In ihrer Heimat Argentinien spielen La Delio Valdez Stadien schon mal vor 25.000 Menschen, beziehungsweise: tanzen mit ihnen. Beim Auftritt der Cumbia-Band im Berliner Columbia-Theater waren am Montag zwar deutlich weniger Menschen, der Abend war trotzdem berauschend.
Konzert La Delio Valdez im Columbia-Theater Ekstase im Cumbia-Theater
Höchst nervös schaut er, die Augen zucken hier- und dorthin. Er - das ist der Bühnentechniker, der im Hintergrund in Habachtstellung lauert, denn: Wie soll das nur funktionieren, ohne dass gleich was umfällt? Wie voll kann eine Bühne sein?
Voll, sagen La Delio Valdez. 14, manchmal 15 Menschen quetschen sich am Montagabend auf das sechs Meter breite Podest des Berliner Columbia-Theaters. Keine Band ist das, sondern ein aufgekratzt-glühendes Cumbia-Orchester.
Mikro fällt um, Rhythmus bleibt stabil
Sechs Bläser, vier Perkussionistinnen und Perkussionisten, Gitarrist, Bassist, Sängerinnen und Sänger stehen da, der Abstand von Arm zu Arm beträgt vielleicht fünf Zentimeter. Trotzdem bewegen sie sich synchron, von links nach rechts, von rechts nach links, spielen ihre Instrumete, singen und rufen und jauchzen und dann kommt es schon nach drei Minuten, wie es kommen muss. Natürlich fällt das erste Mikro um. Aber der Bühnentechniker hat darauf ja nur gewartet, er wurstelt sich irgendwie durch Menschen und Instrumente und stellt es wieder auf. Puh, hat geklappt, aber gestört hat’s sowieso niemanden, die Betriebstemperatur im Raum ist jetzt schon auf gefühlt 36 Grad und, klar, es wird noch heißer.
In ihrer argentinischen Heimat füllen La Delio Valdez Stadien. Hier sind es vielleicht 200 bis 300 Menschen, das Haus ist lange nicht ausverkauft. Aber das tut der Stimmung keinen Abbruch, denn das heißt: Mehr Platz zum Tanzen! Zu dieser unbändigen, vor Lebensfreude zitternden, vermeintlich redundanten, aber doch unwiderstehlich mitreißenden Musik.
Wunderwerk der Mischkunst
Ganz vereinfacht könnte man den Cumbia so beschreiben: Es gibt diesen stoischen, nicht sonderlich schnellen Grundpuls: 1, 2, 1, 2. Und dazwischen, auf dem Offbeat, also dem "und" bei 1 UND 2 UND 1 UND 2, liegt prominent dieses hypnotische Ratschen des Güiros, eines Perkussionsinstruments, über dessen geriffelte Oberfläche man mit einem Stab schabt.
Der eine Typ aus der Band macht tatsächlich auch den ganzen Abend (mit beeindruckender Verve) kaum was anderes: 1 – tsch-tsch, 2 – tsch-tsch, 1 tsch-tsch, 2 tsch-tsch und so weiter. Es ist ein Rhythmus, der einen in den Schlaf verfolgt, simpel und doch komplex, weil sich bei vier Perkussionisten immer neue Ebenen dazu schieben. Dazu schmettern die Bläser mehrstimmig, der Bass fährt in die Glieder, vier, fünf Leute übernehmen abwechselnd oder zusammen den Lead-Gesang, und alles – ein Wunderwerk der Mischkunst – klingt perfekt ausgesteuert.
So simpel, so effektiv
Cumbia ist eine Musikrichtung, aber auch ein Tanz. Und man könnte vielleicht sagen: Es ist ein ziemlich inklusiver Tanz, weil er in seiner Grundform total einfach, aber so lässig ist. Ein Teil des Körpers wiegt nach rechts, der andere zieht nach, dann wiegt man nach links und zieht nach. Das kann man mit den Füßen machen, aber auch mit den Armen, dem ganzen Körper.
Und auch hier im Columbia-Theater findet jede und jeder seinen Tanz-Style. Paartanz geht natürlich genauso gut wie Alleine-Vor-Sich-Hinwobbeln. Und es sind so viele schweißnasse, lachende, juchzende, glückliche Gesichter im Publikum, wie man sie im Berliner Straßenbild sonst vielleicht insgesamt in, sagen wir mal, zwei Monaten sieht. In zwei sehr guten Monaten.
Ohne Pause wackelt diese dampfende Cumbia-Maschine unaufhaltsam durch den Raum, es gibt nur ein paar Durchsagen auf Spanisch. Auch das Publikum – sehr bunt gemischt übrigens, zwischen 25 und 75 – ist in der Mehrheit spanischsprachig.
Einer aus der Band sagt kurz auf Englisch: "Lasst euch die Ansagen doch bitte von euren Nachbarn übersetzen", aber was brauchen wir die Sprache schon im Rausch. La Delio Valdez verwandeln das Columbia-Theater ins Cumbia-Theater, musikalisch perfekt abgestimmt, hypnotisch, sinnlich bis zum Exzess.
Sendung: rbb24 Inforadio, 21.07.2026, 06:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 21.07.2026, Jakob Bauer
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Billy Talent in Berlin: Millennial-Hype ohne Nostalgie | 0 | 12.92 | 17-06-2026 |
| 2 | Konzertkritik: Doja Cat in der Berliner Uber-Arena | 0 | 13.37 | 18-06-2026 |
| 3 | Konzertkritik: Foo Fighters im Berliner Olympiastadion | 0 | 12.71 | 02-07-2026 |
| 4 | Konzertkritik: Bonnie "Prince" Billy bringt Westernromantik nach Westberlin | 0 | 15.37 | 12-08-2026 |
| 5 | Pulp in Berlin: Pure Energie statt Nostalgieveranstaltung | 0 | 10.36 | 26-06-2026 |
| 6 | Konzertkritik zu PinkPantheress im Tempodrom | 0 | 7.84 | 03-06-2026 |
| 7 | Mumford & Sons in Berlin: Wem nicht das Herz aufgeht, hat vielleicht nie eins gehabt | 0 | 9.56 | 10-07-2026 |
| 8 | Konzertkritik zu Massive Attack in der Zitadelle Spandau | 0 | 14.85 | 08-06-2026 |
| 9 | Marillion in Berlin: Zuhören wie in der Oper | 0 | 13.11 | 15-07-2026 |
| 10 | Die Toten Hosen lassen es im Olympiastadion zum Abschied noch mal krachen | 0 | 10.89 | 12-07-2026 |