Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt radikal – und schneller, als viele wahrhaben wollen. Unternehmer Nikolaus Förster (57) sagt klar: Wer jetzt nicht umdenkt, wird vom Markt verdrängt.
Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt radikal – und schneller, als viele wahrhaben wollen. Unternehmer Nikolaus Förster (57) sagt klar: Wer jetzt nicht umdenkt, wird vom Markt verdrängt.
MOPO: Herr Förster, Sie sind Experte für Unternehmen und selbst Unternehmer. Ganz ehrlich, wie viele Angestellte haben Sie aufgrund von KI schon entlassen?
Nikolaus Förster: Entlassen wäre das falsche Wort, aber es sind die ersten Stellen weggefallen. Bei uns ist es so: Wenn jemand kündigt oder schwanger wird, ist der erste Reflex nicht mehr die sofortige Neubesetzung. Wir prüfen zuerst, ob die Aufgaben nicht auch mit KI erledigt werden können. Anfang des Jahres haben wir die erste Stelle fast vollständig durch KI ersetzt.
MOPO: Das klingt nach einer harten Realität für Arbeitnehmer. Erleben Sie das in den Unternehmen, die Sie schulen, auch so?
Förster: Lange Zeit war der Fachkräftemangel das Hauptthema, aber jetzt kommt immer häufiger die Frage auf, ob man Dinge, die früher Menschen gemacht haben, durch KI ersetzen kann. Besonders in der Verwaltung und Administration suchen Unternehmen nach Erleichterung, um weniger abhängig von Angestellten zu sein. Doch viele Geschäftsführer sind völlig überfordert von der Fülle an neuen Tools.
MOPO: Woran scheitern die meisten Unternehmen derzeit?
Förster: Die meisten „spielen“ nur an der Oberfläche herum – sie nutzen KI für ein paar Texte, kommen aber nicht in die Tiefe. Das Problem ist: KI ist nicht nur eine bessere Software. Sie hat eine strategische Dimension und verändert das gesamte Geschäftsmodell. Viele Unternehmer trauen sich zudem nicht an die direkte Kommunikation heran. Ich empfehle immer, mit der KI zu sprechen, statt zu schreiben, weil das viel mehr Kontext liefert. Aber diese Vorstellung, mit der KI per Handy zu reden, ist für viele eine enorme Hemmschwelle.
MOPO: Welche Fähigkeiten werden für Unternehmer künftig entscheidend sein?
Förster: Wir sehen zwei Trends: „De-skilling“ und „Up-skilling“. De-skilling bedeutet, dass eigene Fähigkeiten verkümmern, weil man Wissen einfach an die KI auslagert. Up-skilling hingegen ist in Unternehmen notwendig, um einfache Arbeiten durch KI zu ersetzen und fähige Leute dazu zu bringen, diese KI zu steuern. Unternehmer müssen die KI-Kompetenz in ihren Teams erhöhen, sonst werden sie abgehängt.
Für diejenigen, die sich wirklich damit beschäftigen, ist KI keine Verdummung, sondern eine „Denkschule“. Sie zwingt uns dazu, präzise darüber nachzudenken, was wir eigentlich erreichen wollen. Nur wer in der Lage ist, beispielsweise ein Kriterium genau in Worte zu fassen, kann die Maschine auch wirklich steuern.
MOPO: Das heißt, der Mensch wird vom Ausführenden zum Kontrolleur?
Förster: Genau. Der Mensch wird zum Qualitäts-Sicherer und Vertrauensanker. Ein Anwalt schreibt den Vertrag vielleicht nicht mehr selbst, aber er bürgt mit seinem Namen dafür, dass die Klauseln stimmen. Wer bereit ist, diese KI-Kompetenz zu erwerben, hat sehr gute Chancen. Aber die Sorge um den Job ist absolut berechtigt, wenn man stehen bleibt.
MOPO: Welche Berufe stehen besonders unter Druck?
Förster: Das Handwerk ist im Vergleich zu „Kopfarbeitern“ wie Textern oder Grafikern recht sicher, da man dort noch physisch Hand anlegen muss. Aber auch im Handwerk wird die gesamte Administration und Verwaltung stark durch KI geprägt werden.
MOPO: Wenn wir auf das große Ganze schauen: Wird Deutschland im KI-Rennen von den USA und China nicht längst abgehängt?
Förster: Bei der Entwicklung der großen Sprachmodelle liegen die USA und China klar vorne. Dort fließen Hunderte Milliarden Dollar, bei uns reden wir über deutlich kleinere Beträge. In Deutschland bremst uns oft der Datenschutz aus, der zwar bürokratisch wirkt, aber auch ein sinnvoller Schutz sein kann. Das Hauptproblem ist jedoch oft der mangelnde strategische Wille. Viele Unternehmen ändern sich erst, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen.
MOPO: Was passiert, wenn wir diesen Wandel verschlafen?
Förster: Der Markt ist gnadenlos. Wer als Unternehmer nicht mitzieht, wird vom Markt verschwinden. KI muss fester Bestandteil in Schulen, Hochschulen und Ausbildungen werden. Die Politik ist hier gefordert, in KI-Kompetenz auf allen Ebenen zu investieren.
MOPO: Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Werden wir in fünf Jahren überhaupt noch arbeiten?
Förster: Wir werden arbeiten, aber anders. In Bereichen wie der Pflege oder bei emotionaler Intelligenz bleibt der Mensch unschlagbar. Arbeit ist ja auch mehr als nur Geldverdienen; sie ist sinnstiftend und strukturiert unseren Tag. Aber die Umwälzungen sind so gewaltig, dass die Anzahl der Erwerbstätigen sinken könnte. Wir werden deshalb völlig neu über Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren müssen. Die KI könnte uns von lästigen Aufgaben befreien, damit wir das machen können, worauf wir wirklich Lust haben.
MOPO: Wie hat KI Ihr eigenes Unternehmen bislang verändert?
Förster: Auf allen Ebenen. Wir haben mehrere KI-Manager eingestellt, um die interne Kompetenz zu steigern. Wir automatisieren Prozess für Prozess und nutzen KI als Teil unseres Geschäftsmodells. Für mich persönlich ist die KI ein Sparringspartner geworden; ich treffe keine unternehmerische Entscheidung mehr ohne KI-Recherche oder -Abgleich.
MOPO: Gibt es Grenzen, wo KI bei Ihnen kein Mitspracherecht hat?
Förster: Ein Mitspracherecht hat KI nie. Es gilt das Prinzip „Human in the Loop“; der Mensch trifft am Ende die Entscheidung. Klare Grenzen gibt es beim Datenschutz. In offenen Systemen wie OpenAI geben wir keine personenbezogenen Daten ein. Wir haben dafür eine eigene KI-Infrastruktur aufgebaut, um sicher mit Daten arbeiten zu können.