Am Freitag entscheidet der Aufsichtsrat von Volkswagen über die Konzernstrategie. Gibt es einen Kompromiss? Oder kracht es richtig? Es geht unter anderem um die Zukunft von vier Werken.
Am Freitag entscheidet der Aufsichtsrat von Volkswagen über die Konzernstrategie. Gibt es einen Kompromiss? Oder kracht es richtig? Es geht unter anderem um die Zukunft von vier Werken.
In Wolfsburg wird inzwischen das Undenkbare gedacht: Wenn sich der Aufsichtsrat von Volkswagen am Freitag nicht auf Sparmaßnahmen verständigt, dann ruft der Vorstand auf Wunsch der Großaktionäre Porsche und Piëch eine außerordentliche Hauptversammlung ein, auf der die Kapitalseite gegen die Stimmen des Landes Niedersachsen den Sanierungskurs durchsetzen könnte.
Vier Autowerke würden geschlossen und mehr als 50.000 Arbeitsplätze zusätzlich zu den bereits vereinbarten 50.000 gestrichen. Das hat es bei Volkswagen noch nie gegeben.
Das VW-Gesetz verschafft dem Land Niedersachsen, das 20 Prozent hält, eine starke Stellung im Unternehmen. Und dazu kommt die IG Metall, gegen die bei VW nichts läuft.
Als sich vor gut 20 Jahren der damalige VW-Chef Bernd Pischetsrieder ein wenig mit der Arbeitnehmerseite anlegte, bemerkte der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch in einem Interview, dass der Konzern „gegen die Stimmen der Arbeitnehmer“ nicht zu führen sei. Die dürren Worte läuteten das Ende Pischetsrieders in Wolfsburg ein.
Im aktuellen Konflikt um Kosten und Kapazitäten ist die Konstellation anders: Der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch bemüht sich ebenso wie der Vorstandsvorsitzende Oliver Blume um einen Kompromiss mit den Arbeitnehmervertretern aus Betriebsrat und Gewerkschaft sowie dem Land Niedersachsen. Doch die Familien Porsche und Piëch, die zusammen gut 53 Prozent der VW-Anteile besitzen, beharren auf einer harten Sanierung.
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„Pötsch und Blume haben nichts mehr zu melden“, heißt es in Wolfsburg. Der starke Mann sei vielmehr Rechtsvorstand Manfred Döss, „ein Gewerkschaftsfresser“, der im Namen der Familien agiere und Pötsch wie auch Blume die Richtung anzeige, sagte ein Arbeitnehmervertreter dem Tagesspiegel Background.
Döss fiel schon im Herbst 2024 als beinharter Vertreter der Kapitalseite auf, der kein Interesse an einer einvernehmlichen Lösung der Konzernprobleme hatte. Kurz vor Weihnachten verständigten sich damals die Parteien dennoch auf den sozialverträglichen Abbau von 50.000 Arbeitsplätzen bis 2030. Neben VW betrifft das die Konzernmarken Audi und Porsche sowie die Softwarefirma Cariad. Kündigungen und Werksschließungen sind ausgeschlossen, was Döss offenbar bis heute ärgert.
Blume steht zum Kompromiss, doch aufgrund des Absatzrückgangs in China, der US-Zölle sowie der Kosten der Transformation möchte er weitere Kapazitäten abbauen und stellt dazu ganze Produktionsstandorte (Emden und Zwickau für VW Pkw, Hannover für VW Nutzfahrzeuge und Neckarsulm für Audi) infrage.
Von den weiteren 50.000 Arbeitsplätzen, die der Konzernchef als Marke in den Raum stellte, entfielen Blume zufolge jeweils die Hälfte auf inländische und ausländische Standorte.
Die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo rechnet anders. Zu den 2024 vereinbarten 50.000 Stellen und den von Blume avisierten weiteren 25.000 Arbeitsplätzen in Deutschland kämen in den 2030er-Jahren noch 40.000 hinzu, sollten die vier Werke geschlossen werden.
Alles in allem entsprächen die 115.000 „rund jedem sechsten direkten Beschäftigungsverhältnis in der deutschen Automobilindustrie“, sagte Cavallo am 25. August bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg. Dort trat auch Blume auf und gab als Ziel aus, „in den nächsten sechs bis zwölf Monaten belastbare Perspektiven für alle Standorte zu schaffen“. Für die vier genannten Werke sieht er die derzeit nicht.
Der Werkboden wird an allen Standorten brennen. Die IG Metall signalisiert Kampfbereitschaft bei VW
Bei der Aufsichtsratssitzung im Juli bekam Blume keine Mehrheit der 20 Mitglieder für seine Pläne. Eine Mehrheit ist auch am kommenden Freitag nicht in Sicht, sodass die Familien mit der Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung drohen, auf der dann gegen Niedersachsen die Sanierung beschlossen werden könnte. Betriebsrat und IG Metall stellen sich darauf ein: „Der Werkboden wird an allen Standorten brennen“, kündigt die niedersächsische IG Metall an.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) versucht derweil, einen dritten Weg zwischen den Vorstellungen der Familien und den Arbeitnehmervertretern aufzutun. Doch angeblich lehnt die Kapitalseite den Vorschlag des Politikers ab, der keine Werksschließungen beinhaltet.
„So Spitz auf Knopf stand es noch nie“, sagt ein Wolfsburger Insider. Bis zur Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums am Donnerstag, das wiederum die Sitzung des Aufsichtsrats einen Tag später vorbereitet, bleibt kaum noch Zeit.
Mitglieder des Präsidiums sind der Aufsichtsratsvorsitzende Pötsch sowie dessen Stellvertreterin, die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner. Dazu kommen Lies sowie Wolfgang Porsche (83 Jahre) und Hans Michel Piëch (84). Die beiden Familienvertreter gehören dem Gremium seit 2009 an. Als strategische Köpfe fielen sie bislang nicht auf. Bis zu dessen Rücktritt 2015 folgten sie vielmehr brav dem Kurs des großen Bruders beziehungsweise Cousins – Ferdinand Piëch.
Wie es in Wolfsburg heißt, haben die in Salzburg ansässigen Herren den Juristen Döss mit der Wahrnehmung ihrer Interessen in Wolfsburg beauftragt. Der Rechtsvorstand „führt im Namen der Familien die Geschäfte und dreht mit seiner Ellenbogenmentalität völlig frei“, sagt ein Insider. Die formal Vorgesetzten, Pötsch und Blume, hätten keine Autorität mehr gegenüber Döss.
Der 1958 in Bad Kreuznach geborene Döss leitete unter anderem die Rechtsabteilung von RWE und der Porsche Automobil Holding, wo er das Vertrauen der Familien gewann. Seit Februar 2022 ist Döss im Konzernvorstand von Volkswagen zuständig für „Integrität und Recht“. Vor knapp zwei Jahren setzte er sich mit der harten Sanierungslinie weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat durch. Jetzt läuft der zweite Versuch.
Wie sich das Miteinander im Konzern verändert hat, verdeutlicht das Gezerre um die Wiederbesetzung des Personalressorts nach dem Ausscheiden von Vorstandmitglied Gunnar Kilian vor mehr als einem Jahr. Oliver Burkhard, ehemals Personalchef von Thyssen-Krupp und derzeit Chef der börsennotierten TKMS, ehemals Thyssen-Krupp Marine Systems, lehnten die Familienvertreter ab; Burkhards Karriere hatte einst in der IG Metall begonnen.
Und auch gegen die Personalchefin von Bosch, Erika Rasch, machte die Kapitalseite bei der vergangenen Aufsichtsratssitzung im Juli Bedenken geltend. Das Ergebnis ist eine groteske Situation: Zehntausende Arbeitsplätze sollen weg, doch der Weltkonzern mit 660.000 Beschäftigten, davon rund 280.000 in Deutschland, agiert ohne Personalvorstand.
Die Brisanz der Lage wird auch von den Arbeitnehmervertretern nicht bestritten. Da die Verkaufszahlen weltweit bestenfalls stagnieren, ist ein weiterer Kapazitätsabbau bei steigender Produktivität nicht zu vermeiden. Und wenn die Chinesen mit Macht nach Europa kommen – angeblich sind die Fabrikkosten von BYD im neuen ungarischen Werk nur ein Drittel so hoch wie in einem deutschen Werk von VW oder Audi –, dann wird es zumindest im Volumenmarkt ziemlich eng.
„Die Lage ist schwierig, aber es wird kein Werk geschlossen.“ Mit dieser Haltung gehen die Arbeitnehmervertreter in die Aufsichtsratssitzung am Freitag. Der Vorschlag des Ministerpräsidenten Lies sei „anschlussfähig“, indem er allen Seiten etwas abverlangt. Kürzungen ja, aber keine Schließungen. Zumindest bis Dienstagabend gab es keine Signale aus Salzburg, dass die Familien darüber zu reden bereit wären.
Die „maximale Konfrontation“, wie ein Gewerkschafter die Einberufung eines außerordentlichen Aktionärstreffens bewertet, könnte bereits Ende Oktober anstehen. Dazu müssten die Familien bei ihrer Haltung bleiben und dazu die zwei Vertreter des Emirats Katar, das 17 Prozent der Stimmrechte hält, im Aufsichtsrat auch auf Krawallkurs schalten.
Und was macht Hans Dieter Pötsch? Seit 2003 amtierte der Gefährte von Ferdinand Piëch und später von Martin Winterkorn als Finanzvorstand, seit 2025 als Aufsichtsratsvorsitzender. Der inzwischen 75-jährige Pötsch war stets um Ausgleich bemüht im komplizierten Konzern. Schwer vorstellbar, dass er eine Desavouierung durch Döss hinnimmt.
Pötsch, der als Vorsitzender bei einer Pattsituation doppeltes Stimmrecht hat und damit den Ausschlag gibt im Aufsichtsrat, könnte die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung blockieren. Und allen Akteuren mehr Zeit verschaffen für eine Konsenslösung. Bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung im November.
Von Alfons Frese
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