Kurz vor dem Trainingsauftakt von Bundesligist Union Berlin und damit dem Debüt des neuen Trainers Mauro Lustrinelli stellt sich die Frage: Passt die Mannschaft eigentlich zum neuen Mann? Wo müsste Sport-Geschäftsführer Horst Heldt noch nachlegen?
Union Berlins Transfersommer Die Zwei von der Baustelle
Was man bei Union Berlin für einen Fußball sehen will, darüber ist man sich schon seit einiger Zeit einig. "Aktiver", soll er sein, der Spielstil der Mannschaft. Und weil das ziemlich viel zugleich bedeuten kann, präzisierte Präsident Dirk Zingler: "Wir können zum Beispiel nicht Linus auf den Platz bringen und dann den Ball über ihn rüberspielen."
Gemeint war Offensiv-Juwel Linus Güther, der im April mit 16 Jahren und drei Tagen zum zweitjüngsten Spieler der Bundesliga-Geschichte wurde und der in Zukunft mit dafür sorgen soll, dass Union im Ballbesitz nicht mehr nur nach dem Prinzip "hoch und weit bringt Sicherheit" verfährt.
Viel mehr noch Abhilfe schaffen soll dabei aber der neue Trainer Mauro Lustrinelli. Der kommt mit der Empfehlung einer Schweizer Sensationsmeisterschaft nach Berlin. Vollbracht mit dem Aufsteiger FC Thun. Mit vielen jungen Spielern und vielen Toren. Die aktive Spielweise, die Lustrinellis Mannschaft dabei auszeichnete, hatte vor allem mit hohen Ballgewinnen und direktem Spiel in die Spitze zu tun. Was die Frage aufwirft: Passt das zum derzeitigen Union-Kader? Oder was für Spieler müsste Sport-Geschäftsführer Horst Heldt noch verpflichten, damit es passt?
Für Sebastian Fiebrig vom Union-Blog und -Podcast "Textilvergehen" ist die Frage nach der aktiveren Spielweise zugleich auch die Frage: "Wie spiele ich, wenn ich quasi gegen mich selbst spiele?" Also gegen Mannschaften, die tief verteidigen und deren Fokus vor allem auf der Abwehrarbeit liegt.
Gegen solche Teams habe Union in den letzten "zwei, zweieinhalb Jahren" deshalb Probleme gehabt, weil man ohne Idee gespielt habe, "wie man gewinnen, wie man Tore schießen möchte. Man war defensiv gar nicht so sicher und nach vorn aber auch nicht gut."
Dabei, so Fiebrig, sei der Kader gar nicht schlecht, wie er manches Mal geredet wurde. Das habe man vor allem zum Ende der vorigen Saison sehen können, als Interims-Trainerin Marie-Louise Eta der Mannschaft scheinbar genau das vermitteln konnte, wonach sich alle sehnen: eine offensive Spielidee. Also alles bestens mit dem Kader?
Nun, da wäre zunächst das vermeintliche Prunkstück, die Abwehr. Durch die Abgänge der absoluten Leistungsträger Danilho Doekhi und Diogo Leite entstand Handlungsdruck, der durch die ablösefreien Neuzugänge von Zeno van den Bosch und Rückkehrer Marvin Friedrich gelöst worden sein sollte. Egal, ob der neue Trainer eine Vierer- oder Fünferkette präferiert.
Dann wäre da die Frage nach der Qualität im Sturmzentrum. Über die Sebastian Fiebrig vom "Textilvergehen" sagt: "Es gibt einen sehr guten Stürmer - Andrej Ilic."
Eine scheinbar streitbare Aussage bei gerade einmal fünf Saisontoren. Immerhin: Drei dieser Treffer erzielte der Serbe an den letzten beiden Spieltagen. Also just dann, als Union die erwünschte, aktivere Spielweise an den Tag legte. Zudem gab Ilic zehn Torvorlagen. Der 26-Jährige ist also nicht bloß als Vollstrecker zu gebrauchen.
Die Frage nach dem Backup für Ilic stellt sich trotzdem. Bei den Leih-Rückkehrern Marin Ljubicic und Chris Bedia sind Zweifel angebracht. Ebenso wie bei Oliver Burke, der aber zumindest als Tiefenläufer im Konterspiel unbestrittene Qualität besitzt. Am ehestens zuzutrauen wäre die Rolle als Ilic-Ersatz Ilyas Ansah, der in der Vorsaison stark begann - und stark nachließ. Dass der U21-Nationalspieler das grundsätzliche Potential hat, dürfte aber unbenommen sein.
Weniger eindeutig ist da schon die Frage nach der Qualität im zentralen Mittelfeld. Für Blogger Fiebrig ist dabei unumstößlich, dass Aljoscha Kemlein "mehr Platz und Verantwortung" bekommt. Das hätte sich bei einem Abgang von Dauerbrenner Rani Khedira wohl von allein ergeben. Nachdem der angedachte Transfer zu Liga-Konkurrent Borussia Mönchengladbach aber vom Tisch und ein Union-Verbleib Khediras gesichert zu sein scheint, ist der Verteilungskampf im Mittelfeld neu entbrannt.
Sollte Mauro Lustrinelli bei Union so wie zuletzt in Thun in einem klassischen 4-4-2 auflaufen lassen, ergeben sich im Mittelfeldzentrum gerade einmal zwei Planstellen. Kandidaten gäbe es dafür neben Kemlein und Khedira quantitativ zwar so einige. Ob sich darunter jedoch der nötige Verbindungsspieler befindet, der defensiv stabil agiert und offensiv aber in der Lage ist, zielstrebig Angriffe einzuleiten?
Ex-Unioner Grischa Prömel, der zur kommenden Saison beim Champions League-Teilnehmer VfB Stuttgart unterschrieben hat, wäre der "Prototyp" eines solchen Spielers, so Fiebrig. Und einer, den Union so derzeit eher nicht im Kader hat.
Sollte Mauro Lustrinelli in dieser Frage also nicht zu einer für alle überraschenden Antwort innerhalb des Kaders kommen, wäre Union wohl gut beraten, hier den Hauptfokus zu setzen. Ehe auch nachdem Schweizer wieder ein Trainer vorgestellt wird an der Alten Försterei, weil man sich dann von ihm endlich eine aktivere Spielweise erhofft.
Sendung: rbb|24, 28.06.2026, 19:25 Uhr
Audio: rbb|24, 28.06.2026, Ilja Behnisch
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