Der Wahlkampf in Berlin ist bislang an politischem Blödsinn nicht zu überbieten. Man wird von ausnahmslos allen Parteien verschaukelt. Das macht wütend – und etwas traurig.
Schwach anfangen und dann stark nachlassen? Hoffentlich kommt noch etwas Feuer in den Wahlkampf. Die Plakate, die derzeit von den Berliner Laternen lächeln, sind allerdings ein schläfriger Auftakt. Sollte nicht zu Beginn der heißen Wahlkampfphase jede Partei einen absoluten Knaller abschießen? Einen krassen Wachmacher raushauen? Zumindest etwas Provokantes zum Nachdenken, Schmunzeln oder Ärgern?
Leider ist nichts davon zu sehen. Meist sind es nur Gesichter und Namen, die bei den Betrachtern freudestrahlend um ein Kreuzchen in der Wahlkabine betteln. Aber nur nett aussehen und in die Kamera grinsen reicht bei einer Wahl nicht. Die sieben bekannteren, etwas größeren Parteien haben damit gedroht, Berlin mit einer Viertelmillion Wahlplakaten zu fluten. Bislang sind die ersten Exemplare jedoch für jeden mit einem IQ oberhalb des Ruhepulses einer Sumpfschildkröte eine echte Beleidigung. Doch ab und an versteckt sich in der öden Wüste der politischen Langeweile auch ein zartes Blümchen der Hoffnung.
Die Linke will alles gratis und das Müllchaos beendenElif Eralp – die linke Spitzenkandidatin – will „jeden verdammten Hebel umlegen“, um Berlin wieder bezahlbar zu machen. Man kann es als Morddrohung gegen diese verdammten Hebel auffassen oder als ehrlichen, offenen Aufruf, Berlin komplett in die Pleite zu stürzen. Aber immerhin: Wenigstens mal ein politisches Lebenszeichen im komatösen Wahlkampfauftakt. Die Linke überrascht zudem, weil sie scheinbar nicht nur Wohnen und Busfahren gratis anbieten will, sondern auch dem Müll den Kampf ansagt. Erstaunlich.
Liebe ist wichtig für die SPD. Die Linke will mit dem Ende des Müllchaos Berlin bezahlbar machen. Und das BSW schickt einen Dackel ins Rennen.
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Wenn man auf einem Linke-Plakat „Müllchaos beenden“ liest, vermutet man unweigerlich auch hier den engagierten Kampf von Robin Eralp-Hood gegen den bösen Kapitalismus: Lagern diese Reichen aus dem Grunewald jetzt auch schon in den Arbeiterkiezen wild ihren Müll ab?! Die Linke verbindet zudem geschickt mit dem Ende des Müllchaos ein bezahlbares Berlin. Die Logik dazwischen muss man sich allerdings selbst zurechtreimen.
Evers wirbt für Evers und Krach mit Krach für KrachBei den Noch-Koalitionären CDU und SPD sind die Plakate hingegen leider genauso erwartbar langweilig wie die letzten Jahre ihrer Regierung: ohne Aussage, Plan und Ziel. Evers wirbt für sich mit Evers, und Krach mit Krach für Krach. Was erwarten sich CDU und SPD? Dass man ihre Kandidaten wählt, nur weil sie Krach oder Evers heißen und Regierende Bürgermeister werden wollen?
Steffen Krach und Stefan Evers begnügen sich mit ihrem guten Namen – das muss reichen. Die AfD informiert das ahnungslose Berlin, dass Deutsch Pflichtfach in der Schule ist.
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Enttäuschend. Diesmal gibt es nicht einmal das übliche Bullshit-Bingo der Werbeagenturen aus den Begriffen Zukunft, Sicherheit, Arbeit und Innovation. Nichts. Nur Evers und Krach. Dabei hätte jetzt Evers die Chance gehabt, ordentlich Dampf zu machen. Nach dem CSD-Attentat hätte er dem Islamismus den gnadenlosen Kampf ansagen und das Thema innere Sicherheit ganz oben auf die Agenda setzen können. Doch der CDU-Wahlkampf mit Evers wird offensichtlich genauso flach und langweilig wie sein Gastbeitrag neulich in der Berliner Zeitung: Da predigte er eine Woche nach dem Terroranschlag „Verfassungspatriotismus“, der vor allem in Schulen gelehrt werden solle. Weichgespülter Quark, anstatt klare Kante zu zeigen und den Islam-Faschos den Kampf anzusagen. Evers’ „ganzheitliches“ Problemverständnis von Extremismus hilft niemandem – auch nicht den Berlinern bei ihrer Wahlentscheidung.
„Alles gratis für alle“ ist leider nicht das Motto der SPDAuch bei der Krach-SPD findet man noch nichts Konstruktives an den Laternen hängen. Dabei wäre das wichtig, wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen nicht einmal die werblich verfassten Wahlprogramme durchblättern, sondern bis zur Wahl lediglich auf ihr Bauchgefühl hören. Doch wer nun täglich im Auto oder auf dem Weg zum Einkaufen hohle Wahlplakate sieht, bei dem wird sich am Bauchgefühl wenig ändern. Allenfalls etwas Übelkeit könnte da zusätzlich aufkommen.
Es mangelt allseits an klaren und verständlichen Botschaften. Das zeigt sich nicht nur bei den Plakaten: Der Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh konnte selbst im Interview mit der Berliner Zeitung jüngst nicht erklären, warum die Gratis-Kita und das Gratis-Schulmittagessen sozialdemokratisch sein sollen, wo sie doch auch für Wohlhabende und Reiche gratis sind. Es sei so unbürokratischer, meinte Saleh ernsthaft. „Alles gratis für alle“ könnte also ein schönes Wahlkampfmotto auch für die SPD sein. Mit der Linken hätte man so geschätzt 95 Prozent aller Themen für Berlin gemeinsam abgedeckt. Stattdessen hat die SPD als Motto „Wieder Berlin mit Steffen Krach“. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.
Etwas grenzdebil: BSW wirbt mit DackelInteressant auch noch am Rande, dass sich AfD und FDP gemeinsam für die deutsche Sprache starkmachen. Die AfD informiert uns auf ihren Plakaten, dass in der Schule Deutsch Pflicht sei. Danke für den Hinweis, aber das wussten die meisten schon. Meistens sind übrigens auch noch Mathe und Sport Pflicht, oder Englisch und Kunst. Die FDP hingegen empfiehlt radebrechend: „Gutes Deutsch. Gute Chancen.“ Da kann man nur nicken und dankend zurückgeben: „Gute Partei. Gutes Ergebnis.“
Die Grünen machen scheinbar Werbung für Haarpflege. Die FDP will gutes Deutsch. Was will Volt?
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Auch etwas grenzdebil: Das BSW wirbt allen Ernstes mit einem Dackel, der „weniger Washington“ und dafür „mehr Deutschland“ möchte. Okay. Aber was soll das? Warum ist der Dackel nach Ansicht des BSW „gefährlich ehrlich“? Und was hat das mit Berlin zu tun? Wer im Parteivorstand hat das Plakat abgesegnet? Waren Drogen im Spiel?
Vieles in diesem Wahlkampf bleibt bislang unverständlich und ungesagt. Vielleicht ist das auch gut so. Einerseits kann man mit einem lächelnden Gesicht oder einem Dackel Planlosigkeit und intellektuelle Dürftigkeit problemlos kaschieren, damit es nicht noch peinlicher wird. Andererseits begibt man sich so unfreiwillig auf das Niveau einer Satire-Partei. Apropos: Die Partei wirbt stets mit dem Slogan „Wählt Die Partei – sie ist sehr gut!“. Mehr haben die anderen bislang auch nicht zu bieten.
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