Dürre, Hitze, niedrige Pegelstände – die Klimakatastrophe hat in Berlin und Brandenburg sichtbare Auswirkungen. Immerhin ist das Trinkwasser vorerst sicher.
An der Talsperre Spremberg am Oberlauf der Spree in der Lausitz ist das Wasser deutlich zurückgegangen.
Foto: dpa/Frank Hammerschmidt
Wer in diesen Tagen in Berlin an die Spree geht, wird nicht den Eindruck haben, dass der Fluss von einer Dürre betroffen ist. Der Hauptstadt-Fluss folgt ruhig und mit wenig Strömung seinem durch Beton gerahmten Lauf. Auf den Kanälen, die die Innenstadt durchziehen, sieht man vielleicht etwas mehr Schlauchboote, aber ansonsten ist eigentlich alles wie immer. Dieser Zustand täuscht aber darüber hinweg, dass die Flüsse in der Region Berlin-Brandenburg am Austrocknen sind.
Eindrucksvoll lässt sich das an den Kontrollpegeln des Brandenburger Landesamts für Umwelt (LfU) sehen. Mittlerweile ist an 21 von 26 Messstellen die Warnstufe erreicht, weil die Flüsse so wenig Wasser führen. An drei weiteren Stellen ist die Vorwarnstufe erreicht; für zwei Messstellen gibt es keine aktualisierten Daten. Brandenburg ist sowieso ein trockenes Gebiet, das durch den Klimawandel noch arider wird. Aber der vergangene Winter war besonders niederschlagsarm. Die aktuelle Hitzewelle tut ihr Übriges.
Besondere Sorge bereitet den Behörden der Zustand der Spree, die von der Lausitz kommend durch Berlin fließt und bei Spandau in die Havel mündet. Das LfU teilt »nd« mit, dass vor allem im Oberlauf der Spree, in der Lausitz, der Zielwasserstand nicht erreicht werden konnte. »Trotz vorausschauender und sparsamer Stützung der Spree sind die Speicherreserven deutlich gesunken«, so ein Sprecher. Die Niederschläge würden nicht ausreichen, um die Defizite, die sich bereits aus den Winter- und Frühjahrsmonaten aufgebaut hätten, auszugleichen. »Die aktuelle hydrologische Situation in der Spree ist weiterhin angespannt.« Ende Juli hat das LfU eine länderübergreifende Ad-hoc-Arbeitsgruppe der Länder Berlin, Brandenburg und Sachsen einberufen, um die Abflüsse der Spree so weit wie möglich zu stabilisieren.
Der aktuell niedrige Wasserstand hat dafür schon jetzt spürbare Folgen. Wegen der Beeinträchtigung der Binnenschifffahrt haben die Länder Berlin und Brandenburg am 12. August das Sonntagsfahrverbot für Lkw gelockert. »Auch Brandenburg ist von den Folgen des anhaltenden Niedrigwassers betroffen. Wo Güter nicht mehr zuverlässig auf dem Wasserweg transportiert werden können, müssen wir kurzfristig zusätzliche Transporte auf Straße und Schiene ermöglichen«, lässt Brandenburgs Infrastrukturminister Robert Crumbach (SPD) mitteilen.
»Eigentlich sind Spree und Havel Rinnsale«, erklärt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe, Stephan Natz, im Gespräch mit »nd«. Die Spree sei vielmehr eine aufgestaute Seenkette. »Ohne die Staustufen wäre sie nicht viel kräftiger als die Panke«, spitzt er zu. Dieser künstlich hohe Wasserstand diente in der Vergangenheit vor allem dazu, den Fluss schiffbar zu machen. Heute hat er noch andere positive Effekte.
Wegen der Dürre könnte man meinen, dass es Probleme mit der Trinkwasserversorgung in der Hauptstadt geben könnte. Stephan Natz kann aber entwarnen. »Die Trinkwasserversorgung ist nicht gefährdet.« Das Trinkwasser in Berlin werde komplett aus dem Grundwasser gezogen. Dafür betreiben die Wasserbetriebe bei ihren neun Wasserwerken zwischen 30 und 170 Meter tiefe 650 Brunnen, meist in Ufernähe von Spree und Havel. »Man muss sich das wie ein tiefes Loch vorstellen, in dem unten eine Pumpe ist«, erläutert Natz. Das abgepumpte Wasser fließe dann von oben nach.
Der Schlüssel für die sichere Trinkwasserversorgung ist die sogenannte Uferfiltration. Flusswasser versickert und wird auf dem Weg ins Grundwasser natürlich gereinigt. Im Schnitt dauere es zwölf Jahre, bis das Wasser unten ankomme, sagt Natz. 70 Prozent des Grundwassers unter Berlin bilde sich so. »Das ganze System funktioniert, solange wir eine große benetzte Fläche haben«, so der Sprecher weiter. Neben den sowieso aufgestauten Flüssen helfen die Wasserbetriebe auch durch künstliche Gewässeranreicherung nach. Im Spandauer Forst etwa gebe es parallel zur Havel verlaufende künstliche Wasserläufe, die für mehr Versickerung sorgen, sagt Natz.
Anders ist die Situation in Teilen Brandenburgs, wo wegen geografischer Gegebenheiten eine Uferfiltration nicht möglich ist. »Etwa auf der Barnimhochfläche wird das Trinkwasser aus originär gebildetem Grundwasser gebildet«, erläutert Natz. Dieses bilde sich nur im Winterhalbjahr, wenn es so viel regne, dass es versickere. »Dafür reicht im Sommer der Regen eigentlich nie.«
»Eigentlich sind Spree und Havel Rinnsale.«
Stephan Natz Berliner Wasserbetriebe
In Teilen von Brandenburg gibt es schon Nutzungseinschränkungen. In neun Landkreisen oder kreisfreien Städten haben die lokalen Verwaltungen Allgemeinverfügungen erlassen, die die Wasserentnahme aus Oberflächengewässern einschränken oder verbieten. In Brandenburg an der Havel etwa ist es seit dem 12. Juli untersagt, aus Flüssen, Seen, Gräben oder Teichen Wasser zu entnehmen. Außerdem dürfen private Grünflächen nur noch zwischen 18 und 8 Uhr mit Grundwasser bewässert werden. »Die derzeitige Witterung führt dazu, dass sich Böden, Gewässer und Grundwasser nur unzureichend regenerieren können«, schreibt die Stadt. Mit der Allgemeinverfügung verfolge man das Ziel, den Wasserhaushalt zu schützen, eine weitere Verschlechterung der Gewässersituation zu verhindern und die gesetzlichen Bewirtschaftungsziele des Wasserhaushaltsgesetzes sowie des Brandenburgischen Wassergesetzes einzuhalten.
Um der auch in Zukunft nicht kleiner werdenden Wasserkrise in der Region Herr zu werden, plant das Brandenburger Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, das Wassergesetz zu reformieren. Bis 2027 soll ein Entwurf vorliegen. Dass mehr Wasser im Land gehalten werden muss, ist weitestgehend Konsens.
Aber ein Teil der Reform sorgt schon jetzt für politischen Streit in der Mark. Denn geplant ist auch eine Erhöhung der Gebühren für die Nutzung von Grundwasser. Bislang ist etwa die Entnahme für die Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen kostenlos. Nur wenn Landwirte mehr als 3000 Kubikmeter entnehmen, fallen 10 Cent pro Kubikmeter an. Der Präsident des Landesbauernverbandes Brandenburg etwa sagte der »Märkischen Allgemeinen Zeitung«, dass man sich gegen eine moderate Anpassung nicht sperren werde. »Was jedoch absolut nicht geht, wären drastische, sprunghafte Erhöhungen um 20 oder mehr Prozent.«
Der Brandenburger Landesverband des BUND hingegen fordert insbesondere eine Erhöhung für Bereiche, die bisher besonders wenig fürs Wasser gezahlt haben, wie die Umweltorganisation in einer Pressemitteilung erklärt. Denn mit zunehmender Trockenheit würden auch die Genehmigungen für landwirtschaftliche Bewässerung steigen. »Der Anstieg bei der landwirtschaftlichen Bewässerung zeigt, dass ein Umdenken hin zu Klimaanpassung in der Landwirtschaft noch nicht überall angekommen ist und der geringe Wasserpreis für die Bewässerung keine Lenkungsfunktion hat«, wird der Ko-Landesvorsitzende Carsten Preuß zitiert. Deshalb müsse die Privilegierung für die Landwirtschaft aufgehoben werden.
Eine Gebührenerhöhung könnte zwar den Wasserverbrauch senken, die Brandenburger Flüsse wird sie aber mit Sicherheit nicht retten. Insbesondere nicht die Spree. Aktuell stammen laut einer Studie des Umweltbundesamts bis 75 Prozent des Wassers der Spree aus den Tagebauen der Lausitz. Die Gruben werden noch für den Kohleabbau leergepumpt. Wenn der Kohleausstieg vollzogen wird, wird dieses Wasser fehlen und die Spree droht tatsächlich zum Rinnsal zu werden.
Diese Aussicht sorgt für allerlei technische Lösungsvorschläge, die das Symptom beheben sollen. Darunter ist die Idee, Wasser über eine Leitung aus der Elbe in Sachsen zur Spree zu leiten. Angedacht ist, 60 bis 65 Millionen Kubikmeter Wasser jährlich zu entnehmen. Aktuell läuft eine Machbarkeitsstudie des Umweltbundesamtes. Kritik an dem Vorschlag gibt es unter anderem, weil auch die Elbe immer weniger Wasser führt. Diskutiert wird auch, an der Ostsee Wasser zu entsalzen und dann 200 bis 300 Kilometer nach Berlin zu führen.
Die Berliner Wasserbetriebe setzen hingegen auf lokale Lösungen, um mit der zunehmenden Trockenheit umzugehen. Ganz vorne sind der Ausbau der Klärwerke mit zusätzlicher Reinigungstechnik und der Umbau der Hauptstadt zur Schwammstadt. Gemeint ist damit, dass anfallendes Regenwasser von der Stadt wie ein Schwamm aufgesogen werden soll, anstatt in die Kanalisation abgeleitet zu werden. »Jeder Tropfen, der nicht in einen Kanal fließt, ist ein guter Tropfen«, sagt Stephan Natz. Und auch wenn es keine Nutzungseinschränkungen gebe, fordere man die Berliner*innen dazu auf, verantwortungsbewusst mit Wasser umzugehen.
Der Wasserverbrauch der Hauptstadt führt aber auch dazu, dass die Spree mit wesentlich mehr Wasser in die Havel hineinfließt, als sie beim Ankommen in Berlin führt. »Eine Hauptquelle der beiden Flüsse sind die Abläufe unserer Klärwerke«, sagt Natz. In die Stadt hinein würden fünf Kubikmeter pro Sekunde fließen, aus der Stadt heraus hingegen 25. »Eigentlich ist das ein sehr fragiles System.«
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