Junge Studierende berichten von belastenden Erfahrungen mit einem WG-Vermieter in der Bremer Neustadt: einschüchternde Gespräche und Gebaren. Ungewöhnlich ist auch eine weitgehende Zusatzvereinbarung.
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"Ich kann mich hier einfach nicht mehr zu Hause fühlen", bekennt Joshua Jaißle, als er sich in der Redaktion meldet. Die Nerven des 21-jährigen Studenten und seiner WG-Mitbewohner einer 170 Quadratmeter großen Wohnung im Zehnparteien-Mietshaus an der Friedrich-Ebert-Straße liegen blank.
Seit dem Heizungsausfall wenige Tage nach dem Einzug Ende September vergangenen Jahres liegen die Parteien im Dauerclinch. Nachdem sich die Mutter einer Mitbewohnerin eingeschaltet und den Vermieter kontaktiert habe, so Jaißle, habe dieser sich gedemütigt gefühlt und verlangt, dass deren Tochter ausziehen solle. Als später eine andere Mitbewohnerin ausgezogen ist, ließ er laut Jaißle einen Neueinzug nicht zu, forderte aber weiterhin den vollen Mietzins.
Daraufhin hat die WG den Bremer Mieterverein zu Rate gezogen, wo Mieter kompetente rechtliche Beratung bekommen können, und Konrad Kißling mit der Kommunikation in ihrem Namen bevollmächtigt. "Sie war sehr schwer, weil er von uns einen respektvollen Umgang gefordert hat, ihn uns aber nicht entgegengebracht hat", sagt er nach über 20 Briefwechseln mit dem Vermieter und der eskalierten Wohnungsübergabe, die fast zum Polizeieinsatz geführt hat.
Die jungen Mieter schildern "belastende Vorfälle", die eine konfrontative, teilweise übergriffige Haltung ihres Vermieters erkennen lassen. Unter anderem berichtet Joshua Jaißle von zwei aufgeschlitzten gelben Säcken, die ihr Vermieter ihnen vor die Wohnungstür gelegt habe. Und er habe morgens um sieben Uhr mehrmals geklingelt, um einen Brief abzugeben. Er gehörte zu einer ganzen Serie, an deren Ende die Kündigung ihrer Wohnung zum 30. Juni stand.
Aber da wollten wir auch raus, weil wir diesen Psychoterror einfach nicht mehr ertragen haben.
Joshua Jaißle, Student
"Aber da wollten wir auch raus, weil wir diesen Psychoterror einfach nicht mehr ertragen haben", schildert Jaißle. In diesem Entschluss fühlt er sich durch die fast bis zum Polizeieinsatz eskalierte Wohnungsübergabe und Erlebnisse anderer junger Mietparteien mit dem Vermieter bestätigt, der ihnen zufolge in der Neustadt über 30 Wohnungen vermieten soll. Daher wendet er sich an die Öffentlichkeit.
Schon bei der Unterzeichnung des Gemeinschaftsmietvertrages hätte ihr ungutes Gefühl sie warnen sollen, sagt der 21-Jährige im Rückblick. Doch drei Wochen vor Semesterbeginn gab es für die angehenden Studierenden wegen des angespannten Mietwohnungsmarktes in Bremen praktisch keine Alternative.
Diskriminierende ÄußerungenBereits bei diesen ersten Treffen habe der Vermieter mehrfach sexistische und diskriminierende Ansichten geäußert: "Frauen werden durch Östrogen so emotional und sind deswegen zickig", präzisiert der im Hauptfach Kommunikations- und Medienwissenschaften studierende junge Mann.
"Dieses Gespräch, das er Workshop nennt, ist eine Vollkatastrophe", pflichtet ihm eine ehemalige Mieterin einer anderen Wohnung dieses Vermieters bei. Sie spricht von einem "traumatischen Erlebnis". Auf sie hat der Vermieter aus Schwanewede einschüchternd gewirkt, "weil er sehr laut spricht und total viel rumschreit, wenn er über Sachen redet, die ihn aufregen."
Aus Angst, dass sie von ihrem Ex-Vermieter "irgendwie drangsaliert wird", möchte die junge Frau ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. So geht es auch anderen, die über die Online-Plattform "WG-gesucht.de" Kontakt aufgenommen und in Wohnungen dieses Besitzers eingezogen sind. Die Namen sind der Redaktion bekannt.
Sie ergänzen die Liste der befremdlich anmutenden Vorfälle zum Beispiel um Drohungen sowie verbale, persönliche Attacken im Zusammenhang mit der Kaution. Zudem heißt es, dass der Hausherr "oft gleich die ganze WG rausschmeißt, wenn zwei oder mehr WG-Mitglieder ausziehen wollen".
Ungewöhnliche ZusatzvereinbarungDer Wechsel eines Mieters muss dem Vermieter acht Wochen vorher schriftlich angezeigt werden, bedarf seiner Erlaubnis und ist an einen persönlichen Kennenlerntermin vorab gebunden. So steht es in einer Zusatzvereinbarung zum Mietvertrag, die die jungen Leute unterschrieben haben. Sie liegt dem WESER-KURIER vor. Damit haben sie außerdem der Anschaffung eines speziellen Feuchtigkeitsmessgerätes zur Schimmelpilzfrüherkennung, der Videoüberwachung der öffentlich zugänglichen Bereiche des Mietshauses – im Eingangsbereich und Treppenhaus – und der Speicherung der Aufzeichnungen zugestimmt.
Den letztgenannten Passus bezeichnet Thomas Kasiske-Borchers als "befremdlich". Der Rechtsberater des Bremer Mietervereins wundert sich über insgesamt "sehr weitgehende Forderungen" in der Zusatzvereinbarung. Unter anderem darüber, dass als Bewohnerzielgruppe explizit Studierende, Schüler und Auszubildende genannt sind, die bei Einzug 18 bis höchstens 23 Jahre alt sein dürfen.
Beim DMB Mieterverein Bremen lassen der aufs Alter bezogene Passus sowie die konkreten Anfragen von Konrad Kißling zum Schriftverkehr den Verdacht aufkommen, dass möglicherweise bewusst die Unerfahrenheit junger Menschen ausgenutzt werden soll und eine "fiese Masche" dahinterstecken könnte. Denn auch die Begründung der Kündigung seitens des Vermieters mit fehlendem Vertrauen, schlechter Kommunikation und fehlender Staatsraison laufe in einer Gesamtschau auf die Zerrüttung des Mietverhältnisses hinaus.
Vermieter schweigtIn einem Telefonat mit dem WESER-KURIER wollte sich der in Schwanewede ansässige Vermieter nicht zu diesem Fall äußern. Er sagte nur, dass er traurig und schockiert über die Kontaktaufnahme zur Zeitung sei.
Auf Nachfrage beim Bremer Ortsverein Haus & Grund zu Spannungen, die auf dem Fehlverhalten von Mietern basieren sollen, sagt Geschäftsführer Ingmar Vergau: "Das Mietverhältnis ist ein langfristiges Vertragsverhältnis, das in besonderem Maße von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Fehlt dieses Vertrauen auf einer Seite, kann dies Konflikte verstärken oder bestehende Probleme verschärfen."
Ingmar Vergau, Geschäftsführer von Haus & Grund Bremen
Foto: STUDIO EM
Die Begrifflichkeit "fehlendes Vertrauen" kann ihm zufolge unterschiedliche Ursachen haben, unter anderem auch Kommunikationsprobleme. "Allein die Formulierung erlaubt jedoch keine belastbare Bewertung der tatsächlichen Situation", so Vergau.
Der Geschäftsführer des Bremer Ortsvereins der privaten Wohnungs-, Haus- und Grundeigentümer registriert generell eine zunehmende Unsicherheit der Mitglieder: "Das betrifft insbesondere die Frage, welche Rechte und Pflichten sie haben, wie sie auf Konflikte reagieren dürfen und welche rechtlichen Konsequenzen bestimmte Maßnahmen nach sich ziehen können."
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