Deutschland hasst Euro-Bonds. Gemeinsame europäische Schulden gelten seit der Eurokrise als Einladung an andere Länder, auf deutsche Rechnung zu leben. Nun fordert IW-Chef Michael Hüther, das Tabu neu zu diskutieren.
Deutschland hasst Euro-Bonds. Gemeinsame europäische Schulden gelten seit der Eurokrise als Einladung an andere Länder, auf deutsche Rechnung zu leben. Nun fordert IW-Chef Michael Hüther, das Tabu neu zu diskutieren. Hat er womöglich Recht?
Es gibt Wörter, bei denen deutsche Finanzpolitiker zuverlässig nervös werden. Euro-Bonds gehört dazu. Man könnte auch Bankomat Europas sagen, Transferunion oder italienische Schulden mit deutscher Kreditkarte. Seit der Eurokrise reicht meist schon einer dieser Kampfbegriffe, um die Debatte zu beenden. Michael Hüther hat sie trotzdem wieder eröffnet.
Der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft fordert im „Handelsblatt“, Europa solle den Vertrauensverlust des Dollars nutzen, um den Euro zu einer echten globalen Leitwährung auszubauen. Dafür brauche es einen großen Markt gemeinsamer europäischer Anleihen. „Wir dürfen nicht die Scheuklappen aufsetzen, sobald der Begriff Euro-Bonds fällt“, sagt Hüther.
Das klingt nach einer alten Forderung, ist aber nur zur Hälfte eine. Hüther will nicht, dass Deutschland für den gesamten italienischen oder französischen Schuldenberg haftet. Er schlägt gemeinsame Anleihen für klar definierte Investitionen vor: Verteidigung, Stromnetze, Digitalisierung, grenzüberschreitende Infrastruktur.
Und er schaut auf die USA: Die Amerikaner besitzen einen gewaltigen Vorteil. Wer Milliarden sicher parken will, findet einen riesigen Markt von US-Treasuries. Die Papiere sind liquide, überall handelbar und dienen Zentralbanken, Fonds und Banken rund um den Globus als Reserve.
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Europa hat stattdessen einen Gemischtwarenladen. Deutsche Bundesanleihen, französische OATs, italienische BTPs, spanische Bonos. Alles notiert in Euro, aber mit unterschiedlichen Risiken, Zinsen und letztlich auf verschiedenen Märkten. Der Euro kommt deshalb auf rund ein Fünftel der weltweiten Währungsreserven, der Dollar auf deutlich mehr als die Hälfte. Wer Leitwährung sein will, braucht eben nicht nur eine Währung. Er braucht auch etwas, in das die Welt ihr Geld stecken kann.
EZB-Direktor Philip Lane argumentiert, ein eigenständiges Währungssystem brauche einen liquiden sicheren Referenzwert, an dem sich andere Finanzprodukte orientieren können. Und EZB-Präsidentin Christine Lagarde fordert seit längerem tiefere, stärker integrierte europäische Kapitalmärkte. Ein großer europäischer Anleihemarkt könnte genau das liefern.
Doch dann kommt Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz beruft sich gern auf Draghi, wenn es um Europas Wettbewerbsfähigkeit geht. Bei gemeinsamen Schulden bleibt Berlin auf der Bremse. Die Skepsis hat einen guten Grund. Wenn Italien für seine Schulden höhere Zinsen zahlen muss als Deutschland, sendet der Markt ein Signal: Rom sollte vorsichtiger wirtschaften. Bei gemeinsamen Euro-Bonds verschwindet dieser Druck. Ifo-Präsident Clemens Fuest warnt davor, dass steigende Staatsverschuldung nicht ernst genug genommen werde. Werden hoch verschuldete Staaten vom Druck der Kapitalmärkte abgeschirmt, sinkt auch ihr Anreiz für Reformen.
Deutschland selbst liefert dafür Anschauungsmaterial. Das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen sollte zusätzliche Investitionen ermöglichen. Das Ifo-Institut kam für 2025 allerdings zu dem Ergebnis, dass ein großer Teil der neuen Schulden nicht zu zusätzlichen Investitionen führte, sondern andere Haushaltsmittel ersetzte. Hier liegt die Schwäche von Hüthers Versprechen, Euro-Bonds nur für „klar definierte Projekte“ einzusetzen. Geld ist verschiebbar. Bezahlt Europa beispielsweise Verteidigung gemeinsam, kann ein Mitgliedstaat theoretisch eigene Verteidigungsausgaben reduzieren und das Geld anderswo verwenden. Und aus einer Ausnahme kann eine Gewohnheit werden.
Nur wird diese deutsche Debatte an einer Stelle unlogisch: Die vermeintliche rote Linie ist längst überschritten. Für den Corona-Wiederaufbaufonds nahm die EU Hunderte Milliarden Euro am Kapitalmarkt auf. 2026 will die EU-Kommission weitere rund 180 Milliarden Euro an EU-Bonds platzieren. Hinzu kommen gemeinsame Finanzierungsinstrumente für Verteidigung. Europa diskutiert also darüber, ob es Euro-Bonds geben soll, während es längst welche emittiert. Sie heißen nur EU-Bonds. Die Frage lautet, ob aus der Ausnahme ein dauerhaftes Instrument wird. Hüther will dafür einen Deal: günstigeres gemeinsames Geld gegen strengere Haushaltsregeln und Reformauflagen. Das klingt vernünftig. Es setzt allerdings voraus, dass Europa seine Regeln tatsächlich durchsetzt.
Neu an der Debatte ist der Zeitpunkt. Die Dominanz des Dollars beruhte nie allein auf der Größe Amerikas. Sie beruht auf Vertrauen in die Federal Reserve, amerikanische Institutionen und einen Kapitalmarkt, dessen Tiefe kein anderer Finanzplatz bietet. Dieses Vertrauen bekommt Risse. Die hohe US-Verschuldung, politische Konflikte um die Geldpolitik und Trumps Wirtschafts- und Handelspolitik machen internationale Anleger nervöser.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel sieht darin eine Chance für den Euro. Europa müsse seine wirtschaftliche Stärke, die Kapitalmarktintegration und das institutionelle Vertrauen nutzen, um dessen internationale Rolle auszubauen. Das hätte auch für Unternehmen einen handfesten Vorteil. Ein großer gemeinsamer Anleihemarkt könnte einen europäischen Referenzzins schaffen, Finanzierungen erleichtern und einen Teil der enormen europäischen Ersparnisse im eigenen Kapitalmarkt halten. Ein stärkerer Euro würde zudem die Abhängigkeit vom Dollar bei Handel und Finanzierung reduzieren.
Hüther hat damit einen Punkt getroffen. Deutschland muss seine alte Euro-Bond-Debatte wieder aufnehmen. Nur nicht mit der alten Frage: Zahlen wir künftig Italiens Schulden? Sondern mit einer neuen: Wie viel gemeinsame finanzielle Macht braucht Europa, wenn es unabhängiger von den USA werden will?
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