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WM-Kolumne: Der Erfolg der Deutschen bei der WM ist mir egal

Дата публикации: 27-06-2026 09:00:56

Noch ist Deutschland nicht verloren. Trotz der Niederlage gegen Ecuador im letzten Gruppenspiel hat die Mannschaft von Julian Nagelsmann noch alle Chancen bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Eine Idee allerdings würde helfen. Auch neben dem Rasen.


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Kolumne "Make Fußball great again" Der Erfolg der Deutschen bei der WM ist mir egal

Deutsche Fans bei der Fußball-WM 2026 (imago images/Elyxandro Cegarra)
Deutsche Fans bei der Fußball-WM 2026 (imago images/Elyxandro Cegarra)

Ein mit 48 Mannschaften und 104 Spielen aufgeblähtes Turnier. Veranstaltet von einem als korrupt geltenden Weltverband und ausgerichtet unter anderem von US-Präsident Donald Trump. Über den man vieles schreiben könnte - nur wenig Gutes. Eine Weltmeisterschaft mit zu weiten Wegen und zu hohen Preisen. Politisch wie wirtschaftlich. Ob die Schönheit, die der Fußball sein kann, dagegen ankommt, beobachtet Fußball-Fanatiker Ilja Behnisch in dieser Kolumne zur FIFA Fußball-WM.

Schauen Sie besser nicht in die Kommentar-Spalte dieses Textes. Es könnte hässlich werden. Denn ich halte nicht mit der deutschen Nationalmannschaft, nur weil ich einen deutschen Pass habe. Das war mal anders. Ganz anders. 1990, meine erste, richtig bewusst erlebte Weltmeisterschaft. Im Sommer der Wiedervereinigung. Deutschland würde auf Jahre hinaus unschlagbar sein, hatte Teamchef Franz Beckenbauer nach dem Titelgewinn gesagt. Auch weil ja nun die Spieler der dann ehemaligen DDR dazu kämen. Ich glaubte ihm unbedingt. Ich war zehn, stolz und zukunftsfroh.

Die Leidenschaft verblasst

Das mit dem unschlagbar erwies sich wenig überraschend als haltlos. Mein Fußball-Patriotismus aber blieb. Zunächst. Höhepunkt das Sommermärchen 2006, WM im eigenen Land. Nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Argentinien einer dieser Momente, der sich wie eine an den Kühlschrank gepinnte Postkarte ins Gedächtnis gebrannt hat. Immer da. Kollektives Abfeiern in Multi-Kulti-Kreuzberg, auf der Schlesischen Straße, auf der nix mehr ging außer Jubel. Grenzenloser, schwarz-rot-goldener Schland-Jubel.

Auch 2014 war da noch Freude und der unbedingte Wunsch, Deutschland möge es doch schaffen, möge doch Weltmeister werden. Aber schon gedämpfter. Und dann war es weg. Keine Verbindung mehr möglich. Vielleicht lag es an Oliver Bierhoff, der die Nationalmannschaft zum fortwährenden Afterwork-Event einer Werbeagentur machte und ihr damit das Leben entzog. Vielleicht war Jogi Löw zu lange Trainer geblieben.

Muss man als Berliner Fan eines Berliner Vereins sein?

Vor allem aber frage ich mich seither: Sollte man mit der deutschen Mannschaft mitfiebern, nur weil man einen deutschen Pass hat? Müsste ich, und dafür dürfen Sie mich in den Kommentaren gern angehen, als Berliner nicht Fan eines Berliner Vereins sein, statt es mit dem besten Klub der Welt zu halten, mit Borussia Mönchengladbach?

Weltmeisterschaften, ich wiederhole mich, waren einmal Ideen-Wettbewerbe des Fußballs. Das hat sich geändert. Weil längst alle überall spielen und zumeist die gleichen Systeme. Weshalb es ihn nicht mehr gibt, den deutschen Fußball(er) schlechthin. Und vielleicht sollte man deshalb gleich ganz auf Nationalmannschaften verzichten und alle vier Jahre eine Auswahl der Bundesliga gegen eine Auswahl der Premiere League gegen eine Auswahl der spanischen, portugiesischen und französischen Liga antreten lassen. Nationale Identitäten wären so vermutlich besser abgebildet.

Mehr Möglichkeiten, sich zu verlieben

Vielleicht nehme ich die Sache viel zu ernst. Denn gleichzeitig glaube ich ja, dass die meisten Menschen gar kein wirkliches Interesse an Fußball haben. Sie haben ja auch keine Ahnung. Fragen Sie beim nächsten Deutschland-Spiel mal, ob ihnen jemand den kompletten deutschen WM-Kader benennen kann. Die meisten Menschen schauen Fußball und ganz speziell so eine Weltmeisterschaft, weil sie die Gemeinschaft suchen. Fußball ist dann wie ein Schlagerfest mit anderen Mitteln. Hauptsache, man ist schön zusammen. Und mir geht’s doch ganz genauso. Nur dass mein emotionaler Klebstoff zu anderen Menschen nicht die deutsche Nationalmannschaft ist, sondern der Fußball ganz generell. Angenehmer Nebeneffekt, wenn man nicht so festgelegt ist: Es weitet die Möglichkeiten, sich zu verlieben.

Ins Glück gerudert

Tatsächlich mag ich die Spieler der aktuellen, deutschen Mannschaft. Viele dufte, schlaue, unterhaltsame Typen. Manche können sogar richtig gut kicken. Weit vorn liegen bei mir dabei derzeit die Norweger. Was etwas heißen will, allein schon, weil ich eine Allergie gegen den Begriff "Geheimfavorit" habe, der den Norwegern so eklig anhaftet. Das Maschinelle von Sturm-Superstar Erling Braut Haaland ist auch nicht meins. Aber die Kinder! Die norwegischen Kinder! Wie sie am Tag nach den Norwegen-Spielen nun in den Schulen alle den kollektiven Ruder-Jubel machen. Hach. Oder besser: Huh! Es wird mir bald schon schwer auf die Nerven gehen, wenn die ersten Public-Viewing-Moderatoren auf einem Marktplatz in Grimma in die Nachahmung rudern. Aber für den Moment!

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Es fehlt die (deutsche) Idee

Oder die Schotten. Die, die bei Weltmeisterschaften immer schon vor ihren Postkarten wieder daheim sind. Und die es trotzdem schaffen, zwei eigentlich unvereinbare Worte-Gebilde miteinander zu vereinen: friedlich und leer saufen. So wie in Boston, wo sie tatsächlich selbst die Reserven der Kneipen austranken und trotzdem nie aggressiv wurden dabei. Oder die Japaner, die immer überall alles aufräumen hinter sich, den Müll mitnehmen, ob auf den Rängen oder in der Kabine. Oder Merlin, der Enterich im Mexiko-Trikot, der ein ganzes Gastgeberland verzaubert. Oder, oder, oder.

Was daraus spricht, ist die Freude über eine gemeinsame Haltung. Über eine gemeinsame Idee, die es auf dem Rasen nicht mehr gibt, auf den Rängen dafür umso mehr. Und vielleicht ist es vor allem das, was mir am deutschen Fußball fehlt. Etwas, das mehr ist als der antrainierte, kollektive Wunsch, zu gewinnen. Oder ein Personaldokument.

Sendung: rbb|24, 27.06.2026, 10:55 Uhr

Audio: rbb|24, 27.06.2026, Ilja Behnisch

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