Zum Mainstream-Star ist Will Oldham nie geworden, in der Alternative-Folk- und Country-Szene genießt er aber seit Jahrzehnten einen fast legendären Ruf. In Berlin stand er nun mit einer kompletten Band auf der Bühne.
Konzert Bonnie "Prince" Billy im Großen Sendesaal Westernromantik in Westberlin
Von Ortwin Bader-Iskraut
Wer bei amerikanischem Alternative Folk und Country an kleine Clubs oder intime Solokonzerte denkt, dürfte den Großen Sendesaal des rbb in Berlin-Westend zunächst für einen ungewöhnlichen Ort halten. Ein geräumiger, holzvertäfelter Saal im Stil der Westberliner 70er-Jahre trifft auf einen Musiker, dessen Songs häufig von ihrer Reduktion leben.
Am Dienstagabend hat sich allerdings gezeigt: Das passt erstaunlich gut zusammen.
Mehr Band für die leisen Songs
Will Oldham veröffentlicht seit Anfang der 90er-Jahre Musik, zunächst auch unter anderen Namen wie Palace Brothers oder Palace Music, seit Ende der 90er hauptsächlich als Bonnie "Prince" Billy. Mehr als 30 Studioalben sind inzwischen zusammengekommen. Zum Mainstream-Star ist der Amerikaner nie geworden, in der Alternative-Folk- und Country-Szene genießt er dafür seit Jahrzehnten einen fast legendären Ruf.
Das Besondere an diesem Abend ist die Besetzung. Zuletzt hat Bonnie "Prince" Billy häufig solo oder mit kleiner Begleitung gespielt, nach Berlin ist er diesmal mit einer kompletten Band gekommen. Das verändert den Charakter seiner Songs deutlich. Ein Rockkonzert wird daraus trotzdem nicht.
Oldham selbst steht ganz gediegen im weißen Hemd auf der Bühne und überlässt die großen Gesten weitgehend seinen Mitmusikern. Neben Schlagzeug, Keyboards und Gitarren gibt es mehrstimmigen Gesang und diverse Blasinstrumente. Querflöte und Klarinette tauchen auf, besonders das Saxofon gibt den Arrangements immer wieder eine neue Farbe. Gerade bei einem Musiker mit einer derart großen Diskografie macht das den Abend zusätzlich unberechenbar. Schon die Setlist lässt sich kaum vorhersagen, dazu werden viele Stücke live so deutlich verändert, selbst bekannte Songs sind teilweise erst nach einigen Momenten zu erkennen.
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Mehr Lagerfeuer als Konzertsaal
Aus den oft fragilen Aufnahmen entsteht mit der Band ein deutlich dichterer Sound, ohne dass die Musik ihre Intimität verliert. Schon beim Opener "Everybody’s Got a Friend Named Joe", einem Song über Freundschaft als Rettungsanker in schwierigen Zeiten, herrscht nach kurzem Jubel eine andächtige Stille im Saal. Und so entsteht im Laufe des Abends trotz des großen Raumes eine erstaunlich gesellige Atmosphäre.
Die Country- und Folksongs, der mehrstimmige Gesang und die Bläser erinnern stellenweise eher an einen gemeinsamen Abend irgendwo auf dem amerikanischen Land: Sonnenuntergang, Schaukelstuhl, Lagerfeuer. Ein bisschen Westernromantik in Westberlin. Dazu passt auch Oldhams Kommunikation mit dem Publikum. Zwischendurch fragt er nach einer Bar, in der die Band nach dem Konzert noch einkehren könne. Eigentlich sei egal wo, Hauptsache, man könne dort gemeinsam singen und tanzen, bevor es nachts zum nächsten Tourstopp geht.
Der stärkste Moment des Konzerts kommt gegen Ende mit "I See a Darkness". Es ist einer von Oldhams bekanntesten Songs und später sogar von Johnny Cash aufgenommen worden. Inhaltlich geht es um dunkle Gedanken und darum, wie Liebe und Freundschaft davor bewahren können, darin zu versinken. Gerade hier zeigt sich noch einmal, was die größere Besetzung an diesem Abend ausmacht. Oldhams Stimme trifft auf fantastische Zweitstimmen, die Band nimmt sich zurück und der große Sendesaal wirkt plötzlich erstaunlich intim, im Publikum kann man eine Stecknadel fallen hören.
Gedanklich am Lagerfeuer
Dass diese Ruhe keineswegs mit mangelnder Begeisterung zu verwechseln ist, zeigt sich wenige Minuten später. Noch vor der Zugabe steht ein großer Teil des Publikums auf, es gibt langen Applaus und Standing Ovations. Bonnie "Prince" Billy hat im Sendesaal damit vor allem gezeigt, wie viel sich an seinen Songs verändern lässt, ohne ihren eigentlichen Charakter anzutasten. Die größere Band hat die Musik nicht lauter oder spektakulärer gemacht, sondern vor allem dichter. Und am Ende sind zumindest gedanklich alle wieder gemeinsam am Lagerfeuer gelandet.
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Sendung: rbb24 Inforadio, 12.08.2026, 7:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 12.08.2026, Ortwin Bader-Iskraut
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