auf einem Treffen der niedersächsischen Kämmerer. Er weiß, nicht nur Emden ist eine Kommune am Kipppunkt, den meisten Städten geht es so. Die meisten anderen Städte haben aber kein VW-Problem.

Von Karsten Krogmann

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