Zwei Tage nach dem Sechsfachmord in Stade kommen immer mehr Details zur Vorgeschichte ans Licht. Der Tragödie ging offenbar eine monatelange Eskalation in mehreren Stufen voraus.
Zwei Tage nach dem Sechsfachmord in Stade kommen immer mehr Details zur Vorgeschichte ans Licht. Der Tragödie ging offenbar eine monatelange Eskalation in mehreren Stufen voraus.
Die Tat hat die gesamte Bundesrepublik erschüttert. Sechs Menschen, die einem kleinen Kind helfen wollten, sind tot: Fachkräfte einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade und Mitarbeiter des Jugendamts Hannover. Nach bisherigen Erkenntnissen soll der Vater des Babys, laut Spiegel Fatih Khan G. aus Garbsen bei Hannover, der Mörder sein. Bei einem Gespräch am Montag zur Organisation der Hilfe zog er offenbar eine Waffe und schoss um sich.
Allmählich ergibt sich ein klareres Bild von der Vorgeschichte der grausamen Tat, das den Verlauf einer Eskalation über Monate zeichnet. Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR berichten von einem einschneidenden Vorfall im Frühjahr. Der damals fünf Wochen alte Säugling war in die Notaufnahme einer Hannoveraner Klinik eingeliefert worden. Der behandelnde Arzt äußerte demnach den Verdacht, dass das Baby an den Folgen eines Schütteltraumas leide. Dabei handele es sich um eine potenziell lebensgefährliche Hirnverletzung, die durch gewaltsames Schütteln entstehen könne. Die Eltern sollen das bestritten haben.
Verschiedenen Medien liegt ein Schreiben der Patentante vor, das sie drei Tage vor der Tat verschickt hatte. Die 65-Jährige soll das Fluchtauto gefahren haben. In dem Schreiben ist von „Widersprüchen, Ungereimtheiten und unzulänglichen Dokumentationen des medizinischen Personals“ im Krankenhaus die Rede.
Auch dem Jugendamt sei die Version der Eltern nicht bekannt gewesen. Laut der Patentante habe es einen „unbeabsichtigten (...) kräftigen Zusammenstoß“ zwischen der Stirn des Vaters und dem Kopf der Tochter im Bett gegeben. Dort habe der Säugling gemeinsam mit den Eltern geschlafen. Wie die „Welt“ berichtet, soll das im Halbschlaf passiert sein.
Während der mehrwöchigen Behandlung im Krankenhaus soll es darüber hinaus zu unterschiedlichen Auffassungen zwischen Eltern und Ärzten gekommen sein.
Der Vater soll demzufolge die Polizei eingeschaltet haben, um eine Notoperation zu verhindern. Die Ärzte wiederum hätten am 22. April Anzeige gestellt, weil sie sich durch das aggressive Verhalten des 45-Jährigen bedroht gefühlt hätten. Die Staatsanwaltschaft soll laut „Welt“ das Verfahren bereits eingestellt haben, weil keine strafrechtlich relevante Bedrohung vorgelegen habe. Zudem soll es eine E-Mail vom 5. Mai geben, in der der Vater das Klinikpersonal beschimpft.
Am 18. Mai wiederum soll der Vater Anzeige gegen fünf Krankenhaus-Mitarbeiter unter anderem wegen falscher Verdächtigung gestellt, berichten NDR, WDR und Süddeutsche unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft. Weiter heißt es, dass das Jugendamt gegen den Willen der Eltern am 15. Mai eine Inobhutnahme des Kindes eingeleitet habe. Auf Anordnung des Amtsgerichts Neustadt seien Mutter und Kind dann am 26. Mai in der Mutter-Kind-Einrichtung in Stade untergebracht worden, berichtet „Bild“.
Dem Beschluss habe der Vater Medienberichten zufolge widersprochen. Die Beteiligten hätten eine Frist zur Stellungnahme beim Oberlandesgericht Celle bis zum 29. Juni gehabt. Eine Entscheidung ist demnach noch offen.
Die Patentante beschwert sich in dem Schreiben an verschiedene Medienhäuser, dass eine Jugendamts-Mitarbeiterin falsche Informationen an die Einrichtung weitergegeben habe. Der Mopo zufolge kommt sie aus Bremen und berät binationale Familien. Zudem beklagt sie, dass der Vater zu Unrecht als aggressiv und bedrohlich beschrieben worden sei. Sie spricht dagegen von einem „ruhigen, besonnenen und kooperativen Mann“.
Warum er offenbar trotzdem zum denkbar drastischsten Mittel griff, bleibt indes unklar. Laut NDR besorgte sich Fatih Khan G. die Tatwaffe eine Woche vor dem Hilfeplangespräch am Kurfürstendamm in Berlin. Dabei soll es sich um eine halbautomatische Pistole des Modells Beretta 70 handeln. Zusammen mit 21 Schuss Munition habe G. rund 4000 Euro bezahlt.
Bislang halten sich offizielle Stellen mit Informationen zurück. „Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren“, sagt Staatsanwältin Julia Pirk am Mittwoch zu FOCUS online und bittet um Verständnis, dass sie aus ermittlungstaktischen Gründen keine weiteren Angaben machen könne.
Am Dienstag hat das Amtsgericht Stade Haftbefehl wegen des Verdachts des sechsfachen Mordes gegen den Tatverdächtigen erlassen.
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