Lidl-Mutter Schwarz investiert elf Milliarden Euro in ein KI-Rechenzentrum. Ein deutscher Tech-Gründer hält dezentrale KI für den besseren Weg.
Die Schwarz-Gruppe steckt elf Milliarden Euro in ein riesiges KI-Rechenzentrum. Doch ein deutscher Tech-Gründer hält den Milliardenbau für den falschen Weg.
Die Zukunft der künstlichen Intelligenz sieht aus wie eine riesige Fabrik. Tausende Computer stehen in langen Reihen. Kühlanlagen verhindern, dass sie heiß laufen. Neue Stromleitungen führen zu Gebäuden, die so viel Energie brauchen wie eine Stadt.
Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle wollen laut Futurum Group allein 2026 bis zu 700 Milliarden Dollar investieren. Das meiste Geld fließt in Rechenzentren, Chips und Datennetze. Auch Deutschland steigt ein. Die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland investiert über Schwarz Digits elf Milliarden Euro in ein Rechenzentrum im brandenburgischen Lübbenau. Auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände entsteht ein Komplex mit zunächst 200 Megawatt Anschlussleistung und Platz für bis zu 100.000 Grafikprozessoren: die größte Einzelinvestition der Konzerngeschichte.
Albrecht Metter hält diese Richtung für einen möglichen Holzweg. Der Gründer des Heidelberger Technologieunternehmens Ameria will Rechenleistung verteilen. Millionen Computer sollen auf Schreibtischen stehen und dort einen großen Teil der KI-Arbeit erledigen.
Metter beschreibt seine Alternative so: „Kraftwerk auf dem Tisch, Wissen auf dem Tisch – ohne Internet.“ Ohne Internet? KI läuft heute meist in einer Cloud. Eine Frage reist zu einem Rechenzentrum, wird dort bearbeitet und die Antwort kommt zurück. Metter will diesen Weg verkürzen. KI-Modelle lassen sich herunterladen und direkt auf Computern betreiben. Sie bearbeiten Texte, durchsuchen Dokumente oder arbeiten als Assistenten.
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Metter verweist auf die Geschichte des Computers. Früher waren Rechner riesige Maschinen in abgeschlossenen Räumen. Dann wanderten sie auf den Schreibtisch. Nun könnte das Gleiche mit der KI passieren: Der Computer wäre selbst ein kleines KI-Kraftwerk.
Hinzu kommt der Datenschutz. Bei Cloud-KI werden interne Dokumente oder Verträge auf fremde Rechner übertragen. „Heute gehen unsere Daten in der Regel in ein anderes Land, meistens in die USA“, sagt Metter. Er spricht von einer „Hotline zwischen Hyperscalern und Geheimdiensten“. Sein Gegenmodell: Vertrauliches bleibt auf dem eigenen Rechner.
Auf Millionen Schreibtischen stehen leistungsfähige Computer. Tagsüber arbeiten sie. Nachts tun sie nichts. Milliarden Euro an Rechenleistung schlafen. Metter will diese Rechner wecken. Wenn ein Besitzer seinen Computer nicht braucht, könnte dessen freie Kapazität verschlüsselte Aufgaben übernehmen. Sobald der Nutzer wieder arbeitet, gehört ihm die gesamte Leistung. Das ähnelt einem Balkonkraftwerk: Der Besitzer versorgt zunächst sich selbst. Was übrig bleibt, gibt er in ein Netz.
So könnte aus Millionen Geräten ein großer Rechner entstehen – verteilt über Büros und Wohnungen auf aller Welt. Die Idee ist nicht neu: Nvidia verteilt KI-Aufgaben bereits über mehrere lokale Rechner, und Netzwerke wie Akash bündeln ungenutzte Rechenleistung unterschiedlicher Anbieter zu einer dezentralen Cloud. Und die Idee spart Geld: Ein Rechenzentrum braucht Grundstücke, Kühlung, Stromleitungen, Sicherheit und Personal. Der Bürocomputer steht schon da. Unter Volllast verbraucht er laut Metter etwa ein halbes Kilowatt. Das kostet 15 bis 20 Cent pro Stunde.
Die USA verfügen nach Amerias Marktdaten über etwa dreimal so viel Rechenzentrumskapazität wie Europa. Bis 2030 könnten sie fünfmal so viel in den Ausbau investieren. Europas Weltmarktanteil würde von 13 auf zehn Prozent sinken. Metters Antwort heißt: „Überholen, ohne einzuholen.“ Viele Länder bauten nie ein flächendeckendes Festnetz, sondern wechselten direkt zum Mobilfunk. Europa könnte ähnlich vorgehen und KI-Leistung dorthin verlagern, wo sie gebraucht wird.
Ganz ohne die großen Hallen geht es allerdings nicht. Wenn ein neues KI-Modell trainiert wird, müssen Tausende Hochleistungsprozessoren gleichzeitig arbeiten und blitzschnell Daten austauschen. Das kann ein loses Netz aus Bürocomputern nicht ersetzen. Entscheidend ist der Unterschied zwischen Lernen und Benutzen. Das Training großer Modelle braucht Rechenzentren. Texte schreiben, Bilder erzeugen oder Dokumente durchsuchen können kleinere Geräte. Die Hallen trainieren, die Computer am Arbeitsplatz übernehmen den Betrieb.
Amerika entwickelt mit Maverick AI eine Alternative zum Laptop. Der Rechner besitzt einen KI-Assistenten und einen Bildschirm, der 3D-Bilder ohne Brille zeigt. Bedient wird er auch mit Gesten und Sprache – etwa bei Gebäudemodellen, medizinischen Bildern und im Onlinehandel. Metter weiß, dass niemand einen Computer kauft, um Europas digitale Souveränität zu retten. Menschen kaufen Technik, wenn sie einfach funktioniert.
Die KI müsse deshalb ab Werk einsatzbereit sein: auspacken, einschalten, arbeiten. Das dezentrale Netz wäre die Folge eines erfolgreichen Produkts, nicht sein Verkaufsargument. Auch 2007 kaufte niemand ein iPhone, um eine App-Ökonomie aufzubauen. Einen Teil der Technik vertreibt Sony seit Februar 2026: ein interaktives 3D-Display von Ameria, das ohne Brille auskommt. Für die Heidelberger mit mehr als 70 Patenten und Patentanmeldungen ist das ein wichtiger Test. Die Technik hat Sonys Prüfverfahren bestanden.
Ob daraus Millionen kleine KI-Kraftwerke werden, ist offen. Die Schwarz-Gruppe setzt elf Milliarden Euro darauf, dass die Zukunft der KI in einer großen Halle in Lübbenau liegt. Metter setzt auf eine klare Arbeitsteilung: Die Halle bleibt für das Training zuständig, den Betrieb übernehmen zunehmend die Geräte, die längst auf unseren Schreibtischen stehen und nachts nur schlafen.
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