Volvo-Chef Håkan Samuelsson hält die 35-Stunden-Woche für nicht mehr zeitgemäß. Auch Stihl fordert 40 Stunden ohne Lohnausgleich.
Nach Stihl fordert nun auch Volvo-Chef Håkan Samuelsson mehr Arbeit. Die 35-Stunden-Woche hält er angesichts der Krise in der Industrie für nicht mehr tragbar.
Die Debatte über die Arbeitszeit in Deutschland bekommt Unterstützung aus der Autoindustrie. Volvo-Chef Håkan Samuelsson hält die 35-Stunden-Woche angesichts der schwierigen Lage der europäischen Industrie für nicht mehr zeitgemäß.
„Wenn wir erfolgreicher werden wollen, müssen wir härter arbeiten“, sagte der Manager im Interview mit dem „Handelsblatt“.
Damit schlägt Samuelsson in dieselbe Kerbe wie Stihl-Chef Nikolas Stihl. Der Familienunternehmer hatte bereits eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche gefordert – und zwar ohne Lohnausgleich. Für ihn ist ein höheres Arbeitsvolumen notwendig, um die industrielle Basis Deutschlands und den Sozialstaat langfristig zu sichern.
Samuelsson findet deutliche Worte für die aktuelle Situation. Auf die Frage, ob Deutschland sich eine 35-Stunden-Woche angesichts der Lage der Industrie noch leisten könne, antwortet er schlicht: „Nein.“
„Europa muss sich zusammenreißen, Deutschland muss sich zusammenreißen.“
Wenn die Industrie wieder erfolgreicher werden solle, müsse mehr geleistet werden. Der Volvo-Chef argumentiert nicht nur mit den Arbeitszeiten. Aus seiner Sicht sind die Kosten für Energie und Arbeit in Europa ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor.
„Energie und Arbeit müssen günstiger werden. Wir müssen länger arbeiten“, sagte Samuelsson.
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Gleichzeitig müsse die Industrie selbst bei Technologie und Innovation aufholen. Sein Argument ist damit zweigeteilt: Die Unternehmen müssten ihre Kosten senken und produktiver werden – zugleich müsse auch das Arbeitsvolumen steigen.
Noch konkreter wurde Nikolas Stihl Anfang September. Der Chef des Motorsägenherstellers forderte eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – ausdrücklich ohne Lohnausgleich.
Stihl begründet seinen Vorstoß mit dem sinkenden Arbeitsvolumen in Deutschland. Durch den demografischen Wandel scheiden immer mehr Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt aus. Gleichzeitig steigen die Belastungen für den Sozialstaat. Aus Sicht des Unternehmers reicht es deshalb nicht aus, allein auf Produktivitätsgewinne durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz zu setzen.
Stihl fordert deshalb mehr Arbeitsstunden insgesamt. Neben einer längeren regulären Wochenarbeitszeit nennt er eine höhere Erwerbsbeteiligung, mehr Arbeitsstunden von Teilzeitbeschäftigten, zusätzliche Fachkräfte aus dem Ausland und eine längere Lebensarbeitszeit als mögliche Stellschrauben.
Seine Forderung nach 40 Stunden ohne Lohnausgleich ist allerdings besonders weitreichend: Wer fünf Stunden mehr pro Woche arbeitet, ohne dafür mehr Geld zu erhalten, würde rechnerisch einen niedrigeren Stundenlohn bekommen.
Gemeinsam ist beiden Managern die Diagnose: Das Arbeitsvolumen in Deutschland müsse steigen, wenn die industrielle Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben soll.
Dabei geht es nicht um den Vorwurf, deutsche Beschäftigte seien grundsätzlich zu wenig leistungsbereit. Stihl betonte ausdrücklich, dass seine Forderung nicht als Vorwurf an Arbeitnehmer verstanden werden solle. Sein Argument ist vielmehr, dass die Alterung der Bevölkerung das verfügbare Arbeitsvolumen unter Druck setzt.
Samuelsson verweist zusätzlich auf die internationale Konkurrenz. Der Volvo-Chef kennt die deutsche Industrie aus seiner Zeit beim Lastwagenhersteller MAN. Er warnt davor, dass Europa bei den Kosten gegenüber anderen Regionen weiter zurückfallen könnte.
Als Beispiel nennt er die Entwicklung der US-Autoindustrie. In Detroit seien die Hersteller zunächst wirtschaftlich erfolgreich gewesen. Später habe sich die Industrie in andere Regionen verlagert – unter anderem wegen niedrigerer Energie-, Steuer- und Abgabenlasten sowie geringerer Kosten pro Arbeitsstunde.
Samuelsson stellt allerdings auch klar, dass längere Arbeitszeiten kein alleiniger Ausweg sind. Die Industrie müsse gleichzeitig ihre Produkte verbessern und technologisch wettbewerbsfähig bleiben. „Wir dürfen uns nicht noch mal technologisch abhängen lassen“, sagt der Volvo-Chef.
Mehr Arbeitsstunden erhöhen nicht automatisch die Wettbewerbsfähigkeit eines Standorts. Entscheidend ist auch, was Unternehmen mit der zusätzlichen Arbeitszeit produzieren, wie produktiv die Beschäftigten sind und wie hoch andere Standortkosten ausfallen.
Für die deutsche Arbeitszeitdebatte bedeutet das: Die Diskussion über die 35-Stunden-Woche dürfte damit weiter an Fahrt gewinnen.