Sollte die Technische Universität Berlin bei ihrer Neugründung nicht ein humanistisches Fundament erhalten? Dazu passt schlecht, dass die Baudenkmäler der Gleichschaltung unsichtbar geworden sind.
Wegen der zum 9. Mai 2026 verfügten Schließung des Hauptgebäudes der Technischen Universität Berlin mussten auch das Präsidium und dazugehörige Teile der Universitätsverwaltung neue Räume finden. Dies war zuletzt 1943 der Fall gewesen, als Bomben große Teile des 1884 eingeweihten Hochschulbaukomplexes in Charlottenburg zerstörten. Die Leitung der damaligen Technischen Hochschule musste an einen Ort übersiedeln, der aus dem kollektiven Gedächtnis der 1946 als Technische Universität wiedergegründeten Hochschule verschwunden ist. Das mag damit zusammenhängen, dass dieser Ort wie kein anderer für die Gleichschaltung – besser: die Selbstmobilisierung – der Technischen Hochschule im Nationalsozialismus steht.
Kein Bild der Eröffnung der TU Berlin am 9. April 1946 ist überliefert, und fragt man Universitätsangehörige heute, wo diese Eröffnung wohl stattgefunden habe, so kann kaum jemand den Ort benennen. Im Archiv der TU befindet sich eine Eintrittskarte, die in den „Großen Saal des Gebäudes Hardenbergstraße 34“ lud. Das Gebäude Hardenbergstraße 34 existiert noch und steht unter Denkmalschutz. Der Saal der Eröffnungszeremonie ist erhalten und dient heute unter dem Namen „Freiraum“ den Studierenden für Theater, Konzerte und Zeichenkurse. Der historische Name des Gebäudes prangt immer noch in Versalien an der Frontseite zur Hardenbergstraße: Studentenhaus. Das Gebäude gehört dem Studierendenwerk Berlin, dessen Vorgänger seit 1925 mehr als zehn Jahre lang Beiträge für das Ansparen der Baukosten erhoben hatte.
Poelzigs Entwurf blieb unausgeführtDas Studentenhaus sollte ein architektonisches Zeichen setzen für die soziale und wirtschaftliche Hilfe für Studierende, die diese selbst nach dem Ersten Weltkrieg organisiert hatten. Und es sollte die behelfsmäßigen Holzbaracken auf dem Mittelstreifen der Kurfürstenallee (heute Hertzallee) ersetzen, die notdürftig Unterkunft und soziale und medizinische Hilfe boten. Die Zeit und die wirtschaftliche Not arbeiteten indes gegen die Vision, für die namhafte Architekten wie Hans Poelzig um 1930 noch grandiose Entwürfe im Stil der Neuen Sachlichkeit machten, die im Architekturmuseum der TU Berlin zu besichtigen sind.
Statt eines Bauwerks, das den Geist der Weimarer Demokratie verkörpert hätte, wurde 1935/36 das Studentenhaus als Kameradschaftshaus des gleichgeschalteten Reichsstudentenwerks errichtet. Und natürlich wurde es von dem mit ganz anderen Hoffnungen angesparten Geld finanziert. Der Entwurf stammte von Baurat Hubert Lütcke. Auf dem Campus der TH wurde das Studentenhausensemble im Heimatschutzstil so zum einzigen, aber auch bestimmenden Neubau der NS-Zeit. Zu ihm gehörten neben dem Saalbau ein Wohnheim und ein Torhaus, das den Eingang vom Steinplatz schmückte und bald „kleines Brandenburger Tor“ genannt wurde. Fünf hohe und kantige Öffnungen hatte der Torbau, die Rahmungen und Innenverkleidungen bestanden aus fränkischem Muschelkalk und poliertem Kalkstein. Ein Schriftband mit dem Kriegsgedicht „Deutsche Wiedergeburt“ von Walter Flex und eine zentrale Inschrift, wonach das Tor unter dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler erbaut wurde, prangte für alle, die das Tor durchschritten, deutlich sichtbar über ihnen.
Nicht klein und hässlich, sondern groß und heroisch sollten sich die Studierenden vorkommen, die das Innere des Torhauses betraten.Bildarchiv Foto MarburgIm Eingangsbereich des Kameradschaftshauses stand in einer mit Silber ausgelegten Wandnische auf einer Marmorstele ein Hitlerkopf aus Bronze. Wer aus dem Charlottenburger Stadtgebiet kam, betrat nun eine nationalsozialistisch definierte Hochschule und passierte als Erstes die Macht- und Schulungseinrichtungen der gleichgeschalteten Studentenschaft, deren politische Elite, die Stammmannschaft, im Kameradschaftshaustrakt des Studentenhauses kaserniert war. Und zwischen Torhaus und Kameradschaftshaus lag der Saalbau, dessen größter Saal mittags als Mensa diente.
Gespenstische FensterhöhlenNach Zerstörung und Kapitulation machte Werner Hahmann, Architekturprofessor und Chronist der Neugründung, darauf aufmerksam, dass von allen Gebäuden der TH Berlin wie durch ein Wunder das ganze Ensemble von Kameradschaftshaus, Saalbau und Torhaus erhalten war. Als er durch das Torhaus hindurchging, sah er „die gespenstischen Fensterhöhlen der gigantischen, feuergeschwärzten, zersprungenen Sandsteinfassade des Hauptgebäudes“ vor sich, und vom „zertrümmerten physikalischen Institut hing eine emporgeschleuderte Eisenbetondecke wie ein Teppich herunter“. Welch eine Ironie des Bombenkriegs, dass er an der Technischen Hochschule nur den einzigen NS-Bau nicht zerstört hatte.
Die Universitätsleitung sowie das Studentenwerk mit der Mensa sollten über viele Jahre im Studentenhaus bleiben. Hier trafen sich die Professoren, die bereits 1945 versuchten, von den Militärbehörden eine Erlaubnis zur Wiedereröffnung der Hochschule zu erhalten, und bereits kommissarisch Leitungsfunktionen übernahmen. Und hier im großen Saal des Studentenhauses fand die Wiedereröffnung der Hochschule mit dem Namen Technische Universität am 9. April 1946 statt – in aller Zurückhaltung und Bescheidenheit, ohne Fotografen, ohne Musik und wohl auch ohne Beköstigung. Bei der Planung hatte der Professor für Mechanik und designierte Rektor Walther Kucharski noch an ein bescheidenes gemeinsames Mahl von Vertretern der britischen Besatzungsmacht, des Magistrats, Professoren und Studierenden gedacht: zwei Teller Erbsensuppe und zwei Kanten Brot für alle und vielleicht ein Glas Bier.
Keine drei Jahre später feierte sich die Universität dann im großen Stil mit Beköstigung und Feiern im Studentenhaus, mit einer Leonoren-Ouvertüre Ludwig van Beethovens und dazu noch mit einer Opernaufführung im Interimsquartier der Deutschen Oper im heutigen Theater des Westens. Der Gründungsrektor war abgewählt worden von denen, die in Kucharskis Urteil gegen ihn nur „Opposition“ gemacht hatten ohne eigene Vorschläge.
Die legendäre Rede des GeneralmajorsEin neuer alter Geist zog wieder ein, und mit dem Ende der Kontrolle durch die Besatzungsbehörden war die Universität auch wieder frei, mit Hermann Muckermann und Carl Ramsauer Professoren zu berufen, die wesentliche Rollen im Eugenikdiskurs der Dreißigerjahre und bei der Mobilisierung der Physik für den Krieg gespielt hatten. Offizieller Anlass der insgesamt viertägigen Feierlichkeiten war 1949 der 150. Geburtstag der Technischen Hochschule, den man errechnen konnte, indem man großzügig die Bauakademie als Vorläuferin hinzunahm.
Nach der Wiedervereinigung begann noch einmal eine Phase des Hochschulausbaus: das Studentenhaus 1991.Bildarchiv Foto MarburgAber hatte nicht der britische Stadtkommandant Generalmajor Eric Nares auf der Gründungsveranstaltung der neuen Universität ins Pflichtenheft geschrieben, einen Neuanfang zu machen und technisches Wissen nicht mehr ohne humanistische Grundlage zu vermitteln? Bis heute wird die viel zitierte Ansprache an der TU wie eine Gründungsurkunde zelebriert, so auch auf der Feierstunde zum 80. Geburtstag am 16. April 2026 im Audimax. Es wurde 1946 aber kein Vertrag geschlossen, der zu erfüllen war, sondern ein Vertrauensvorschuss gegeben, wenn nicht gar ein Blankoscheck ausgestellt, wie manche Zeitgenossen schon feststellten.
Wann und mit welchem Studienangebot die TH wieder starten konnte, handelte Kucharski nicht mit dem Berufsoffizier Eric Nares aus, sondern mit den speziell für diese Aufgabe rekrutierten University Control Officers. Das waren drei jungen Akademiker, die in Oxford oder Cambridge Germanistik studiert oder eine ähnliche Qualifikation erworben hatten. Sie bestimmten beispielsweise, dass geplante Veranstaltungen über Flugtechnik gleich wieder gestrichen werden mussten, und bestanden auf der klaren Regelung, dass eine Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen vom Studium wie von einer Anstellung ausschloss. Als letzte der zehn Universitäten und Technischen Hochschulen unter britischer Kontrolle wurde die Berliner Hochschule wiedereröffnet.
Pläne für eine Volluniversität schon 1948Viel schneller als erwartet, wurde die Universität in die Selbstverwaltung entlassen, was die Restauration begünstigte. Mit dem Beginn des Kalten Kriegs änderten sich die Maximen der Hochschulaufsicht. So wurde etwa der Architekt Hans Freese, der Zwangsarbeiterlager in Schöneweide gebaut hatte, 1948 Prorektor und 1949 Rektor der TU und verantwortete als solcher die Hundertfünfzigjahrfeier. In den Fünfzigerjahren wurden zwei Rektoren gewählt, die NSDAP-Mitglieder gewesen waren.
Waren vegetarische Optionen garantiert? Die Mensa der TH in nationalsozialistischer ZeitBildarchiv Foto MarburgUnvorhergesehen war auch die Gründung der Freien Universität. Schon 1948 waren an der TU Pläne ausgearbeitet worden, sie mit drei neuen Fakultäten zur Volluniversität auszubauen könnte, um unzufriedenen Studenten aus Ostberlin Asyl zu bieten, wo die alte Berliner Universität im Januar 1946 den Lehrbetrieb wiederaufgenommen hatte. Die britische Besatzungsmacht wollte jedoch für den Ausbau nicht zahlen. So ergriffen die Amerikaner die Initiative mit dem bekannten Ergebnis. Bis zum Mauerbau kamen auch so zwischen 30 und 50 Prozent der Studierenden der TU aus dem Ostteil der Stadt. Ihr Verlust durch den Bau der Mauer konnte aufgefangen werden, weil schon 1960 die Entscheidung zum Hochschulausbau in Westberlin gefallen war.
Soll man sagen, dass die eigentliche oder „innere“ Gründung der TU erst Anfang der Sechzigerjahre erfolgte, als endlich die Fragen nach der NS-Vergangenheit gestellt wurden und die Studierenden auch zu anderen Themen den Mund aufmachten? Damals wurde das recht verschulte und wenig beliebte humanistische Grundstudium wieder abgeschafft, stattdessen wurden echte geisteswissenschaftliche Institute gegründet. 1965 wurde das Torhaus abgerissen. Der Mensaneubau machte nun, so wie der um die gleiche Zeit errichtete Nordflügel des Hauptgebäudes das Kaiserreichantlitz der TH verbarg, die architektonische Struktur des Studentenhauses unsichtbar. Das um zwei Stockwerke aufgestockte Kameradschaftshaus wurde zum Wohnheim Hardenbergstraße, einer bis heute beliebten Unterkunft für Studierende, denen niemand die Geschichte des Gebäudes erzählt. Bildungsexpansion und geisteswissenschaftliche Institute machten die TU endlich zur echten Universität – wenn auch nur für einige Jahrzehnte.
Das Ideal der Versorgung des akademischen Nachwuchses zieht sich durch die Zeiten: die Rückseite des Speisesaalbaus.Bildarchiv Foto MarburgMan möchte dem Studierendenwerk dazu gratulieren, dass durch die neue Nutzung des Studentenhauses mit seinem „Freiraum“ für explorative, unabhängige und keiner Erziehungsdoktrin verpflichtete studentische Projekte ein Weg gefunden wurde, einen Ort der NS-Erziehung und Propaganda zu überschreiben. Doch bisher habe ich niemanden im Studierendenwerk getroffen, der das als bewusste Entscheidung gesehen hätte. Es ist wohl eher ein historischer Zufall vor dem Hintergrund historischen Desinteresses.
Universitäts- und Studentengeschichte der Berliner Technischen Universität tut not, sind doch nach der letzten substanziellen Publikation, der Festschrift zu 100 Jahren TH, fast 50 Jahre vergangen. Die Humboldt-Universität mit ihrem breit aufgestellten Institut für Geschichtswissenschaften legte 2010 eine umfangreiche Universitätsgeschichte vor und hat überdies eine Historische Kommission, die sich mit universitätsgeschichtlichen Fragen befasst. Die Freie Universität blieb zwar eine Universitätsgeschichte zum 75. Geburtstag schuldig, hat aber vor einem Jahr eine Arbeitsstelle Universitätsgeschichte eingerichtet. Die Technische Universität wirkt hingegen seit den Abgängen von mit ihrer Vergangenheit noch vertrauten Forschenden weitgehend sprachlos, unempfänglich für die Fragen der eigenen Geschichte.