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VW kämpft um seine Zukunft und wird dabei zu Deutschlands Nokia

Дата публикации: 11-09-2026 09:51:00

VW kämpft um Werke und Jobs. Doch das eigentliche Problem liegt bei Software, Batterie und KI – und könnte die deutsche Autoindustrie verändern.

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Volkswagen streitet über Werke, Jobs und Kosten. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Der Konzern verliert seine technologische Stärke – und damit sein Geschäftsmodell.

Ein Thema, an dem seit Wochen keiner vorbeikommt: Volkswagen. Werksschließungen, Jobabbau und seit Donnerstag ein einstimmig beschlossener Sparplan. In zwei Wochen fliegt VW aus dem Euro Stoxx 50. Dem Index der 50 größten Konzerne der Eurozone. Seinen Platz übernimmt ironischerweise Nokia.

Philipp Raasch (10 Jahre Mercedes) analysiert jeden Sonntag, warum deutsche Autobauer gegen Tesla und China den Anschluss verlieren – sein Newsletter Der Autopreneur erreicht 45.000+ Abonnenten, hier kostenlos abonnieren. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.

VW steht inzwischen stellvertretend für die Krise der deutschen Autoindustrie und irgendwie auch ein bisschen für unser ganzes Land. Deshalb reden auch alle mit. Dabei habe ich das Gefühl: In der öffentlichen Debatte wird einiges falsch verstanden.

Heute schauen wir uns deshalb an:

  • Was bei VW gerade wirklich passiert.
  • Den größten Mythos in der aktuellen Debatte.
  • Was das für Deutschland bedeutet und ob VW das überlebt.
Worüber bei VW gestritten wird

Bringen wir mal Ordnung rein. Bei VW stehen sich zwei Seiten gegenüber:

1) Der Vorstand will den größten Umbau der Konzerngeschichte

Sein Plan ist seit dieser Woche geleaked. Der Vorstand will vier deutsche Werke auslaufen lassen: Emden und Zwickau 2031, Hannover 2032, das Audi-Werk Neckarsulm 2034. Die Produktion soll stattdessen nach Tschechien, in die Slowakei und nach Polen verlagert werden. Dabei werden weltweit 50.000 Stellen gestrichen. Mit den 50.000 seit 2024 ist das fast jeder sechste Arbeitsplatz.

Zudem werden die Hälfte aller Modelle im Konzern einstampfen (von rund 150 auf 75). Darunter zählt auch die Marke SEAT, welche nun eingestellt wird. Die Kernmarke VW und die Komponenten-Sparte werden ausgliedern. Also rechtlich aus dem Dachkonzern lösen. Damit hätten Betriebsrat und Land weniger Einfluss. Zur Krönung werden 700 von über 2000 Konzerngesellschaften verkaufen, geschlossen oder zusammengelegt.

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Ziel ist ein operativer Gewinn von 30,9 Milliarden Euro im Jahr 2030. Das ist mehr als dreimal so viel wie 2025 (8,9 Milliarden Euro).

2) Belegschaft und Land Niedersachsen sind dagegen.

Die Belegschaft will natürlich ihre Jobs behalten. Als Konzernchef Oliver Blume in Wolfsburg für den Plan geworben hat, wurde er ausgepfiffen. Zudem hält Niedersachsen 20 Prozent an VW und will alle Standorte retten. Interessanterweise spricht Ministerpräsident Olaf Lies dabei nicht mehr von Autos, sondern von Industriearbeitsplätzen. Ihm ist wichtig, dass die Werke bleiben. Ob dort noch Autos gebaut werden, ist zweitrangig.

Am Ende musste also der Aufsichtsrat entscheiden und das konnte er lange nicht. Dort sitzen 20 Leute. Zehn vertreten die Arbeitnehmer, zwei das Land Niedersachsen. Das Land stimmt fast immer mit den Arbeitnehmern. Werke zu verlagern geht bei VW nur mit zwei Drittel der Stimmen. So steht es im VW-Gesetz. Ohne die Arbeitnehmer kann der Vorstand seinen Plan also nicht durchsetzen. Im Juli ist er damit schonmal gescheitert.

Kurz gesagt: Der Vorstand will unbedingt raus aus Deutschland. So will man VW retten aber Belegschaft und Land wollen Volkswagen um jeden Preis in Deutschland halten. Das ist der Konflikt und irgendwie absurd. Am Donnerstag kam dann die Einigung. Einstimmig.

Was am Donnerstag wirklich beschlossen wurde

Beschlossen wurde im Kern der Plan aus dem Leak. Trotzdem feiern beide Seiten. Der Vorstand hat schriftlich, dass die Autoproduktion in den vier Werken zwischen 2031 und 2034 ausläuft. Zusätzlich haben Betriebsrat und IG Metall schriftlich, dass kein Werk geschlossen wird und dass die Ausgliederung vom Tisch ist. Beides stimmt, denn ein Werk auslaufen lassen ist keine Schließung. Dafür braucht der Vorstand auch keine Zustimmung. Und die Ausgliederung ist nicht vom Tisch, sondern nur vertagt. Aufsichtsrat und Hauptversammlung entscheiden darüber frühestens 2027.

So läuft der Umbau bei VW seit Jahren. Es ist nie der eine große Wurf. Immer nur ein Stück. 2021 wollte VW-Chef Herbert Diess schon einmal massiv Stellen streichen. Kurz darauf war er weg. Ende 2024 kam die erste große Einigung. Jetzt das nächste Stück und 2027 geht’s weiter. Also: Alle streiten über die deutschen Werke. Das eigentliche Problem liegt woanders.

Die Mutter aller VW-Probleme

Dafür müssen wir kurz verstehen, wie das Geschäftsmodell der deutschen Autoindustrie funktioniert hat. Wir haben Hightech-Autos in Deutschland entwickelt und sie erfolgreich in die ganze Welt verkauft.

Der Kern dabei war unser technologischer Vorsprung. Unsere Autos waren besser. Dafür haben die Kunden weltweit einen Aufpreis bezahlt und mit diesem Aufpreis konnten wir uns eine verhältnismäßig teure Produktion in Deutschland leisten.

Vom Absatzmarkt zum Einbruch

Unser wichtigster Markt war China. Der größte und profitabelste Markt für alle deutschen Autobauer. Ganz besonders für VW. Noch 2019 wurden fast vier von zehn VW-Autos in China verkauft, 4,23 Millionen Stück. 4,4 Milliarden Euro Gewinn kamen allein aus China. Kein anderer Markt hat so viel gebracht. Sechs Jahre später im Jahr 2025 sah es nicht mehr so rosig aus. 2,69 Millionen Autos wurden in China verkauft. Das sind rund ein Drittel weniger als noch 2019. Der Gewinn aus China ist auf knapp eine Milliarde Euro gefallen, fast vier Fünftel weniger.

Zwischen 2019 und 2025 ist das China-Geschäft also eingebrochen. Im Rest der Welt ist der Absatz in derselben Zeit nur um rund sieben Prozent gefallen. Wenn das Geschäftsmodell von VW ein Kartenhaus ist, dann war China die tragende Karte. Die wurde in den letzten fünf Jahren rausgezogen. Jetzt fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Das heißt: Der Ursprung von VWs Problemen liegt in China. Ohne China hätten wir heute keine Krise. Trotzdem erzählen wir uns in Deutschland eine andere Geschichte.

Mythos: Wir sind zu teuer

Unsere Lohn- und Energiekosten sind zu hoch. Das ist zumindest die Geschichte die wir uns erzählen. Wenn wir günstiger werden, retten wir unsere Autoindustrie. Genau hier liegt der Denkfehler. Wir haben gerade gesehen: Der Absatz ist in China weggebrochen, nicht in Europa. VW baut seine chinesischen Autos in China. Zu chinesischen Löhnen und mit chinesischen Energiekosten. Natürlich haben wir hohe Standortkosten. Mit dem Einbruch in China haben die aber nichts zu tun.

Wir können in Deutschland also noch so viel an Löhnen und Energiekosten senken. An der Wettbewerbsfähigkeit der Produkte in China ändert das nichts. Das Problem ist das Produkt. Das Produkt kommt aus der Entwicklung. Die saß in Deutschland und sie liefert nicht mehr, was der Markt will. Deshalb müssen wir zwei Dinge auseinanderhalten, die oft vermischt werden:

1) Der Wettbewerb um die Produktion

Da tritt Deutschland nicht gegen China an, sondern gegen die Slowakei, Ungarn und Co. Also gegen andere Produktionsstandorte innerhalb der EU. Die Arbeitskosten in der Industrie im Jahr 2025 betrugen in Deutschland 49,50 Euro pro Stunde und in der Slowakei 19,30 pro Stunde. Diesen Kampf können wir nicht gewinnen. Wir sind eines der reichsten Länder Europas mit entsprechend hohen Einkommen.

Wir wollen ihn auch gar nicht gewinnen. Ein Rückzugsgefecht mit den ärmsten EU-Ländern um die billigste Fabrik kann nicht unser Ziel sein. In der Produktion waren wir nie wettbewerbsfähig. Wir konnten sie uns nur leisten, weil wir die Entwicklung hatten.

2) Der Wettbewerb um die Entwicklung

Das war unser Geschäftsmodell. Das hat uns stark gemacht. Hier tritt Deutschland gegen China und die USA an. Nur hat sich das Spielfeld verschoben. Früher ging es um Motoren und Mechanik. Also um Maschinenbau, unsere Kernkompetenz. Heute haben sich die wertvollsten Technologien im Auto verschoben: hin zu Batterie, Software und KI. Genau da sind wir schwach geworden.

Deshalb verlieren wir gerade nicht nur Produktionsjobs. Wir verlieren die Entwicklung. Die wandert dorthin, wo diese neuen Technologien entstehen: nach China und in die USA. Wir reden aber über Produktionskosten, also über den Teil, in dem wir nie stark waren. Das hat einen Grund: VW darf in Deutschland bis Ende 2030 niemanden kündigen. Das ist der Deal mit der IG Metall.

Wenn VW trotzdem Stellen streichen will, müssen die Leute freiwillig gehen. Das funktioniert besser, wenn die Stimmung schlecht ist. VW hat also ein eigenes Interesse daran, dieses Narrativ aufrechtzuerhalten. Aber das ändert nichts am eigentlichen Problem: dem Produkt. Wie will VW das lösen?

Das ist Volkswagens Rettungsplan

Wenn wir den ganzen Noise ausblenden, macht der Plan drei Dinge:

1. Die Produktion verkleinern und verlagern

Vor allem in China wird die Produktion wirklich verkleinert, weil dort eben tatsächlich weniger Autos verkauft werden. VW hat dort schon Kapazität für mehr als eine Million Autos abgebaut. In Europa will VW Produktionskapazität für rund 500.000 Fahrzeuge abbauen. Parallel wird Produktion an günstigere Standorte verlagert. Das ist das, wovon wir in Deutschland sprechen.

Denn das wird oft ausgeblendet: Die deutschen Werke sind zu 81 Prozent ausgelastet. Das ist eigentlich gut. Sie sind nur teurer als die Werke im Ausland. Während die Fabrikkosten in Deutschland 6.490 Euro je Auto betragen, sind es im europäischen Ausland nur 2.832 Euro.

Das ist der Wettbewerb, den wir nicht gewinnen können. Also geht die Produktion dorthin, wo sie billiger ist.

2. Die Beteiligungen aufräumen

VW ist nicht nur ein Autobauer. Dazu gehören Marken, Werke, die Finanzsparte, Lkw, Motorräder, Beratungen und Fußballvereine. Rund 700 dieser Gesellschaften sollen weg. Schon verkauft sind MHP (an Tata), die Mehrheit an Italdesign (an UST) und die Mehrheit an Everllence (an Bain Capital).

Auch noch auf der Liste: Ducati, Moia, Europcar, ein Teil von Traton, die Fußball-Beteiligungen. Der Entwicklungsdienstleister IAV soll an Accenture gehen. Am Ende soll ein kleinerer Konzern stehen, der sich aufs Autobauen konzentriert.

3. Die Entwicklung einkaufen statt selbst machen

Das ist der wichtigste Teil des Plans. Die Fahrzeugentwicklung ist das Herz eines Autoherstellers. Bei VW saß sie in Wolfsburg, Ingolstadt und Weissach. Einen großen Teil davon lagert VW jetzt an Partner aus.

Laut dem Leak kürzt VW die technische Entwicklung um 35 bis 50 Prozent. Bei Investitionen und Forschung sind es 50 Milliarden weniger in fünf Jahren. Was VW weiter selbst macht sind Karosserie, Fahrwerk, Innenraum, Design und den Zusammenbau. Eingekauft werden Software und Elektronik. Im Westen kommt die von Rivian, in China von XPENG.

Autonomes Fahren (also die KI im Auto) stammt in China von XPENG, im Westen wohl von Nvidia, Wayve oder Mobileye. Die Batterien mit ihren Zellen kommen überwiegend von Zulieferern. Also: VW gibt das ab, was das deutsche Modell ausgemacht hat. Die Entwicklung. Die Frage ist: Warum?

Warum VW die Entwicklung auslagert

Was wir oft hören: VW hat den Wandel verschlafen. Das stimmt nur zur Hälfte. Ja, VW hätte früher reagieren sollen aber spätestens 2020 hat VW reagiert. Mit richtig viel Geld.

Weltweit gibt kaum ein Unternehmen mehr Geld für Forschung aus als VW. 21 Milliarden Euro waren es allein 2024. Das ist Platz 8 weltweit, über alle Branchen. Mehr als Mercedes und Tesla zusammen. Man kann VW also nicht vorwerfen, zu wenig investiert zu haben. Das Problem ist, was dabei rauskam. VWs eigene Software-Tochter CARIAD hat in fünf Jahren über 10 Milliarden Euro Verlust gemacht. Die Software kam zu spät und war nie konkurrenzfähig.

Die erst Argo AI mit Ford für ein autonomes Fahren wurde 2022 eingestellt. Dann die Allianz mit Bosch, dieses Jahr beendet wurde. Auf Batterieseite hat VW auf Northvolt gesetzt und war dort größter Anteilseigner. Northvolt ist insolvent gegangen. Die Anteile an QuantumScape und Gotion stehen zum Verkauf, die eigene Zellfabrik PowerCo soll sich externe Investoren suchen.

VW hat also richtig viel Geld investiert abe konnte diese Investitionen nie in echte Ergebnisse umwandeln. Anders gesagt: Man hat das Geld verbrannt und irgendwann hat Volkswagen für sich erkannt: Wir geben auf. Was wir nicht selbst aufbauen können, kaufen wir ein.

Mein Take

Ich finde, wir reden über das Falsche. Wir streiten über Werke und Jobs also über den Teil, den wir sowieso verlieren. Dabei übersehen wir die Entwicklung. Die hat diese Werke und Jobs überhaupt erst möglich gemacht. Trotzdem kann ich beide Seiten verstehen.

Der Vorstand sieht den einzigen Ausweg darin, Deutschland zu verlassen

Ehrlich gesagt: Aus der Sicht des Vorstands gibt es keinen logischen Grund mehr, hier zu bleiben. Deutschland war als Autostandort attraktiv wegen des Verbrenners. Das starke Ökosystem drumherum: die Zulieferer, das Wissen um den Antriebsstrang. Das alles zählt in der neuen Autowelt nicht mehr. Für Batterie, Software und KI haben wir hier einfach kein Umfeld.

Übrig bleiben die höchsten Arbeitskosten der europäischen Autoindustrie. Was VW noch hier hält, ist seine Legacy. Sonst nichts.

Belegschaft, Land, Arbeitsplätze und ihre Wertschöpfung

Auch das ist vollkommen logisch. Nur passt beides nicht zusammen. Bleibt die Frage, was das für Deutschland heißt. und ob VW das überlebt. Das deutsche Modell hieß: Unsere Autos sind besser, also kosten sie mehr. Genau das fällt jetzt weg. Denn wenn VW die Technologie einkauft, ist ein Volkswagen nicht mehr besser als die Konkurrenz. Er ist maximal auf Augenhöhe. Rivian und XPENG verkaufen dieselbe Technologie nämlich auch an andere oder bauen sie selbst in ihre eigenen Autos.

Das heißt: Volkswagen kann sich nicht mehr leisten, teurer zu sein als die Konkurrenz. Den Preis bestimmt dann der günstigste Anbieter mit derselben Technologie und das sind die Chinesen. Der Konzern muss also zwangsläufig auf ihr Preisniveau runter, sonst hat er keine Chancen.

Parallele zu Nokia sind offensichtlich

Genau das bringt uns zur Produktion in Deutschland. Die konnten wir uns nur leisten, weil Kunden für unsere Technologie einen Aufpreis bezahlt haben. Diesen Aufpreis zahlt aber niemand mehr. Damit können wir uns die teure Produktion auch nicht mehr leisten. Jetzt sind wir wieder bei Nokia.

Vor 15 Jahren war Nokia der größte Handy-Hersteller der Welt. Die Handys waren gut gebaut. Verloren hat Nokia trotzdem, weil Apple und Google die bessere Software hatten. Dann hat sich Nokia die Software bei Microsoft eingekauft aber das hat nicht ausgereicht. Irgendwann hat Nokia aufgehört, Handys zu bauen.

Volkswagen ist das Nokia der neuen Generation

Volkswagen steht heute da, wo Nokia vor 15 Jahren stand. Die Autos sind gut gebaut, aber mit fremder Technologie. Bei Nokia hat das nicht gereicht. Die Wolfsburger wollen es trotzdem schaffen. Das ist die Wette. Die kann aufgehen oder nicht.

Aber so oder so: Für Deutschland reicht das nicht. Wir verlieren die Entwicklung und damit über kurz oder lang auch die Produktion. Gerade deshalb will ich mit einem positiven Impuls enden. Vor 20 Jahren stand China da, wo Deutschland gefühlt heute steht. Abgehängt bei den Zukunftstechnologien. Keine eigenen Marktführer. Dann haben sie einen Plan gemacht und ihn 20 Jahre lang durchgezogen.

Was ich damit sagen will: Wir haben das selbst in der Hand und es wird ganz sicher wieder bergauf gehen.

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