Auch die Technik ächzt unter den Rekordtemperaturen dieses Sommers. Bei fast 40 Grad im Juni häuften sich Ausfälle bei S-Bahn & Co. deutlich.
Gerade volle U-Bahnen mit hohem Anteil von Außenstrecken wie die U5 werden zur Hitzefalle.
Foto: dpa/Jens Kalaene
Die Hitzewelle traf Berlin ungewöhnlich früh und mit Rekordtemperaturen von fast 40 Grad Celsius. Nach dem Auftakt am 19. Juni mit einem Spitzenwert von über 35 Grad Celsius sollte bis Monatsende nur an drei Tagen die Temperatur unter 30 Grad bleiben.
Nicht nur die Menschen litten insbesondere an den extremen Hitzetagen vom 26. bis 28. Juni; auch die Technik im Berliner Nahverkehr kam an ihre Grenzen – und darüber hinaus.
Bei der Berliner Straßenbahn musste auf der Linie M10 in der Bernauer Straße in Richtung Hauptbahnhof der Betrieb eingestellt werden – auf rund 600 Metern Länge hatte sich Fugenmasse verflüssigt und war auf die Schienen geraten. Außerdem kam es in der Köpenicker Seelenbinderstraße hitzebedingt zu einer Gleisverwerfung.
In dieser Hinsicht ist Berlin glimpflich davongekommen. In einigen Städten, unter anderem Leipzig, fuhren tagelang keine Bahnen, weil sich an vielen Stellen im Netz Bitumen verflüssigt und Schienen, Weichen und Räder verklebt hatten. Freiwillige halfen beim Freikratzen der Schienen. Woanders, beispielsweise in Nürnberg, gab es große Probleme, vor allem mit Verwerfungen von Gleisen im Schotterbett.
Trotz der ungewöhnlich hohen Temperaturen hätten sich die Fugenmassen an in der Fahrbahn verlegten Rillenschienen nicht verflüssigen dürfen – in fast allen Fällen dürften Bauunternehmen vertragswidrig minderwertige Materialien verbaut haben.
Dass es auf den im Schotter verlegten Berliner Straßenbahnstrecken keine Probleme gab, dafür kann sich die BVG laut Informationen von Betriebsangehörigen durchaus selbst auf die Schulter klopfen. Denn in den vergangenen Jahren ist stark auf den guten Zustand insbesondere von sogenannten Schwellenankern geachtet worden. Diese Klammern aus Federstahl fixieren Schwellen an kritischen Stellen noch einmal zusätzlich im Schotter.
Für die U-Bahn meldet die BVG für die Strecke der U1 und U3 zwischen Warschauer Straße und Hallesches Tor »Signalstörungen und Gleisfreimeldestörungen, deren Ursache nicht zwingend die Hitze seien muss«.
Bei der Elektrobusflotte habe es Warnmeldungen zur Batteriekühlung gegeben, weswegen einzelne Fahrten ausgefallen seien. Sofortige Fahrtabbrüche seien nicht nötig gewesen und insgesamt habe die Zuverlässigkeit trotzdem über 98 Prozent gelegen, hebt die BVG hervor.
Bei der Klimatisierung von E- und Dieselbussen habe es mehr Störungen als üblich gegeben. Die Störungen hätten jedoch laut BVG »insgesamt auf einem beherrschbaren Niveau gehalten« und die Auswirkungen auf den Linienbetrieb »begrenzt« werden können.
Bei der S-Bahn haben sich laut Deutscher Bahn die Fahrzeugstörungen im fraglichen Zeitraum verdoppelt. Durchschnittlich 40 Störungen täglich gab es Ende Juni – im Rest des Monats waren es 20. Fahrgäste beklagten den vermehrten Einsatz von Kurzzügen auf der S7 und Ausfälle auf den Nord-Süd-Linien.
Allerdings ist hervorzuheben, dass die mit 1000 Wagen größte Baureihe der S-Bahn, der Typ 481, durch das Sanierungsprogramm der letzten Jahre deutlich hitzestabiler geworden ist. Vor zehn Jahren waren die Ausfälle dieser Züge bei höheren Temperaturen noch allsommerliches Thema.
An der Infrastruktur habe es keine hitzebedingten Störungen gegeben, vermeldet die Bahn. Dafür litten die Fahrgäste unter dem üblichen Pensum. Planmäßig war wegen Bauarbeiten die Stadtbahn gesperrt. Wegen eines Gleislagefehlers fuhr zusätzlich die Ringbahn zwischen Tempelhof und Schöneberg nur alle 20 Minuten.
Die meisten dieser Angaben entstammen der Antwort der Senatsverkehrsverwaltung auf eine Schriftliche Anfrage der Grünen-Verkehrspolitikerin Antje Kapek. »Die Auswirkungen auf den öffentlichen Nahverkehr zeigen, wie unbarmherzig die Klimakrise voranschreitet und welche Gefahr schon heute von ihr ausgeht«, erklärt sie.
Für Antje Kapek ist klar: »Wenn wir jetzt nicht handeln, werden BVG, S-Bahn und Regionalverkehr in Zukunft über weite Teile des Sommers ausfallen und Berlin wird nicht mehr funktionsfähig sein.«
Die Grünen-Politikerin hat auch die Lage im Regionalverkehr abgefragt. Sowohl ODEG als auch NEB berichten von hitzebedingten Ausfällen bei der Infrastruktur auf den von ihnen betriebenen Linien. Bei DB Regio mussten Lokomotiven teilweise Kühlpausen einlegen, dazu schalteten sich manche Klimaanlagen in Waggons ab. Die ODEG meldete keine Fahrzeugstörungen, bei der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) galt dies nur für die elektrisch angetriebenen Akku- und Wasserstoffzüge.
Auf bis zu 50 Grad steigen die Temperaturen auf manchen U-Bahn-Linien.
»Die Dieselfahrzeuge sind spätestens ab 16 Uhr an allen Tagen aufgrund Überlastung der Klimaanlage ausgefallen«, meldet die NEB. Ein Busnotverkehr ist entlang der RB26 eingerichtet worden. Allerdings zeichnen sich die Dieseltriebwagen der NEB auch abseits besonderer Witterungslagen durch große Unzuverlässigkeit aus.
Für die Fahrgäste entscheidend ist neben der Zuverlässigkeit der Fahrzeuge eine funktionierende Klimatisierung. Bei der Straßenbahn soll es noch bis 2032 dauern, bis die letzten nicht klimatisierten Fahrzeuge außer Betrieb gehen. Bei der S-Bahn soll es erst 2038 so weit sein.
Gemessen werden die tatsächlichen Temperaturen in aller Regel nicht. Die S-Bahn gibt an, dass bei einer Außentemperatur von 40 Grad Celsius in klimatisierten Zügen eine Innentemperatur von 32 Grad erreicht werden soll.
Bleibt noch die U-Bahn. Hier werden gerade neue Züge ausgeliefert – ohne Klimaanlagen. Seit vielen Jahren wiederkehrende Anfragen, warum die Züge nicht klimatisiert sind, beantwortet die BVG immer gleich. Fehlender Einbauraum wegen enger Tunnel, hoher Stromverbrauch und die durch den Betrieb erfolgende Aufheizung von Tunneln und Stationen werden genannt.
Wahrscheinlich wären die technischen Probleme lösbar, auch die von der BVG bisher nicht genannte, niedrige Beschränkung der Achslast auf den sogenannten Kleinprofillinien U1 bis U4. Allerdings müssten wohl konstruktiv neue Wege bei den Fahrzeugen beschritten werden und sie wären deutlich teurer. Für beides fehlt offensichtlich die Bereitschaft.
Doch insbesondere auf U1 und U3 sowie der U5 mit ihren hohen Anteilen oberirdischer Abschnitte heizen sich die Wagen in der Sonne extrem auf. Bis auf 50 Grad Celsius können die Temperaturen steigen. Eine Abhilfe könnte es schon sein, wenn künftig Klappfenster auf beiden Fahrzeugseiten und an allen Fenstern eingebaut würden. Bisher gibt es sie nur auf einer Wagenseite, um Zugluft zu vermeiden. Das erinnert an die Denke der 1960er Jahre anstatt Klimaanpassung.
Hitzeschutz müsse »endlich oberste Priorität werden«, fordert Antje Kapek. »Wir fordern daher einen Hitzegipfel und einen verbindlichen Hitzeschutzplan.« Auf Bundesebene müssten Klimaschutz und Klimaanpassung im Grundgesetz verankert und der Ausstieg aus fossilen Energien beschleunigt werden.
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