Kriege, politische Entscheidungen und Strompreise haben bei den deutschen zum Umdenken gesorgt. Hunderttausende Haushalte setzten auf Selbstversorgung.
Strompreise, Krieg und politische Kehrtwenden haben Spuren hinterlassen. Hunderttausende Haushalte setzen auf Solarmodule, Speicher und Notstrom. Neue Zahlen zeigen, wie rasant die private Energieversorgung wächst.
Krieg, Energiepreise, die schnell mal durch die Decke gehen, und das Hin und Her um die grüne Wende haben das Vertrauen der Deutschen in die öffentliche Energieinfrastruktur erschüttert. Die Konsequenz: Statt weiter auf Politik und Energieversorger zu hoffen, kaufen sie Solarmodule, Speicher und Notstromtechnik.
Aktuelle Daten der Schnäppchenplattform mydealz zeigen, wie aus der Energiewende gerade ein Konsumthema wird. So wie einst der Garten das Gemüse für Selbstversorger lieferte, werden die Deutschen auch beim Strom zu kompletten Selbstversorgern. Sie suchen nicht mehr nur den billigsten Stromanbieter. Sie machen den Strom gleich selbst.
Erst kam die Wallbox, dann das Balkonkraftwerk, inzwischen landet immer häufiger auch noch ein Speicher im Warenkorb. Was auf der Schnäppchenplattform mydealz seit einigen Jahren passiert, hat lange nach einem Techniktrend ausgesehen. Tatsächlich erzählt es inzwischen viel darüber, was Krieg, Energiekrise und die politische Dauerbaustelle Energiewende mit den Verbrauchern gemacht haben:
2021 zählte mydealz gerade einmal 52 Deals für Balkonkraftwerke. 2025 waren es 1111. Beim Speicher ist die Entwicklung noch drastischer: sechs Deals im Jahr 2021, dann 14, 88, 269 – und schließlich 580 im vergangenen Jahr.
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Man kann das Energiewende nennen, man kann es aber auch Misstrauen nennen. Wer erlebt hat, wie sich nach Russlands Angriff auf die Ukraine innerhalb weniger Monate die Welt der Energieversorgung auf den Kopf stellte, hat gelernt: Die nächste Kilowattstunde ist nicht zwangsläufig so selbstverständlich und so bepreist wie die letzte. Das Schlimmste liegt zwar hinter den Verbrauchern. Vom Irrsinn der Gas- und Strompreise des Jahres 2022 ist Deutschland inzwischen wieder entfernt. Zum alten Normalzustand sind die Preise allerdings ebenfalls nicht zurückgekehrt. Im zweiten Halbjahr 2025 kostete Haushaltsstrom nach Angaben des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich 40,55 Cent je Kilowattstunde. Das waren immer noch 23,4 Prozent mehr als vor der Energiekrise 2021. Beim Gas betrug der Aufschlag sogar 79,1 Prozent.
Und so machen Verbraucher etwas sehr Naheliegendes: Sie versuchen, sich aus dem öffentlichen Energiemarkt zu verabschieden. „Wir sehen eine Verschiebung vom reinen Sparen zur Selbstversorgung“, sagt Alex Kalcin, Deutschland-Chef von mydealz-Mutter Atolls. „Vor ein paar Jahren war die Frage: Wo bekomme ich Energie oder Technik möglichst günstig? Heute fragen sich immer mehr Verbraucher: Wie viel meiner Energieversorgung kann ich eigentlich selbst übernehmen?“
Die offiziellen Zahlen passen zu dem, was Kalcin auf seiner Plattform beobachtet. Die Bundesnetzagentur zählt inzwischen genau nach. 2022 gingen demnach 68.754 steckerfertige Solaranlagen in Betrieb. 2025 waren es 435.344, wie aus Einträgen im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur hervorgeht. Allein die 2025 installierten Balkonkraftwerke kamen auf eine Leistung von knapp 538 Megawatt. Das entspricht etwa einem Drittel der Leistung eines Atomkraftwerks, wobei das allerdings in der Lage ist, stetig zu liefern. Ende des Jahres verfügte Deutschland insgesamt über 117 Gigawatt Solarleistung. 16,4 Gigawatt waren allein 2025 hinzugekommen.
Solar ist damit der wichtigste Treiber beim Ausbau der erneuerbaren Erzeugungsleistung. Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, hat den Trend schon früh beschrieben. Bereits nach dem Solarboom 2023 sagte er, die Zahlen zeigten, „dass die Energiewende in der breiten Bevölkerung angekommen ist“.
Doch inzwischen verschiebt sich das Interesse. Der eigentliche Boom spielt sich beim Speicher ab. 2023 tauchte das Wort „Speicher“ nur in 4,2 Prozent der von mydealz erfassten Balkonkraftwerk-Deals auf. Ein Jahr später waren es 19,6 Prozent. 2025 bereits 43,6 Prozent. Das ergibt wirtschaftlich Sinn. Ein Solarmodul produziert mittags besonders viel Strom, nur sitzen viele Menschen mittags im Büro. Waschmaschine, Herd, Fernseher und Computer laufen dagegen abends, wenn die Sonne ihre Arbeit weitgehend eingestellt hat. Der Speicher löst dieses Problem zumindest teilweise.
„Das Balkonkraftwerk war für viele der Einstieg in die eigene Energieproduktion“, sagt Kalcin. „Jetzt beginnt die nächste Phase. Die Leute wollen ihren Strom nicht mehr nur selbst erzeugen, sondern selbst entscheiden, wann sie ihn verbrauchen. Aus einem einzelnen Produkt wird Schritt für Schritt ein privates Energiesystem.“ Deshalb stehen in den Angeboten inzwischen Wörter wie „Solarbank“, „Smart Meter“, „All-in-One“, „Speicher“ oder „Notstrom“. Das Solarpanel wird zur Energiezentrale im Kleinformat.
Parallel wächst ein Markt, der mit klassischem Energiesparen zunächst wenig zu tun hat: Powerstations und Backup-Systeme.
Niemand sollte daraus schließen, dass Millionen Deutsche den großen Blackout erwarten. Eine Powerstation ist praktisch beim Camping, im Wohnmobil, im Garten oder überall dort, wo gerade keine Steckdose wartet. Aber die Kategorien wachsen zusammen: Solar erzeugt den Strom, der Speicher verschiebt ihn in den Abend, die Powerstation hält ihn mobil oder für den Notfall bereit.
„Die Deutschen bauen sich keine Bunker“, sagt Kalcin. „Aber die Krisen der vergangenen Jahre haben Energie zu etwas sehr Persönlichem gemacht. Ein Speicher oder eine Powerstation verspricht nicht nur eine niedrigere Stromrechnung. Die Geräte geben den Menschen das Gefühl, im Zweifel selbst etwas tun zu können.“
Vor fünf Jahren sah die Energiewende im Warenkorb noch anders aus. Damals war die Wallbox das große Ding. mydealz zählte 48 Angebote im Jahr 2021, 103 im Jahr darauf und 161 im Jahr 2023. Danach verlor die Entwicklung an Dynamik, während Solar und Speicher weiterzogen.
Der Grund dürfte auch im Preis liegen. Wer mit einer Wallbox etwas anfangen will, braucht normalerweise ein Elektroauto und einen geeigneten Stellplatz. Beim Balkonkraftwerk ist die Einstiegshürde erheblich niedriger. Ein paar Hundert Euro, ein geeigneter Balkon oder eine Terrasse – und schon wird aus dem Stromkunden zumindest zeitweise ein Stromproduzent.
Die grüne Wende, über die Deutschland seit Jahren diskutiert, ist damit im Baumarkt und auf Schnäppchenportalen angekommen. Die private Unabhängigkeit hat allerdings Grenzen. Darauf weist die Bundesnetzagentur hin. Sie arbeitet derzeit an einer Reform der Netzentgelte. Präsident Müller bringt das Problem auf einen einfachen Punkt: „Wer seinen Strom selbst erzeugt, trägt bisher weniger zur Finanzierung des Netzes bei.“ Aber auch der Besitzer von Solarpanel und Batterie brauche das öffentliche Netz, „wenn die Sonne nicht scheint und der Speicher leer ist“.
Deshalb diskutiert die Behörde darüber, Eigenerzeuger künftig stärker an den Netzkosten zu beteiligen. Das ist die nächste Pointe dieser Energiewende von unten: Je erfolgreicher die Menschen sich selbst versorgen, desto komplizierter wird die Frage, wer das Netz bezahlt, das sie trotzdem brauchen.
Den Boom dürfte das kaum stoppen. „Was wir bei mydealz sehen, ist eine sehr deutsche Form der Energiewende“, sagt Kalcin. „Die Leute wollen weniger Abhängigkeit, mehr Kontrolle und eine niedrigere Rechnung. Wenn grüne Technik ihnen genau das ermöglicht, muss man sie nicht lange überzeugen. Dann wird sie gekauft.“ Die Deutschen warten also nicht mehr darauf, dass jemand ihnen die Energiewende erklärt. Sie bestellen sie.
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