Viele fordern von KI, nichts zu erfinden oder zu ergänzen. Doch solche Hinweise ändern nichts – und lenken vom eigentlichen Problem der Systeme ab.
Viele fordern von KI, nichts zu erfinden oder zu ergänzen. Doch solche Hinweise ändern nichts – und lenken vom eigentlichen Problem der Systeme ab.
Wenn Sie ein Sprachmodell wie ChatGPT, Claude oder Gemini nach einer Information fragen, mag Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen sein, der Anfrage einen kleinen Sicherheitshinweis voranzustellen. "Bitte halluziniere nicht", schreiben dann viele Nutzerinnen und Nutzer in der Hoffnung, sich vor erfundenen Fakten zu schützen.
Was wie eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme klingt, hat in der Praxis allerdings kaum eine Wirkung, weil die Bitte am eigentlichen Problem vorbeigeht. Um zu verstehen, warum diese Anweisung ins Leere läuft, lohnt sich ein Blick darauf, wie ein solches Modell überhaupt arbeitet.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Anders als eine Suchmaschine schlägt ein Sprachmodell nichts in einer Datenbank nach, sondern sagt auf Grundlage gigantischer Textmengen vorher, welches Wort am wahrscheinlichsten als Nächstes folgt. Das System weiß im strengen Sinne also nicht, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern schätzt lediglich, welche Formulierung sprachlich gut zu Ihrer Frage passt.
Eine erfundene Buchquelle und eine echte Quelle sehen für das Modell zunächst gleich plausibel aus, solange beide grammatikalisch und stilistisch stimmig wirken. Genau aus diesem Grund kann es vorkommen, dass eine Antwort souverän und überzeugend klingt, obwohl sie frei erfunden ist.
Wenn Sie das Modell nun bitten, nicht zu halluzinieren, fügen Sie der Anfrage zwar eine Anweisung hinzu, geben dem System aber keine zusätzlichen Informationen, mit denen es seine Aussage prüfen könnte. Das Modell hat keinen inneren Wahrheitsdetektor, den es auf Ihren Wunsch hin einschalten könnte, weil ihm schlicht die Fähigkeit fehlt, zwischen gut formulierten Tatsachen und gut formulierten Erfindungen zu unterscheiden.
In manchen Fällen führt die Bitte sogar dazu, dass die Antwort vorsichtiger klingt, ohne dass sich an der inhaltlichen Verlässlichkeit etwas ändert. Sie erhalten dann eine Antwort, die nach Sorgfalt aussieht, obwohl die zugrunde liegende Mechanik dieselbe geblieben ist.
Statt das Modell zur Ehrlichkeit zu ermahnen, sollten Sie ihm die Bedingungen liefern, unter denen es zuverlässiger arbeiten kann. Sehr wirkungsvoll ist es, wenn Sie der KI das Material gleich mitliefern, auf dessen Grundlage sie antworten soll, indem Sie etwa einen Text einfügen und das Modell bitten, sich ausschließlich darauf zu beziehen.
Hilfreich ist außerdem, wenn Sie ausdrücklich darum bitten, bei Unsicherheit ehrlich auf fehlendes Wissen hinzuweisen, anstatt eine möglichst flüssige Antwort zu produzieren. Auch das Aufteilen einer komplexen Frage in kleinere Schritte verbessert die Treffgenauigkeit, weil das Modell so weniger Spielraum hat, zwischendurch ins Spekulative abzugleiten.
Wirksam ist überdies, das Modell im Anschluss selbst zu fragen, ob seine Antwort wirklich belegbar ist, weil eine zweite Durchsicht häufig genau jene Stellen aufdeckt, die zwar gut klingen, aber inhaltlich auf wackeligem Fundament stehen.
So nützlich Sprachmodelle im Alltag inzwischen sind, sollten Sie sich angewöhnen, kritische Aussagen grundsätzlich gegenzuprüfen, vor allem wenn es um Zahlen, Zitate oder fachliche Details geht. Eine kurze Recherche bei einer seriösen Quelle ist häufig schneller erledigt, als man denkt, und schützt Sie vor Fehlern, die in beruflichen oder rechtlichen Zusammenhängen unangenehm werden können.
Wenn Sie das Modell zusätzlich bitten, seine Antwort mit Quellen zu untermauern, lassen sich diese im Anschluss verifizieren, wobei Sie wissen sollten, dass auch Quellenangaben gelegentlich erfunden sein können.
Letztlich geht es beim guten Umgang mit KI weniger darum, dem System mit knappen Befehlen das Halluzinieren zu verbieten, sondern darum, die eigene Erwartung an seine Funktionsweise anzupassen.
Wer versteht, dass die KI ein außerordentlich begabter Texter ohne eigenes Faktenbewusstsein ist, geht automatisch sorgfältiger mit ihren Antworten um. Sie holen aus diesen Werkzeugen am meisten heraus, wenn Sie ihnen klare Aufgaben stellen, ausreichend Kontext bereitstellen und das Ergebnis im Zweifel mit eigenem Urteil prüfen. Eine simple Bitte ersetzt all das nicht, eine kluge Frage hingegen führt Sie deutlich näher an die Antwort, die Sie tatsächlich brauchen.
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