Kurze gesamtstädtische Euphorie der Demokratie: Unsere historische Kolumne erinnert in dieser Folge daran, dass 1946 auch schon wieder die für lange Zeit letzte Wahl für ganz Berlin stattfand.
Anders als bei der nächsten Gesamtberliner Wahl gab es dieses Mal sogar eine Montagausgabe. „Berlin hat entschieden“ und „Die Antwort des Volkes“, titelte der Tagesspiegel am 21. Oktober 1946.
Es war die erste demokratische Wahl in Berlin nach Krieg und Diktatur. Die SPD gewann mit 48,7 Prozent der Stimmen und weitem Abstand vor der CDU (22,2), der SED (19,8) und den Liberalen (9,3). Otto Ostrowski, oben im Bild bei der Vereidigung unter anderen mit Louise Schroeder zu sehen, wurde Oberbürgermeister.
44 Jahre später, zur ersten Berlin-Wahl nach Mauerfall und Vereinigung am 2. Dezember 1990, lautete die Schlagzeile deutlich weniger feierlich: „In Berlin zeichnet sich eine Große Koalition ab.“ Dies auch erst am Dienstag, denn montags erschien der Tagesspiegel nun einmal nicht, jahrzehntelang.
1946 war das Gepräge dann doch ein anderes, denn „das alte Leben rührt sich wieder, der alte Geist, der in Berlins stets demokratischen Stadtparlamenten herrschte“. Das schrieb unsere Zeitung in der Ausgabe, die am Morgen des Wahlsonntags erschienen war. (Wir zitieren in dieser historischen Kolumne wie immer in der damaligen Rechtschreibung.)
Die „Anklänge an verflossenen Mummenschanz“ lassen erahnen, was bald Wirklichkeit wird: Diese erste Berlin-Wahl nach dem Krieg ist auch erst mal die letzte für die Stadt als Ganzes.
Denn im sowjetischen Sektor beginnt bald die nurmehr demokratisch verbrämte Herrschaft der SED, vom Tagesspiegel übrigens zunächst „SEP“ genannt, denn unsere Zeitung sah hier eine Regionalpartei am Werk, der das „D“ nicht zustand.
Zunächst also Euphorie: Dass Berlin wählt, bedeute so viel wie, dass Deutschland wählt, schrieb der Tagesspiegel.
Edzard Reuter, der vor zwei Jahren verstorbene Sohn Ernst Reuters, formulierte es 2021 ähnlich: „Die deutsche Nachkriegsdemokratie wurde nicht in Bonn, sondern in Berlin geboren.“
Außerdem wird ohne unser Zutun die gesamte Welt in dem Berliner Wahlergebnis etwas wie ein Symbol erblicken und Perspektiven daraus ableiten, die Rückwirkungen auf die ganze Weltlage haben können.
Tagesspiegel-Gründer Erik Reger
Als wir diesen Satz zum 75. Jahrestag der Nachkriegswahl veröffentlichten, gab es Einwände. Tatsächlich war ja andernorts in Deutschland da schon gewählt worden.
Doch es müsste klar sein, was Edzard Reuter meinte, ganz im Sinne dessen, was der Tagesspiegel 1946 geschrieben hatte. Nirgendwo anders in Deutschland war eine freie Wahl ein derart wichtiges Zeichen des Neuanfangs nach einer Diktatur und des Widerstands gegen eine andere, heraufziehende.
Wichtig war dabei der vom Tagesspiegel unterstützte, zumindest im Westteil Berlins erfolgreiche Kampf der SPD gegen die Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED. Was wäre das wohl sonst für eine Wahl gewesen?
„Auch der letzte Wähler muß an die Urne“ – solche Formulierungen wirken heute befremdlich. Zumal gleichzeitig „Drill“ und „Trompeten“ als gestrig geschildert werden.
Mit eingerückten Sinnsprüchen im Blatt, manchmal sogar mehreren in einer Ausgabe, wurde zur Wahl mobilisiert. Da wurden Goethe und Schiller zitiert oder Thomas Mann, zumindest sinngemäß: „Gesinnungen leben nicht, wenn sie keine Gelegenheit haben zu kämpfen.“ Und weiter: „Berlin gibt seine Stimme den Parteien und Kandidaten, die diesem Wort am nächsten stehen.“
Oder, in unseliger Gleichsetzung von SED und NSDAP: „Genug vom Hitlerismus? Berlin wählt dementsprechend – kein Wahlberechtigter bleibt fern! Jede fehlende oder ungültige Stimme bedeutet dasselbe wie eine solche, die unmittelbar zugunsten einer neuen Diktatur abgegeben wird.“

© [M] TSP, Material: TSP-Archiv
Oder, reichlich schnarrend: „Jeder hat den Ehrgeiz, Berlin die höchste jemals in der Welt erreichte Wahlbeteiligung zu sichern!“
Das liest sich mit Unbehagen, auch ohne Vergleiche zu verflossener Propaganda zu ziehen.
In der Rubrik „Vor Jahren“, in der unsere Zeitung nach dem Krieg Propaganda aus der Nazi-Zeit dokumentierte, war Joseph Goebbels wenige Wochen zuvor noch mit diesem Aufruf von 1934 zitiert worden: „Jedermann muß es sich zur Ehre machen, mit dafür zu sorgen, daß am 19. August niemand an der Wahlurne fehlt, daß wir hier eine Demonstration unseres nationalen Lebenswillens vor der Welt vollziehen, vor der die Welt einfach in Schweigen versinken muß.“
Der Unterschied ja vor allem: Geworben wird dafür, überhaupt zu wählen, sich am demokratischen Prozess zu beteiligen, nicht einem Regime zuzustimmen. Aber der Ton, der Ton wirkt befremdlich.
Ohnehin eine Erkenntnis intensiver Archivrecherche zu jener Zeit: Hier und da taucht in der Zeitung sprachlich das auf, was eigentlich bekämpft wird: Phrasen, Propaganda-Terminologie, Begriffe aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Dies klang bereits in unserer letzten Kolumnen-Folge an, in der es um den Holocaust ging.
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