Mit viel Körpereinsatz und Dramaturgie feiert die Britpop-Band Pulp nach drei Jahrzehnten ihr Comeback in der Hauptstadt. Dabei fehlen neben neuen Songs auch die legendären Klassiker nicht. Und das Publikum ist begeistert.
Konzert Pulp in Berlin Pure Energie statt Nostalgieveranstaltung
Von Ortwin Bader-Iskraut
Fast 30 Jahre mussten Berliner Fans darauf warten, Pulp wieder live zu erleben. Als die Britpop-Band um Jarvis Cocker am Donnerstagabend das Tempodrom betritt, dürfte es für viele im Publikum das erste Konzert der Band überhaupt sein. Pulp spielten zuletzt im Juni 1996 in Berlin, damals noch im Huxleys. Inzwischen ist mit "More" auch das erste Studioalbum seit fast einem Vierteljahrhundert erschienen. Die Rückkehr wirkt deshalb nicht wie eine bloße Reunion, sondern wie ein neues Kapitel.
Publikum zwischen Wiedersehen und erstem Mal
Manche Zuschauer sind sichtbar mit der Band gealtert, trotzdem dauert es kaum zwei Songs, bis große Teile des Tempodroms stehen. Schon während "Disco 2000" wird gesungen, geklatscht und getanzt, als hätte die Band Berlin nie verlassen. Auf den Leinwänden erscheinen zwischendurch deutsche Einblendungen wie "Macht Lärm", viel Überzeugungsarbeit braucht Jarvis Cocker allerdings nicht. Neben der Bühne entsteht sogar stellenweise so etwas wie ein kleiner Boomer-Moshpit. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie viele Menschen offenbar zum ersten Mal überhaupt Pulp live erleben. Eine Band, die viele seit den 90er Jahren begleitet, spielt für einen großen Teil des Publikums tatsächlich zum ersten Mal.
Ein Konzert in zwei Akten
Wer eine klassische Rockshow erwartet, wird überrascht. Pulp inszenieren den Abend eher wie eine Theateraufführung mit Liveband. Nach gut einer Stunde fällt tatsächlich der Vorhang – zumindest auf der Leinwand. Ein roter Samtvorhang wird eingeblendet, das Saallicht geht an, das Publikum bekommt eine 15-minütige Pause. Auch die Dramaturgie wirkt bewusst gesetzt. Der erste Teil endet mit "Sunrise", ganz am Ende steht "A Sunset" vom neuen Album.
Dazwischen wechseln sich neue Songs und Klassiker fast selbstverständlich ab. Das Tempodrom wird so weniger zum Konzertsaal als zu einer Theaterbühne, auf der Musik und Erzählung gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Bühne selbst bleibt vergleichsweise schlicht. Einige LED-Elemente erinnern optisch an die 80er und 90er Jahre, ansonsten liegt der Fokus klar auf der Band. Mit neun Musikerinnen und Musikern wirkt Pulp live überraschend opulent. Das Tempodrom ist dafür ein passender Rahmen, auch wenn sich der Sound unter dem hohen Zeltdach stellenweise etwas verliert.
Jarvis Cocker spielt nicht nur Songs
Im Mittelpunkt steht jederzeit Jarvis Cocker. Der 63-Jährige ist Sänger, Erzähler, Tänzer und Entertainer zugleich. Im Anzug schlängelt er sich mit auffälligen Arm- und Handbewegungen über die Bühne. Was zunächst fast ungelenk wirkt, könnte auch eine präzise auf die Musik abgestimmte Choreografie sein, wahrscheinlich ist es einfach der Instinkt.
Fast jeder Drumschlag scheint sich in seinen Bewegungen wiederzufinden. Vor "Slow Jam" erzählt Cocker zunächst von einem legendären Club namens "Limit" in Sheffield, davon, wie einen dort die Bässe körperlich erfassten und der Keller einen förmlich verschlang. Erst danach beginnt der Song. Die Geschichte wird Teil der Inszenierung und macht die Musik unmittelbar erlebbar. Im nächsten Moment zeigt sich wieder sein britischer Humor.
Vor "Farmer's Market" versucht Cocker vergeblich, aber mit großem Körpereinsatz, eine Weintraube aus seiner Hosentasche mit dem Mund aufzufangen. Wenig später wirft er sich bei "F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E." mit erstaunlichem Körpereinsatz über den Bühnenboden. Gerade dieser Wechsel zwischen Geschichtenerzähler und exzentrischem Performer hält den Abend zusammen.
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Alte Klassiker, neue Songs
Bemerkenswert ist, wie selbstverständlich sich die neuen Stücke ins Set einfügen. Schon die Ankündigung von "Spike Island" wird laut bejubelt – keine Selbstverständlichkeit bei einer Band, deren größte Hits seit Jahrzehnten zum Kanon des Britpop gehören. Natürlich gehören am Ende trotzdem die größten Momente den Klassikern. Als "Common People" erklingt, singt praktisch das gesamte Tempodrom jede Zeile mit. Nach rekordverdächtigen zweieinhalb Stunden endet der Abend ohne klassische Zugabe. Denn: die gesamte "More"-Tour ist bereits die eigentliche Zugabe.
Sendung: rbb24 Inforadio, 26.06.2026, 7:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 26.06.2026, Ortwin Bader-Iskraut/Sabine Dahl
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