Auch fast zwei Wochen nach der Bluttat kommt Stade nicht zur Ruhe. Die MOPO rekonstruiert die tödliche Attacke von Stade: Wie ging der Täter vor? Wer sind die Opfer?
Auch fast zwei Wochen nach der Bluttat kommt Stade nicht zur Ruhe. Die MOPO rekonstruiert die tödliche Attacke von Stade: Wie ging der Täter vor? Wer sind die Opfer?
Eine Frau versucht noch, durchs Fenster zu fliehen – vergeblich. Fatih G. schießt ihr in den Rücken. Offenbar will er, dass alle sterben, von denen er glaubt, dass sie ihm sein Kind weggenommen haben: Vor dem Haus feuert er auf Michael S., den Leiter der Mutter-Kind-Einrichtung, und tötet ihn.
Auch fast zwei Wochen danach kommt Stade, die beschauliche Stadt am Rande des Alten Landes, nicht zur Ruhe. Was genau ist an diesem 29. Juni um 12.10 Uhr im Haus Dankersstraße 29 im Stadtteil Kopenkamp geschehen? Was für ein Mensch ist der Täter? Wer sind seine Opfer? Was war sein Motiv? Und welche Rolle spielt die ominöse Patentante, die obendrein Schwiegermutter eines bekannten niedersächsischen SPD-Politikers ist?
Es ist Mitte April 2026, als Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover den Verdacht äußern, dass die damals fünf Wochen alte Tochter von Fatih G. misshandelt worden ist. Sie diagnostizieren ein Schütteltrauma. Fatih G. und die Mutter des Kindes widersprechen, behaupten, es habe einen Unfall gegeben. Es wird laut. Fatih G. soll die Ärzte bedroht haben. Daraufhin wird gegen ihn Anzeige erstattet.
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Wegen des Verdachts der Kindesmisshandlung entzieht das Jugendamt den Eltern, die in Garbsen bei Hannover leben, das Sorgerecht. Später entscheidet das Amtsgericht Neustadt am Rübenberge, dass der Säugling wieder mit der Mutter zusammengeführt werden soll – allerdings in einer Spezialeinrichtung. Daraufhin werden Mutter und Kind am 26. Mai 2026 im Mutter-Kind-Haus in der Dankersstraße in Stade untergebracht.
Es ist Montag, 29. Juni: Für mittags ist ein sogenanntes Hilfeplangespräch angesetzt. Es soll um die Zukunft des Kindes und um die Bedingungen gehen, unter denen der Vater seine Tochter künftig sehen darf. Weil Fatih G. als unberechenbar gilt, finden sich gleich drei Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover im Mutter-Kind-Haus in Stade ein.
Fatih G. lässt sich von Erika Sch. (Name geändert), der 65-jährigen Patentante seines Kindes, in deren Mercedes-AMG GLE 43 Coupé zum Termin fahren. Die Gäste werden von drei Mitarbeitern des Mutter-Kind-Hauses begrüßt.
Zunächst verläuft das Gespräch, an dem zunächst auch die Mutter des Kindes teilnimmt, friedlich. Selbst als Fatih G. erfährt, dass Mutter und Kind vorerst nicht zu ihm zurückdürfen, soll alles ruhig geblieben sein. Um kurz nach 12 Uhr verlässt Fatih G. das Gebäude, geht zu dem Mercedes, der an der Straße geparkt ist. Mit einer Pistole vom Typ Beretta Modell 70, die er sich eine Woche zuvor am Ku’damm in Berlin für 4000 Euro illegal gekauft hat, kehrt er anschließend zum Haus zurück.
Als Erstes erschießt er vor dem Gebäude den Einrichtungsleiter, der sich gerade an seinem Dodge-Pick-up zu schaffen macht. Danach kehrt Fatih G. in den Besprechungsraum zurück, befiehlt seiner Partnerin, den Raum zu verlassen, und feuert anschließend auf die Gesprächsteilnehmer. Er schießt das Magazin leer, lädt mit Patronen nach, die er lose in der Tasche bei sich trägt – und feuert weiter. Weil er sämtliche Munition verbraucht, kann er seinen Plan, sich selbst das Leben zu nehmen, nicht verwirklichen.
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Sechs Menschen – vier Frauen und zwei Männer – kommen bei der Tat ums Leben. Darunter Michael Sch., der Leiter der Einrichtung. Sein Hobby waren amerikanische Autos; er selbst fuhr einen orangefarbenen Dodge-Pick-up. Michael Sch. gehörte dem Vorstand des Vereins US-Cars Stade an, dessen Mitglieder von den Ereignissen geschockt sind. Das für den 12. Juli angesetzte US-Car-Treffen „SummerTimeDrive“ wurde abgesagt.
Unter den Opfern des Blutbads von Stade befindet sich auch Ilka L., Geschäftsführerin der Stethu GmbH, der Trägergesellschaft des Mutter-Kind-Hauses. Sie hat die Einrichtung, die über einen exzellenten Ruf verfügt und jungen Müttern mit Kindern einen zeitlich begrenzten betreuten Lebensort bietet, 1999 gegründet.
Auch sie ist tot: Lena G., Mitarbeiterin des Jugendamtes der Region Hannover. Ihr Vater Matthias G. ist Stadionsprecher des Fußballclubs TuS Blau-Weiß Lohne (Landkreis Vechta). „Wir sind fassungslos und unendlich traurig“, schreibt der Verein. „Lena wurde nur 24 Jahre alt. Wir werden sie als einen unheimlich lebensfrohen Menschen in Erinnerung behalten. Sie hatte sich von ganzem Herzen auf ihre neue Aufgabe beim Jugendamt gefreut. Es zerreißt uns das Herz, dass ihr dieser Weg genommen wurde.“
Lenas Vater bedankt sich in den sozialen Medien ganz herzlich für die „vielen lieben Worte“ der Vereinskollegen: „Es fällt uns aktuell schwer, klare Gedanken zu fassen und uns bei allen zu bedanken, aber bitte glaubt uns, dass wir sehr viel Kraft daraus ziehen. Und die ist bitter nötig. Es tut so unfassbar weh …“
Für Suse T. (Name geändert), eine weitere getötete Mitarbeiterin des Jugendamtes der Region Hannover, läuft bei GoFundMe derzeit eine Spendenaktion. Bereits 30.000 Menschen beteiligten sich, mehr als 800.000 Euro sind zusammengekommen – Geld, das den Kindern der Verstorbenen zugutekommen soll. Sie sind drei und vier Jahre alt und stehen nun ganz ohne Eltern da. Denn: Nur drei Wochen vor der Mutter ist auch der Vater der Kinder gestorben.
Die Initiatoren der GoFundMe-Aktion schreiben: „Mit dieser Spendenaktion möchten wir den beiden Kindern einen möglichst sicheren Start in ihre Zukunft ermöglichen. Die Spenden sollen für ihre Versorgung, Betreuung, Bildung, mögliche therapeutische Unterstützung sowie für anfallende Kosten rund um die Beerdigung und die Folgen dieses schweren Verlustes verwendet werden.“
Zu den Opfern fünf und sechs der Tragödie von Stade ist bislang nichts bekannt – nur dass es sich bei einem der beiden um eine Frau aus Bremervörde handeln soll.
Fatih G. wurde am 4. April 1981 in Goslar geboren und hat türkische Wurzeln. Wie „Bild“ berichtet, ist er in der Türkei mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. 2007 gab es demnach in der Stadt Kahramanmaras ein Strafverfahren gegen ihn, weil er eines schweren Sexualdelikts beschuldigt wurde.
2022 wurde ihm angeblich vorgeworfen, eine Tochter aus einer früheren Beziehung sexuell missbraucht zu haben. Wegen eines weiteren Vorwurfs saß G. 2021 in Untersuchungshaft, brach laut „Bild“ aber aus dem Gefängnis aus und wird seither von den türkischen Behörden gesucht. Ob je ein Auslieferungsantrag gestellt wurde, ist unbekannt. Den deutschen Ermittlungsbehörden sind die Vorwürfe gegen G. laut Staatsanwaltschaft Stade nicht bekannt gewesen.
In Deutschland ist der 45-Jährige erstmals im Frühjahr aktenkundig geworden, als er im Zusammenhang mit dem angeblichen Schütteltrauma seines Kindes von Ärzten der Medizinischen Hochschule Hannover wegen Bedrohung angezeigt wurde.
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Sie ist das große Rätsel in dieser Geschichte: Erika Sch., 65 Jahre alt, von Beruf Beraterin beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften.
Die 1961 geborene Frau wohnt im Bremer Stadtteil Woltmershausen und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Ihr Schwiegersohn ist der 43-jährige Delmenhorster SPD-Landtagsabgeordnete Deniz Kurku, der gleichzeitig niedersächsischer Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe ist.
Wie und wann Sch. die Bekanntschaft von Fatih G. und dessen Frau machte, ist unbekannt. Sicher aber ist, dass sie sich seit Längerem um das Paar gekümmert hat und es etwa bei Behördengängen begleitete. Sie selbst bezeichnet sich als Patentante der inzwischen drei Monate alten Tochter.
Drei Tage vor dem Blutbad von Stade schickte Erika Sch. eine 20-seitige Dokumentation an etliche Medienhäuser. Titel: „Chronologie eines Albtraums“. Sie liegt der MOPO vor. Darin ergreift sie Partei für Fatih G. Sie will öffentlich machen, was Ärzte, Jugendämter und Justiz ihm und seiner Familie angeblich antun.
Erika Sch. ist überzeugt: Fatih G. hat sein Kind nicht misshandelt. Aus einem Unfall, so die zentrale Botschaft, hätten Ärzte, Jugendämter und Justiz einen Misshandlungsfall konstruiert. Sie beschreibt Fatih G. darin als „ruhigen, besonnenen und kooperativen Mann“.
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Am 29. Juni, dem Tattag, fährt Erika Sch. ihren Schützling mit ihrem 390 PS starken Mercedes nach Stade. Angeblich wartet sie im Wagen, während Fatih G. im Mutter-Kind-Haus ein Blutbad anrichtet. Nach der Tat soll Fatih G. zu ihr ins Auto gestiegen sein und sie mit der Waffe gezwungen haben, loszufahren.
Ob das stimmt, werden die Ermittlungen zeigen. Erika Sch. ist auf freiem Fuß, da es keinen dringenden Tatverdacht gibt, allerdings laufen die Ermittlungen gegen sie weiter, wie die Staatsanwaltschaft Stade betont. Das gleiche gilt für die 34-jährige Partnerin von Fatih G. Die MOPO hat versucht, von Erika Sch. eine Stellungnahme zu ihrer Rolle in dem Drama zu bekommen. Auf Mails antwortet sie nicht. Am Arbeitsplatz und auch zu Hause ist sie nicht anzutreffen.
MOPO-Reporter begegnen einer Nachbarin: „Ich bin ganz sicher, dass Erika nichts Böses gemacht hat. Sie hat sicher nur helfen wollen und garantiert nichts von den mörderischen Plänen gewusst. Sie ist so eine herzensgute, hilfsbereite Frau!“
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