Putins Schattenflotte umgeht westliche Sanktionen. Doch Tanker einfach zu stoppen, ist rechtlich schwierig und kann sogar gefährlich werden.
Russlands Schattenflotte transportiert trotz Sanktionen Milliarden an Öl. Politiker fordern härteres Vorgehen. Doch auf hoher See setzt das Völkerrecht enge Grenzen.
Jetzt also die Schattenflotte. Nach dem mutmaßlichen russischen Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle fordert die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Siemtje Möller weitere Maßnahmen gegen jene Tanker, mit denen Russland sein Öl trotz Sanktionen in die Welt bringt. Sie spricht von einem gemeinsamen Vorgehen von EU und Nato und bringt verschärfte Umweltauflagen gegen die rostigen Riesen ins Gespräch.
Auch aus den Reihen der Grünen kommen Forderungen nach mehr Druck. Außenminister Johann Wadephul und der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp, hatten schon vorher mehr Härte verlangt. Es klingt ganz einfach: Putins Tanker stoppen, kontrollieren, festsetzen. Nur: Ganz so simpel ist es nicht.
Dabei geht es um viel. Öl bleibt eine Lebensader der russischen Kriegswirtschaft. 2025 nahm der russische Staat nach Berechnungen des finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) umgerechnet rund 90 Milliarden Euro aus Öl und Gas ein. Das entsprach rund einem Viertel der Einnahmen des russischen Haushalts. Im Juni 2026 exportierte Russland auf dem Seeweg rund sechs Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte – jeden Tag. Nach Daten des ukrainischen KSE Institute waren dafür 325 verschiedene Tanker im Einsatz, 176 davon gehörten zur sogenannten Schattenflotte. 94 Prozent dieser Schiffe waren älter als 15 Jahre.
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Bei russischem Rohöl ist die Abhängigkeit noch größer: Zwei Drittel der Mengen wurden im Juni bereits auf sanktionierten Schattentankern transportiert. Ohne diese Flotte hätte Putin ein gewaltiges Absatzproblem.
Doch was ist die Schattenflotte überhaupt? Gemeint sind häufig alte Tanker mit schwer durchschaubaren Eigentümerketten, wechselnden Flaggen, dubiosen Versicherungen und Konstruktionen, die westliche Sanktionen und den Ölpreisdeckel umgehen sollen. Manche manipulieren Positionsdaten, manche fahren unter fragwürdiger Beflaggung. Aber die Zugehörigkeit zu dieser sogenannten Schattenflotte allein schafft noch kein Recht, ein Schiff auf hoher See zu stürmen.
Das Magazin „loyal“ des deutschen Reservistenverbands weist in einer Analyse darauf hin, dass das internationale Seerecht Schiffen grundsätzlich das „Recht auf friedliche Durchfahrt“ garantiert. Frankreich und Schweden haben zwar bereits Tanker aufgebracht. Sie griffen jedoch nicht zu, weil ihnen ein Schiff politisch missfiel, sondern weil konkrete Verstöße vermutet wurden: gefälschte Papiere, manipulierte Signale oder eine Flagge, die der angebliche Flaggenstaat gar nicht vergeben hatte. Nur über diesen juristischen Hebel kann ein Schiff unter Umständen als staatenlos behandelt und kontrolliert werden.
Eine solche Kontrolle kann allerdings schnell eskalieren. Denn eine Enterung auf offener See, so warnt „loyal“, könne von Russland als „kriegerischer Akt“ gewertet werden. Auf Tankern der Schattenflotte werden inzwischen bewaffnete Sicherheitskräfte eingesetzt; teilweise begleiten russische Kriegsschiffe die Transporte.
Wenn deutsche Bundespolizisten einen Tanker betreten und dort auf Bewaffnete treffen, dürfte es nicht mehr um eine verschärfte Umweltkontrolle gehen. Dann geht es schlimmstenfalls darum, wer zuerst schießt. Wer also „härteres Vorgehen“ fordert, sollte präzise sagen, was er meint. Versicherungsnachweise verlangen? Flaggen überprüfen? Hafenzugang verweigern? Sanktionen gegen Eigentümer und Betreiber? Alles möglich. Schiffe gewaltsam aufbringen? Das ist eine völlig andere Kategorie.
Wie schnell politische Entschlossenheit im juristischen Morast endet, kann Deutschland gerade vor der eigenen Haustür besichtigen. Die „Eventin“ liegt seit Januar 2025 vor Rügen. Der 274 Meter lange Tanker war nach einem Maschinenschaden manövrierunfähig in der Ostsee getrieben. An Bord: knapp 100.000 Tonnen russisches Öl. Deutschland setzte Schiff und Ladung fest und wollte beides einziehen. Es sollte der demonstrative Zugriff auf Putins Schattenflotte werden.
Dann kamen die Gerichte. Sowohl Finanzgericht als auch Bundesfinanzhof äußerten erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit. Die „Eventin“ sei nicht freiwillig in deutsche Gewässer gefahren, sondern wegen ihrer Havarie. Das Nothafenrecht könne deshalb greifen. Bis heute ist die Hauptsache nicht entschieden. Im August 2026 liegt der Tanker noch immer vor Rügen, bewacht und mit fast 100.000 Tonnen Öl an Bord. Deutschland besitzt damit bereits ein ziemlich großes Anschauungsobjekt dafür, was passiert, wenn auf den rustikalen Zugriff die juristische Wirklichkeit folgt.
Das bedeutet nicht, dass Europa die Schattenflotte gewähren lassen sollte. Im Gegenteil. Falsche Flaggen, mangelhafte Versicherungen, Sicherheitsverstöße und illegale Praktiken bieten Ansatzpunkte. Laut Recherchen von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ könnte etwa jedes dritte untersuchte Schiff wegen Problemen mit seiner Beflaggung gestoppt werden.
Putins Ölhandel ist allerdings auch damit kein endgültiger Riegel vorgeschoben: Indien kaufte allein im Juli 2026 russisches Rohöl für 5,5 Milliarden Euro – so viel wie noch nie. Rund 2,8 Millionen Barrel täglich kamen aus Russland, mehr als die Hälfte aller indischen Rohölimporte. Indien ist damit nicht nur Käufer, sondern auch Raffineriestandort und Drehscheibe. Aus russischem Rohöl werden dort Diesel, Kerosin und andere Mineralölprodukte. Danach steht auf der Rechnung nicht mehr Russland, sondern beispielsweise Indien.
Die EU hat dieses Schlupfloch inzwischen erkannt. Seit dem 21. Januar 2026 ist auch der Import von Mineralölprodukten verboten, die in Drittstaaten aus russischem Rohöl hergestellt wurden. Auf dem Papier ist damit alles geregelt. In der Wirklichkeit beginnt jetzt erst das Problem: Bei einem Tanker voller Diesel muss nachgewiesen werden, aus welchem Rohöl das Produkt raffiniert wurde.
Wie schwierig das Verbot zu kontrollieren ist, zeigen ebenfalls Berechnungen des CREA, das internationale Energie- und Schiffsbewegungen auswertet. Danach gelangten im Juli Ölprodukte im Wert von 214 Millionen Euro aus Raffinerien in Indien, der Türkei und Georgien in die EU, die zumindest teilweise russisches Rohöl verarbeiten. Insgesamt registrierte CREA 18 solcher Lieferungen in europäische Häfen. Das heißt nicht, dass Ölprodukte im Wert von 214 Millionen Euro tatsächlich russischen Ursprungs waren. Wie viel davon russischen Ursprungs war, weiß niemand genau. Ist Rohöl erst einmal raffiniert, lässt sich dem Diesel oder Kerosin nicht ansehen, woher der Rohstoff kam. Die europäischen Behörden müssten deshalb anhand von Lieferketten und Raffineriedaten klären, ob mit einzelnen Ladungen das seit Januar geltende Importverbot für aus russischem Rohöl hergestellte Mineralölprodukte umgangen wurde, was kein einfaches Vorhaben ist.
Wer Putins Öleinnahmen wirklich treffen will, muss also verstehen, wie dieses Geschäft funktioniert. Einen rostigen Tanker auf der Ostsee zu stoppen, produziert spektakuläre Bilder. Was dann passieren soll, bleibt aber im Nebel.