Unsichtbare Klickarbeit hält KI-Systeme am Laufen. Dahinter stehen prekäre Jobs, niedrige Löhne und ein Markt mit enormer Reichweite.
Unsichtbare Klickarbeit hält KI-Systeme am Laufen. Dahinter stehen prekäre Jobs, niedrige Löhne und ein Markt mit enormer Reichweite.
Wer ChatGPT eine Frage stellt oder durch TikTok scrollt, sieht nur das fertige Produkt: eine Software, die scheinbar von selbst funktioniert. Doch hinter den Kulissen arbeiten Millionen von Menschen, die weitgehend unsichtbar bleiben. Sie markieren Bilder, bewerten Chatbot-Antworten und löschen Gewaltvideos. Fachleute nennen sie Klickworker.
Hermann Sauer ist IT-Sicherheitsexperte engagiert sich seit über 20 Jahren für Datenschutz und Online-Anonymität. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Wie viele es sind, hat die Weltbank in der bislang größten Studie zu diesem Thema untersucht. Das Ergebnis: Weltweit verdienen zwischen 154 und 435 Millionen Menschen Geld mit solchen Online-Aufträgen, je nachdem, ob man Gelegenheitsverdiener mitzählt.
Schon die vorsichtige Untergrenze entspricht mehr als dem Dreifachen aller Erwerbstätigen in Deutschland. Die Obergrenze übertrifft die Einwohnerzahl der USA. Und der größte private Arbeitgeber der Welt, Walmart, beschäftigt gut zwei Millionen Menschen. Klickarbeit ist damit einer der größten Arbeitsmärkte der Welt, er bleibt nur weitgehend unsichtbar.
Der Grund für den hohen Bedarf ist simpel: Künstliche Intelligenz lernt nicht von selbst. Bevor ein System eine Katze erkennt, müssen Menschen ihm zigtausende Katzenbilder von Hand markieren. Zugleich wachsen die Netzwerke schneller als jeder Filter: Milliarden Nutzer laden täglich neue Inhalte hoch, und immer wenn die automatische Prüfung unsicher ist, muss ein Mensch entscheiden. Laut einer Untersuchung der New York University arbeiteten für Facebook rund 15.000 Moderatoren, TikTok gab zuletzt mehr als 40.000 Moderatoren an, und Google ließ laut Medienberichten rund 16.000 externe Prüfer Suchergebnisse bewerten.
Hinzu kommt die Sprachenvielfalt: Ob ein Kommentar auf Deutsch, Arabisch oder Tagalog gegen Regeln verstößt, kann nur beurteilen, wer Sprache und Kontext versteht. Der Dienstleister Appen etwa wirbt mit Arbeitskräften in mehr als 235 Sprachen. Und weil die Arbeit in Kleinstaufgaben zerlegt wird und die meisten nur wenige Stunden pro Woche arbeiten, braucht es für dieselbe Menge Arbeit ein Vielfaches an Köpfen.
Wie viel Geld in diesem Markt steckt, zeigt der US-Dienstleister Scale AI, der mit mehr als 240.000 registrierten Klickworkern in mehr als 90 Ländern wirbt. Das Unternehmen zählt nach eigenen Angaben unter anderem Microsoft zu seinen Kunden, Medien berichten zudem über eine Zusammenarbeit mit OpenAI.
Der Facebook-Konzern Meta zahlte 2025 laut Unternehmensangaben rund 14,3 Milliarden Dollar für knapp die Hälfte von Scale AI. Die Bezahlung vieler Klickworker bleibt dagegen nach Studien niedrig: Abgerechnet wird pro erledigter Aufgabe, meist wenige Cent bis einige Dollar, Krankenversicherung oder Kündigungsschutz gibt es in der Regel nicht. Laut Weltbank hat rund die Hälfte der befragten Klickworker keinerlei Altersvorsorge.
Laut einer Recherche des US-Magazins Time lasen knapp 200 Beschäftigte eines Dienstleisters im kenianischen Nairobi zehntausende Textausschnitte, darunter detaillierte Beschreibungen von Gewalt und Kindesmissbrauch, damit ChatGPT keine verstörenden Texte ausgibt. Der Lohn lag umgerechnet zwischen 1,32 und 2 Dollar pro Stunde, mehrere Betroffene berichteten von psychischen Folgen. Nach einer Recherche des Magazins Rest of World berichteten zahlreiche Arbeiter der Scale-AI-Tochter Remotasks, ihre Konten seien 2024 ohne Begründung gesperrt worden, teils warteten sie vergeblich auf Zahlungen.
Auch Deutschland mischt mit: Die deutsche Plattform Clickworker, eine der größten weltweit, zählte laut dem Forschungsprojekt Chancengerechte Plattformarbeit zuletzt 1,6 Millionen registrierte Nutzer, davon etwa 240.000 hierzulande. Rein rechnerisch entspräche das der Größenordnung eines Großarbeitgebers, tatsächlich ist jedoch nur ein Bruchteil aktiv.
Das belegt eine wissenschaftliche Studie über Amazons Plattform Mechanical Turk: über 100.000 Registrierte, aber nur rund 2000 gleichzeitig Aktive. Viele Plattformen weisen darauf hin, dass ihre Angebote als flexibler Nebenverdienst gedacht seien und Nutzer frei entscheiden könnten, welche Aufträge sie annehmen.
Inzwischen setzen die Konzerne verstärkt auf KI, um Klickarbeit einzusparen: TikTok und Meta bauten laut Medienberichten zuletzt tausende Moderatorenstellen ab. Doch genau das schafft neue Klickarbeit, denn auch die Ersatz-KI muss von Menschen trainiert und geprüft werden.
Immerhin reagiert die Politik: Die seit Dezember 2024 geltende EU-Richtlinie über Plattformarbeit führt unter bestimmten Voraussetzungen eine widerlegbare Vermutung eines Arbeitsverhältnisses ein, mit möglichen Ansprüchen auf Mindestlohn und Sozialversicherung. Für die Masse der Klickworker in Kenia, Indien oder Venezuela ändert das aber nichts.
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