Mit ihren Büchern öffnet Marie Döling den Dialog über schwierige Themen: Mobbing, psychische Belastungen und sexualisierte Gewalt.
Der Beitrag Bücher als Schutzraum: Autorin Marie Döling im Interview erschien zuerst auf Thüringer Allgemeine.
Celina Thümen, funky-Jugendreporterin
(c) Marie Döling
Mit ihren Büchern öffnet Marie Döling den Dialog über Themen, die oft verschwiegen werden: Mobbing, psychische Belastungen und sexualisierte Gewalt. Die 30-jährige Autorin erreicht damit vor allem junge Leserinnen und hat sich eine große Leserschaft aufgebaut. Im Interview erzählt sie, warum ihr gerade schwierige Themen so wichtig sind, welche Rolle Bücher für Jugendliche spielen können und wie Social Media den Austausch mit Leserinnen und Lesern verändert hat.
Liebe Marie, du schreibst über Themen wie Mobbing, psychische Krisen oder Missbrauch. Warum ist es dir wichtig, diese Themen in deine Bücher aufzunehmen?
All diese Themen, gerade auch sexualisierte Gewalt, finden auf einem Spektrum statt, das man aus Angst, Scham oder Betroffenheit im realen Leben schwer überbrücken kann. Ich möchte genau die Themen behandeln, über die sonst nicht gesprochen wird. Themen, die tabuisiert werden, über die aber viel lauter gesprochen werden sollte. Am Ende ist es leider die Lebensrealität von Unzähligen – von mir in meiner Jugend, aber auch von Freundinnen und von erwachsenen Menschen, die ich kennengelernt habe. Diese Thematik beginnt im Teenageralter, aber sie hört dort leider nicht auf.
Vielleicht wusste eine Person gar nicht, dass das, was ihr passiert ist, sexualisierte Gewalt ist und kann es nun durch das Buch plötzlich benennen.
Marie Döling
Deine Bücher richten sich vor allem an jugendliche Mädchen. Warum hast du dich für diese Zielgruppe entschieden?
Ich habe mich für Jugendliche als Zielgruppe entschieden, weil ich glaube, dass das die Generation ist, bei der man noch lebensverändernd etwas bewirken kann. Wenn man irgendwo anfangen möchte, über diese schweren Themen zu sprechen, dann sollte man gerade bei den jungen Leuten ansetzen. Ältere Generationen verstehen beispielsweise sexualisierte Gewalt nicht wie die jüngeren. Sexualisierte Gewalt beginnt bei Catcalling oder anzüglichen Gesten – das haben Ältere so gar nicht gelernt. Es ist daher so wichtig, dass die Jüngeren es früh lernen, damit wir sexualisierter Gewalt in all ihren Facetten entgegenwirken können.
Gibt es ein Thema, bei dem du gemerkt hast, dass es deine jungen Leserinnen besonders stark beschäftigt?
Ich glaube, das Thema, von dem die meisten betroffen sind, ist Mobbing. Zu diesem Thema bekomme ich unzählige Rückmeldungen. Denn Mobbing funktioniert immer nur in einem System. Beispielsweise weiß die ganze Klasse über das Mobbing Bescheid, weil sie alle eine Rolle in diesem System spielen. Es gibt die Täter, aber auch die Mitlaufenden und Zuschauenden. Das ganze System toleriert die Mobbingsituation und dadurch hat jede Person Mobbing auf eine Art und Weise erlebt.
Viele junge Menschen erleben psychische Belastungen. Welche Rolle können Bücher deiner Meinung nach in solchen Situationen spielen?
Medien wie Bücher oder Filme schaffen erstmal eine Distanz. Ich kann es mir anschauen und es, wenn ich möchte, einfach nur als Kunst oder Unterhaltung wahrnehmen. Ich kann es durch diese Distanz aber auch als Schutzraum verstehen, in dem ich diese Themen nah an mich heranlasse und mit meiner eigenen Lebensrealität abgleiche. Durch diese Distanz und den Schutzraum kann man Bezeichnungen und Worte für das finden, was einem widerfährt. Vielleicht wusste eine Person gar nicht, dass das, was ihr passiert ist, sexualisierte Gewalt ist und kann es nun durch das Buch plötzlich benennen. Wenn ich es benennen kann, bin ich in einer ganz anderen Position und kann auch etwas dagegen tun.
Wir können in den sozialen Medien einen Austausch auf Augenhöhe stattfinden lassen, gerade im Hinblick auf die Themen, über die ich schreibe.
Marie Döling
Du bist auch auf TikTok und Instagram aktiv. Was bedeutet Social Media für den Austausch zwischen dir und den Lesenden?
Vor einigen Jahrzehnten hatten nur wenige Künstler oder Autorinnen eine große Bühne, das ist heutzutage anders. Einerseits wird erwartet, dass Autorinnen und Autoren eine gewisse Social-Media-Präsenz haben, andererseits bewirkt es aber auch für die Bücher viel Positives. Wir können in den sozialen Medien einen Austausch auf Augenhöhe stattfinden lassen, gerade im Hinblick auf die Themen, über die ich schreibe. Mein Posteingang ist oft der erste Ort, wo sich Jugendliche und Erwachsene erstmals eingestehen, dass sie eine schlechte Erfahrung gemacht haben. Solche Nachrichten bekomme ich wöchentlich. Das ist auch herausfordernd, weil ich viele Dinge lese, auf die ich gar nicht vorbereitet bin. Jedoch ist das eine riesige Chance, dass Dinge sagbar werden. Die Menschen denken: „Da ist diese Autorin, die über genau diese Themen schreibt. Wenn mir jemand glaubt, dann wird sie mir glauben“.
Dein Buch „Ein Loch im Universum“ ist zum Bestseller geworden. Ist damit ein Traum wahr geworden – oder bringt so ein Erfolg auch neuen Druck mit sich?
Es ist ein riesiger Wunsch in Erfüllung gegangen, aber ich würde nicht sagen, dass es für mich „der Traum“ war. Mein Traum ist, dass ich etwas Positives bewirken kann. Es ist nicht mein Ziel, jedes meiner Bücher zum Bestseller zu machen, denn es war auch sehr viel harte Arbeit mit furchtbaren Arbeitszeiten. Dementsprechend mache ich mir auch keinen Druck für das nächste Buch. Wenn es mein einziger Bestseller bleibt, ist das okay. Es war aber wichtig, um mir eine große Leserschaft zu erschließen.
Du veröffentlichst im Eigenverlag und sprichst auch online übers Self-Publishing. Warum hast du dich für diesen Weg entschieden?
Ein Verlag hat immer einen gewissen Einfluss auf die Geschichte. Gerade bei den Themen, über die ich schreibe, ist es mir jedoch sehr wichtig, sie genau so auszudrücken, wie ich sie ausdrücken möchte. Ich habe „Sensitive Reader“, also Personen, denen genau diese Dinge passiert sind, die meine Bücher vor der Veröffentlichung gegenlesen. Die Geschichte soll am Ende so authentisch wie möglich sein. Ich hatte immer Angst, dass mir dieser Anspruch im Verlag genommen wird. Es wird immer bedacht, welche Geschichten sich besonders gut vermarkten lassen, beispielsweise eine Geschichte mit Happy End. Als ich anfing zu schreiben, war ich nicht so selbstbewusst und ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte, diese Forderungen abzulehnen. Man muss aber bedenken, dass man als Self-Publisherin ein ganzes Business leitet. Das ist sehr anstrengend.
Schreiben fällt am leichtesten, wenn man über das schreibt, für das man wirklich brennt.
Marie Döling
Ursprünglich wolltest du Lehrerin werden. Was hat dich davon überzeugt, einen anderen Weg einzuschlagen und Autorin zu werden?
Ich hatte schon sehr früh den Wunsch, Lehrerin zu werden. Während des Studiums habe ich dann mehr zu mir selbst gefunden, auch durch meine Studienfächer. Ich habe unter anderem Philosophie und Religionswissenschaft studiert, wo man sich viel mit der eigenen Moral und dem Menschsein beschäftigt. Deshalb habe ich angefangen, zu schreiben, zunächst Gedichte. Dann kam die Pandemie und in dieser Zeit bin ich wirklich in die Literaturbranche eingetaucht. Der Wunsch, selbst zu veröffentlichen, wurde immer größer. Als ich dann Erfolg hatte, stand ich vor der Frage, ob ich diese Chance nutze oder ob es nur eine Nebentätigkeit bleibt. Es wäre schade gewesen, dieses Privileg aufzugeben.
Was ist für dich das Schönste daran, Autorin zu sein?
Witzigerweise ist es genau das, was ich auch am Lehrerinnendasein toll fand: Dass ich wirklich etwas in jungen Menschen auslösen kann.
Wenn du jungen Menschen, die selbst schreiben wollen, einen Rat geben könntest – welcher wäre das?
Schreiben fällt am leichtesten, wenn man über das schreibt, für das man wirklich brennt. Ich werde oft gefragt, ob ich mal einen Wohlfühl-Roman schreiben könnte. Vom Handwerk her wäre das kein Thema, aber ich würde mich schwertun, weil ich dafür nicht brenne. Wenn ich dagegen über ein Thema schreibe, über das ich recherchiere, mit Betroffenen spreche und merke, wie wichtig dieses Thema ist, dann fällt mir das Schreiben unheimlich leicht. Deshalb wäre mein Tipp: Finde dein Thema.
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