Lieferketten und Landwirtschaft leiden unter dem Niedrigwasser und der Trockenheit. Welche Folgen merken wir davon bereits im Alltag? Welche Preise steigen? Wer leidet besonders?
Wenn die Pegel am Rhein weiter sinken, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Transportwege über den Rhein bald abgeschnitten sind. Nicht alle Güter können vom Schiff auf die Straße oder Schiene verlagert werden. Das geht nur in einem geringen Umfang und zu sehr hohen Kosten. Schon jetzt fehlen aber auch Fahrzeuge und vor allem Lkw-Fahrer. Erste Unternehmen haben bereits angekündigt, ihre Produktionen zu drosseln.
Welche Folgen im Alltag zu spüren sind, haben wir hier zusammengefasst:
Es wird eine Weile dauern, bis der Verbraucher an der Supermarktkasse vom Niedrigwasser etwas mitbekommt, meint Thomas Puls, der beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) für Verkehr und Infrastruktur zuständig ist. Denn der Wirtschaftsbereich, der besonders unter dem eingeschränkten Schiffsverkehr leidet, ist erstmal fern vom Alltag der meisten Konsumenten.
Vom Niedrigwasser ist vor allem die Grundstoffindustrie betroffen. Das ist besonders die Petrochemie, die Erdölprodukte benötigt und auch allgemein die Chemiebranche. Außerdem erhalten die Stahlproduzenten keinen recycelbaren Schrott mehr. Bis die Probleme in diesen Branchen dann beim Endverbraucher landen, vergeht eine Zeit. Außerdem sei nicht klar, wie hoch der Gesamtanteil der Grundstoffe an den Endkonsumenten-Preisen ist, erklärt der Verkehrsexperte.
Tanken und BauenIch würde daher nicht damit rechnen, dass wir in Supermärkten sichtbare Preissprünge durch das Niedrigwasser erleben werden.
Verbraucher müssen sich aber bei Baustoffen und Energieprodukten auf höhere Preise einstellen. Der Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, warnt seit Wochen vor steigenden Sprit-Preisen. Denn die Binnenschifffahrt ist in die Kraftstoff-Transportketten eingebunden. Gestiegene Transportkosten erreichen deshalb sehr schnell die Autofahrer. Laut ADAC sind die teuersten Bundesländer bei Benzin aktuell Nordrhein-Westfalen und Hessen vor Bremen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.
Warenversorgung gesichert - Preise noch stabilDie Supermarktkette Rewe mit Sitz in Köln teilte dem WDR auf Anfrage mit, dass das Niedrigwasser derzeit keine Auswirkungen auf die Warenversorgung und auch auf die Preise habe. Zur Preisgestaltung in der Zukunft könne man keine Auskunft geben.
Da über den Rhein auch Massengüter transportiert werden, wie Getreide oder Raps, könnten Kosten bei handelsüblichen Produkten steigen. So wird etwa Margarine aus Raps gemacht wird. Sie könne eventuell einige Cent teurer werden, vermuten Logistiker.
Tiere früher zum SchlachthofLaut Bauernverband wird die momentane Trockenheit vor allem in Süddeutschland zum Problem: Tierfutter wie Gras und Heu wachse nicht mehr ausreichend nach. Vereinzelt würden Höfe im Süden deswegen Tiere früher als geplant schlachten, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied.
Kleinere Kartoffeln - weniger GemüseDie Ernte wird dieses Jahr schlecht ausfallen, schätzt der Bauernverband. Besonders Weizen und Raps würden die Hitze nicht vertragen. Auch für die Herbstkulturen Kartoffeln, Gemüse, Zuckerrüben, Mais und Sojabohnen sei es zu trocken. In südlichen Teilen Deutschlands könnte das sogar bis zum totalen Ertragsausfall gehen. Jetzt benötige man rasch hitzetolerantere und widerstandsfähigere Sorten beim Anbau, so Rukwied.
Fische in einem gefährlichen WassermixWährend die großen Flüsse in Rheinland-Pfalz extrem wenig Wasser führen, trocknen kleinere Bäche stellenweise vollständig aus oder zerfallen in einzelne Tümpel. Für Fische entsteht so eine lebensgefährliche Kombination aus Hitze, Sauerstoffmangel und konzentrierten Schadstoffen. Besonders angespannt ist die Lage laut Landesfischereiverband Rheinland-Pfalz in kleineren und mittleren Nebenflüssen von Rhein, Mosel, Lahn und Nahe. Dort komme es bereits zu Fischsterben. Dabei könnten ganze Jahrgänge und Bestände empfindlicher Arten verloren gehen.
Mehr Verkehr auf Autobahnen entlang des RheinsEs werden derzeit Hunderte zusätzliche Lkw auf unseren Autobahnen unterwegs sein. Eine Schätzung geht von rund 600 aus. Das Container-Unternehmen CONTARGO hat schon seit Beginn der Trockenheit eine Landbrücke mit Fahrzeugen zu den Seehäfen nach Neuss, Köln und Emmerich eingerichtet. Die Firma arbeitet dabei mit Lkw-Anbietern zusammen, die sie schon lange kennt. Der Plan B mit den Landbrücken ist nicht neu. Allerdings sind die Transport-Angebote für die Straße begrenzt.
Transparenzhinweis: In einer vorherigen Version dieses Artikels gab es an dieser Stelle eine Grafik, die aufzeigen sollte, wie viele LKW und Güterzüge man brauchen würde, um ein Binnenschiff zu ersetzen. Die Zahlen waren aber falsch. Deshalb haben wir die Grafik entfernt.
Mehr Verkehr auf der SchieneDas Niedrigwasser hat insbesondere entlang des Rheins und seiner Zuflüsse aktuell zu einer hohen Nachfrage nach Kohletransporten geführt, teilte DB Cargo dem SWR auf Anfrage mit. Gemeinsam mit weiteren Branchenunternehmen werden deshalb europaweit zusätzliche Kapazitäten organisiert. Die Bahn-Tochter hat dem neuen Bundesvekehrsminister bei einem Krisentreffen zugesagt, dass sie sofort rund 400 Güterwagen zusätzlich mobilisieren könnte. In den nächsten Monaten seien bis zu 500 weitere Güterwagen für ein Vorhaltekonzept gegen Niedrigwasser möglich.
Allerdings gibt es bei der Bahn derzeit eine Sperrung auf einem wichtigen Abschnitt: Die rechtsrheinische Strecke wird gerade saniert.
Die Stromversorgung in Deutschland ist gesichert. Es gibt keine Probleme mit der Kühlung unserer Kraftwerke. In Frankreich und Rumänien wurden Reaktoren von Atomkraftwerken stillgelegt, weil zu wenig Wasser in den Flüssen zur Kühlung war. Bei uns verfügen Kraftwerke entweder über ein Kreislaufkühlsystem - also sie benötigen gar kein Flusswasser. Oder sie schalten bei Niedrigwasser auf eine Kreislaufkühlung um. Dann bleibt das Flusswasser im Kraftwerk und wird permanent runtergekühlt. Dadurch produzieren die Kraftwerke weniger Strom. Der reicht aber, um die Netze stabil zu halten.
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