853 Millionen Euro Verlustpotenzial, eingefrorene Millionen und eine Klage: Der Streit um die US-Immobilien der BVK eskaliert.
Die US-Immobiliengeschäfte der Bayerischen Versorgungskammer werden zum Desaster. Nun verklagt ihr langjähriger Partner Deutsche Finance die BVK. Er erhebt schwere Vorwürfe.
Hunderte Millionen Euro Verlust, fast 700 Millionen Dollar eingefroren, zurückgetretene Prüfer und jetzt die Klage: Der Skandal um die US-Immobiliengeschäfte der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) eskaliert. Ausgerechnet ihr langjähriger Geschäftspartner Deutsche Finance zieht gegen die Münchner Behörde vor Gericht. Der brisanteste Vorwurf: Die BVK soll ihre eigene Rolle bei den Geschäften verschleiert und dabei auch den Bayerischen Landtag und das Innenministerium falsch informiert haben. Die Versorgungskammer weist die Anschuldigungen entschieden zurück. Sie spricht von einem Ablenkungsmanöver.
Brisant ist der Fall, der inzwischen Gerichte und Landtagsabgeordnete beschäftigt, vor allem wegen der Institution, um die es geht: Die Bayerische Versorgungskammer ist Deutschlands größte öffentlich-rechtliche Versorgungsgruppe. An ihrer Spitze steht seit 2023 der Jurist Axel Uttenreuther. Bei seiner Amtseinführung trat CSU-Innenminister Joachim Herrmann auf und erklärte, bei Uttenreuther wisse er „die Versorgungskammer in besten Händen“. Die BVK führt die Geschäfte von zwölf berufsständischen und kommunalen Versorgungseinrichtungen. Rund 2,8 Millionen Menschen verlassen sich auf sie bei ihrer Altersvorsorge, mehr als 100 Milliarden Euro Kapital werden verwaltet.
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Ihre Kunden sind Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Steuerberater, Architekten, Ingenieure und Psychotherapeuten, aber auch Beschäftigte von Kommunen, Bühnen und Orchestern sowie Schornsteinfeger. Für viele Angehörige der freien Berufe ersetzt das Versorgungswerk die gesetzliche Rentenversicherung. Die BVK ist damit der Tanker unter Deutschlands Altersversorgern. Und dieser Tanker könnte mit Investitionen in vermeintliches Betongold einen Eisberg gerammt haben.
Im Zentrum stehen Immobiliengeschäfte in den USA. Rund 1,6 Milliarden Euro investierte die BVK nach eigenen Angaben in Projekte mit der Deutschen Finance und dem Immobilienentwickler Michael Shvo. Dazu gehörten Luxusobjekte in New York, Los Angeles und Miami und eines der berühmtesten Hochhäuser Amerikas: die Transamerica Pyramid in San Francisco.
Als die Partner das 260 Meter hohe Wahrzeichen 2020 für 650 Millionen Dollar kauften, war die Immobilien-Welt noch in Ordnung. Deutsche-Finance-Chef Sven Neubauer sprach damals von einem „neuen Meilenstein“ bei der Entwicklung des amerikanischen Prime-Office-Portfolios. Heute steht ausgerechnet die Transamerica Pyramid symbolisch für das Zerwürfnis der Partner.
Was hohe Renditen bringen sollte, entwickelte sich zum Desaster. Ende 2025 bezifferte die BVK das mögliche Verlustpotenzial auf 853 Millionen Euro. Rund 392 Millionen Euro waren zum Jahresende bereits in den Sand gesetzt. Weitere Verluste können folgen. Allein der Verkauf der Transamerica Pyramid im Februar 2026 wird erst in den Zahlen dieses Jahres sichtbar. Und selbst nach dem Verkauf steckt Geld fest: Nach Medienberichten sind fast 700 Millionen Dollar aus dem Geschäft in den USA eingefroren. Gleichzeitig haben Prüfer ihre Mandate niedergelegt. Die Affäre weitet sich damit Schritt für Schritt aus.
Für die Kapitalanlagen der BVK trägt im Vorstand André Heimrich die Ressortverantwortung. Er gehört dem Führungsgremium seit 2013 an. Die BVK hält fest, dass selbst das gesamte prognostizierte Verlustpotenzial nur rund 0,7 Prozent ihres Anlagevolumens ausmache. „Die Altersvorsorge bei der Bayerischen Versorgungskammer ist und bleibt sicher“, versichert die Behörde. Keinem ihrer rund 2,8 Millionen Versicherten würden deshalb Leistungen gekürzt.
Dennoch geht es inzwischen darum, wer für die sich abzeichnenden Verluste verantwortlich ist. Jahrelang war die Deutsche Finance einer der zentralen Partner der BVK bei ihren US-Immobiliengeschäften: Die Versorgungskammer stellte das Kapital bereit, die Deutsche Finance strukturierte und managte Investments. Bei Prestigeprojekten wie der Transamerica Pyramid kam Michael Shvo als operativer Immobilienpartner hinzu.
Die Deutsche Finance selbst ist eine Münchner Investmentgesellschaft, die rund zehn Milliarden Euro Vermögen verwaltet. Geführt wird sie von den beiden Vorstandsvorsitzenden Thomas Oliver Müller und Sven Neubauer. Aus der langjährigen Partnerschaft mit der BVK ist inzwischen eine gescheiterte Beziehung geworden.
Ende August reichte die Deutsche Finance vor dem Superior Court im US-Bundesstaat Delaware eine 66 Seiten starke Klage ein. Darin zeichnet sie das Bild einer Versorgungskammer, die keineswegs nur Geld gegeben und anschließend andere machen gelassen habe. Die BVK soll Immobilien ausgewählt, Investitionen genehmigt, Gebühren verhandelt und bei Finanzierung, Vermietung und Preisen mitentschieden haben.
Die Deutsche Finance behauptet zudem, notwendige Entscheidungen seien von der BVK verzögert oder nicht getroffen worden. Dadurch habe die Kammer Verluste mit verursacht und anschließend gegenüber Medien, Versicherten und Politik die Verantwortung anderen zugeschoben. Die Klägerin verlangt Schadenersatz in bislang unbezifferter Höhe und wirft der BVK unter anderem Vertragsverletzung, Verleumdung und unlautere Geschäftspraktiken vor. Die Kammer weist die Anschuldigungen zurück. Sie seien unbegründet und sollten von der Verantwortung anderer Beteiligter ablenken.
Politisch heikel ist vor allem der Vorwurf, die BVK habe das bayerische Innenministerium und den Landtag über ihre tatsächliche Rolle bei den Geschäften falsch informiert. Damit reicht die Affäre inzwischen über die Versorgungskammer hinaus. Die BVK ist eine staatliche Oberbehörde im Geschäftsbereich des bayerischen Innenministeriums.
Das Ministerium führt zudem bei den meisten von der BVK verwalteten Versorgungseinrichtungen die Rechts- und Versicherungsaufsicht. Für die Söder-Regierung stellt sich damit die klassische Frage: Was wusste das Ministerium über Risiken und Probleme, und wann wusste es davon? Sollte sich der Vorwurf erhärten, dass die eigene Behörde Ministerium oder Parlament falsch informiert hat, wäre aus dem Anlageskandal auch ein politisches Kontrollproblem geworden.
Zusätzlicher Druck kommt von den Versicherten selbst. Die Münchner Rechtsanwälte Peter Mattil und Stephan Greger haben inzwischen die „IG Versorgungswerke“ gegründet. Beide sind selbst Pflichtmitglieder der Bayerischen Rechtsanwalts- und Steuerberaterversorgung – und damit persönlich betroffen. Sie wollen die Interessen der möglicherweise Geschädigten bündelb, Auskunft über die Investments verlangen und mögliche Schadenersatzansprüche prüfen.
Mattil fordert eine unabhängige Sonderprüfung bei der BVK. „Wir werden einen Wirtschaftsprüfer aussuchen und mit der Prüfung beginnen, sobald das Verwaltungsgericht uns recht gibt“, kündigt er an. Die BVK reagiert kühl. Es sei „nicht unüblich“, dass auf Kapitalmarktrecht spezialisierte Anwälte versuchten, vermeintlich Geschädigte als zahlende Mandanten zu gewinnen. Bislang sei keinem Versicherten ein finanzieller Nachteil entstanden.
Der Fall trifft eine Branche, deren Nimbus besonderer Sicherheit bereits Risse bekommen hat. Besonders drastisch ist die Situation beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin. Riskante Beteiligungen, Start-ups, Spezialimmobilien und teilweise unbesicherte Darlehen brachten es in eine schwere finanzielle Schieflage. Zeitweise standen Verluste von rund 1,1 Milliarden Euro im Raum. Die einzelnen Fälle sind nicht gleichzusetzen. Aber sie führen zu derselben Frage: Wer kontrolliert diejenigen, die das Altersvermögen von Millionen Freiberuflern verwalten?
In der langen Niedrigzinsphase suchten die Versorgungswerke nach Anlagen, die mehr Rendite versprachen als klassische Anleihen. Immobilien, Private Equity und andere alternative Investments bekamen größeres Gewicht. Mit der Aussicht auf höhere Renditen wanderten jedoch auch neue Risiken in die Portfolios, was jetzt Deutschlands größte öffentlich-rechtliche Versorgungsgruppe drastisch zu spüren bekommt.
„Geht’s schief, tragen andere die Kosten“
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