Wegen einer Gewitterwarnung samt kurzer Räumung starten die Foo Fighters verspätet im Olympiastadion - und spielen danach fast drei Stunden. Am Ende steht der Beweis, wie gut ein Stadion-Rock-Konzert 2026 funktionieren kann.
Konzert Foo Fighters im Olympiastadion Dave Grohls liebstes Füllwort
Von Jule Kaden
Im Olympiastadion ist für einen Moment nicht Rock-Kulisse, sondern Wetterlage: Kurz vor dem Auftritt der Foo Fighters muss der Innenraum am Mittwochabend wegen einer Gewitterzelle geräumt werden. Zehntausende Menschen raus aus dem Innenraum, rein in sichere Bereiche, abwarten. Was schade ist, denn die Vorbands Fat Dog und Idles bringen die Menge direkt in Stimmung.
Doch das Publikum nimmt die Unterbrechung bemerkenswert gelassen: Laola-Wellen wandern durch die Ränge, bis sich wie im Zeitraffer die Menschen wieder in Richtung Bühne bewegen und aus der Geduldsprobe doch noch das wird, wofür 65.000 gekommen sind: lauter, sehr körperlicher, sehr sentimentaler (Stadion)rock. Als die beiden Foo-Fighters-Fs über der Bühne aufleuchten, roter Nebel durchs Olympiastadion zieht und die ersten Akkorde von "All My Life", einem von den "Foos" gern genutzten Abendopener, einsetzen, ist die Wartezeit schnell vergessen.
Block aus Gitarren, Schlagzeug und Mitsingen
Dave Grohl brüllt, krächzt, grinst - und Berlin antwortet. Die Foo Fighters eröffneten nicht vorsichtig, sie treten direkt das Distortion-Pedal durch. Neben dem Opener gibt es "The Pretender", "Times Like These", "Rope", "My Hero": Die erste Stunde ist ein Block aus Gitarren, Schlagzeug, Mitsingen und sehr viel Druck. Einer dieser Abende, an denen man selbst ohne besondere Bandkenntnis schnell verstehen würde, warum diese Gruppe seit drei Jahrzehnten Stadien füllt.
Für alle, die mit den Foo Fighters nicht automatisch eine Lebensgeschichte verbinden: Gegründet wurden sie von Dave Grohl, der in den 1990er Jahren als Schlagzeuger von Nirvana und damit mit dem Grunge weltberühmt wurde. Nach dem Tod von Sänger Kurt Cobain machte Grohl weiter - erst allein, dann mit Band. Aus einem Soloprojekt wurde eine der letzten großen Rockmaschinen.
Ein Konzert der amerikanischen Rockband Foo Fighters in Oslo 2026. ( Quelle: picture alliance/Gonzales/Ketil Martinsen)
Laut - und verletzlich
Dass diese Maschine nicht mehr dieselbe ist wie früher, ist in Berlin an diesem Abend immer wieder zu spüren. Es ist die erste eigene Deutschlandtour der Foo Fighters seit dem Tod von Taylor Hawkins im Jahr 2022. Hawkins war seit 1997 Schlagzeuger der Band, enger Freund von Grohl und für viele Fans nicht einfach ein Musiker im Hintergrund, sondern ein Teil der Seele dieser Gruppe und auch des Livegefühls. Bei "My Hero" wird das besonders deutlich. Zehntausende singen mit, viele Arme gehen hoch, und plötzlich ist der Abend nicht mehr nur laut, sondern auch verletzlich. Und jeder Fan denkt an Hawkins: Denn beim Tribute-Konzert im Londoner Wembley-Stadion kurz nach seinem Tod performten Hawkins Sohn und Grohl diesen Song gemeinsam für ihn.
Noch stärker wird dieser Moment bei "Aurora" vom dritten Studioalbum "There Is Nothing Left To Lose". Es war Taylor Hawkins' Lieblingssong aus dem Foo-Fighters-Katalog. Nicht nur, weil er erstmals mit Grohl und Konsorten im Grohl'schen Kellertonstudio verschwand, sondern weil ihn die verletzliche Emotionalität, die Grohl in dem Song an den Tag legt, besonders berührte. Inzwischen widmet die Band Hawkins den Song jeden Spieltag. Ohne große Ansage, ohne Pathos-Überladung. In Berlin reichen die ersten Töne - und im Olympiastadion gehen die Handylichter an.
Der "Neue" am Schlagzeug ist übrigens Ilan Rubin. Er hat jahrelang bei den Nine Inch Nails gespielt, aber auch schon bei Paramore oder Angels&Airwaves. Rubin kopiert Hawkins nicht und genau das ist gut so. Er spielt präziser, technischer, gerader. Auch sein großes Vorbild John Bonham von Led Zeppelin ist bei seinen Fills und Breaks auch immer wieder hörbar. Bei einer Band, deren Gründer selbst einer der berühmtesten Rock-Schlagzeuger der 90er ist, ist all das keine Nebensache. Das Schlagzeug ist bei den Foo Fighters nicht Begleitung, es ist Motor.
Ganz viel "fucking"
Dass Grohl bei "These Days" angesichts des Wetters sinngemäß in Richtung Regen singt, passt zu diesem Abend. Grohl ist der perfekte Frontmann für genau solche Situationen. Er kann ein Stadion behandeln wie einen übergroßen Proberaum. Viel Lachen, viel Schreien, viel direkter Kontakt. Und vor allem ganz viel "Fucking". Sein Lieblingswort. Manchmal reicht bei ihm ein Blick, ein breites Grinsen, ein ausgestreckter Arm und 65.000 Menschen machen mit.
"Sympathisch. Man mag ihn. Man denkt, man kennt ihn", sagt Konzertbesucher Björn nach der Show. Genau das ist Grohls großes Kapital: Er steht auf einer riesigen Bühne und verkauft einem trotzdem das Gefühl, er spiele gleich im nächsten verschwitzten Club weiter.
31 Jahre Bandgeschichte in knapp drei Stunden
Vom neuen Album "Your Favorite Toy" spielen die Foo Fighters in Berlin nur einen Song: "Window". Bei insgesamt 27 Songs ist das auffällig. Diese Show ist keine Präsentation der Gegenwart, sondern ein großes Best-of. 31 Jahre Bandgeschichte, komprimiert auf fast drei Stunden. Das funktioniert sehr oft sehr gut: Es gibt kaum Leerlauf, kein Pop-Spektakel. Andrea, die extra aus Hannover zu ihrem ersten Foo Fighters-Konzert angereist ist, bringt es danach so auf den Punkt: "Keine Pausen zwischendurch, kein Kostümwechsel, kein Sauerstoffzelt. Das war schon bemerkenswert."
Ganz ohne Hänger kommt der Abend trotzdem nicht aus. In der Mitte wechseln die sechs Musiker auf eine kleinere Bühne am Ende des Stegs und spielen halbakustisch weiter. Charmant, ja. Intimer, auch. Aber in einem Stadion wie dem Olympiastadion verliert selbst Dave Grohl kurz an Wucht, wenn aus dem großen Rockbrett ein halbes Lagerfeuer wird. Doch die Dunkelheit rettet diesen Mittelteil: Als die Bühne wieder stärker leuchtet und alle Bandmitglieder jeweils einen Song aus ihren früheren Bands präsentieren, statt sich einfach nur namentlich vorzustellen.
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
26 Minuten über Sperrstunde
Eigentlich ist im Olympiastadion wegen der Anwohnerinnen und Anwohner und des Lärmschutzes um 22 Uhr Schluss. Da die Band wegen des Gewitters aber erst 19:40 Uhr auf die Bühne konnte, entscheidet sich Dave Grohl am Mittwochabend für eine andere Auslegung: "Usually, we would end the show here. But fuck that", brüllt er ins Stadion und spielt weiter. Und weiter. 26 Minuten über der Sperrstunde - über "Best of You" bis zum Closer "Everlong".
Die Foo Fighters erfinden sich in Berlin nicht neu. Sie sind nicht überraschend modern. Dieser Abend ist eher ein Beweis dafür, wie gut ein Rock-Konzert im Jahr 2026 noch funktionieren kann, wenn es auf das Wesentliche reduziert wird: Instrumente, Lautstärke, Songs, Charisma. Kein Kostümkonzept, keine große Erzählshow, keine perfekte Hochglanzdramaturgie. Nur eine Band, die sehr genau weiß, wie man ein Stadion anschiebt. Oder, um es in der Sprache dieses Abends zu sagen: fucking laut, fucking sentimental, fucking wirksam.
Sendung: Radioeins vom rbb, 02.07.2026, 07:10 Uhr
Audio: Radioeins vom rbb, 02.07.2026, Jule Kaden
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Die Toten Hosen lassen es im Olympiastadion zum Abschied noch mal krachen | 0 | 10.89 | 12-07-2026 |
| 2 | Konzertkritik: Doja Cat in der Berliner Uber-Arena | 0 | 13.37 | 18-06-2026 |
| 3 | Konzertkritik zu PinkPantheress im Tempodrom | 0 | 7.84 | 03-06-2026 |
| 4 | Marillion in Berlin: Zuhören wie in der Oper | 0 | 13.11 | 15-07-2026 |
| 5 | Konzertkritik zu Massive Attack in der Zitadelle Spandau | 0 | 14.85 | 08-06-2026 |
| 6 | Konzertkritik: Cumbia-Band La Delio Valdez im Columbia-Theater | 0 | 15.99 | 21-07-2026 |
| 7 | Konzertkritik: The Molotovs in der Berghain-Kantine | 0 | 10.41 | 23-07-2026 |
| 8 | Festival | Lollapalooza im Olympiastadion: Spiegel, Glitzer und globale Popstars | 0 | 10.34 | 20-07-2026 |
| 9 | Zwischen Schweiß und Tränen: Bruno Mars im Olympiastadion Berlin | 0 | 6.66 | 27-06-2026 |
| 10 | Kings of Leon in Berlin: Gänsehaut, Durst und Sex on Fire | 0 | 8.81 | 19-06-2026 |