„Hier hätte ich am daheim sein sollen, btw.“ Bildunterschriften wie diese sieht man gerade ständig. Dahinter steckt ein Social-Media-Trend.
Der Beitrag Social-Media-Trend: Sieht besser aus als es war, btw erschien zuerst auf Thüringer Allgemeine.
Larissa Menne, funky-Jugendreporterin
„Hier hätte ich eigentlich am Schreibtisch statt in der Bib sein sollen, btw.“ Bildunterschriften wie diese begegnen uns gerade ständig auf Instagram und Tiktok. Und die meisten werden wohl beim Lesen dieser Zeilen denken: Die Situation kommt mir bekannt vor.
Dahinter steckt der „btw“-Trend. Er überschwemmt gerade die Feeds. „btw“ steht für das englische „by the way“, also „übrigens“. Und genau dieses „übrigens“ wird zum Fenster, durch den plötzlich etwas hereinscheint, das auf Instagram sonst oft sorgfältig ausgesperrt bleibt: die Realität.
Denn hinter den Bildern, die auf den ersten Blick so glatt, so mühelos, so perfekt wirken, steckt meist noch viel mehr. Ein Bad-Hair-Day, der sich in eine lässige Pose retten musste. Schlechte Laune, die hinter einem geübten Lächeln verschwunden ist. Oder ein Foto vor einer Sehenswürdigkeit, arrangiert in aller Eile, weil es fünf Minuten zuvor noch geregnet hat, aber man ja vielleicht nur dieses eine Mal hier ist. Klick, lächeln, weitergehen. Perfekt sieht es aus. Aber war es das wirklich?
Der „btw“-Trend bricht genau diese Illusion auf. Plötzlich steht unter einem ästhetischen Urlaubsfoto: „btw, ich habe kurz vorher geweint.“ Oder: „btw, wir haben uns auf diesem Trip eigentlich die halbe Zeit gestritten.“ Und man fragt sich unweigerlich: Wie viel Bühne steckt eigentlich in diesem einen Bild? Wie viel Inszenierung in dem, was wir für Alltag halten?
Instagram war schon immer eine Art Schaufenster. Oft sind die Beiträge so poliert, dass man kaum noch erkennt, was dahinter passiert. Der „btw“-Trend zeigt, dass niemand ein durchgehend makelloses Leben führt. Kein Creator, kein Model, kein Freund aus der Schulzeit, der plötzlich auf Bali sitzt und scheinbar nur noch Sonnenuntergänge anschaut. Jeder trägt Unsicherheiten mit sich herum, hat schlechte Tage, Pannen sowie kleine und große Rückschläge. Nur man sieht sie auf Social Media eben selten.
Denn wer kennt es nicht? Dieses eine Foto, das nach „best day ever“ aussieht, während man innerlich eigentlich nur durchhält. Oder der Urlaub, der auf Instagram wie ein Dauerlächeln wirkt, aber in Wahrheit auch aus Regen, Müdigkeit und kleinen Nervenkrisen besteht. Der Trend macht sichtbar, was wir längst wissen, aber selten zeigen: Perfektion ist oft nur ein gut getimter Ausschnitt.
Spannend ist dabei, dass der „btw“-Trend nicht nur von großen Creatorn getragen wird, die ohnehin Millionen erreichen, sondern auch von ganz normalen Nutzer:innen, die eigentlich nur für Freund:innen posten. Und plötzlich entsteht etwas Seltsames: Nähe. Man schaut auf ein Bild und erkennt sich wieder. In der verunglückten Pizza, die auf dem Foto noch nach Food-Magazin aussieht, aber auf dem Teller dann doch enttäuscht hat. In dem Selfie, das eigentlich nur gemacht wurde, weil der Tag sonst ziemlich schief lief. Und man muss schmunzeln, vielleicht sogar ein bisschen mitfühlen. „Ja“, denkt man, „das kenne ich auch.“ Der Feed wird dadurch nicht schöner im klassischen Sinne, aber ehrlicher. Ob diese kleinen „Ehrlichkeitsfenster“ allerdings wirklich eine dauerhafte Veränderung für Social-Media-Inhalte bringen, ist offen. Gerade bei Creator:innen, die mit ihren Posts Geld verdienen und von perfekten Bildern leben, bleibt fraglich, ob sich durch den Trend tatsächlich mehr Raum für ungeschönte Schnappschüsse und echte Zwischenmomente etabliert. Oder ob der „btw“-Moment am Ende doch nur ein kurzer Moment ist, bevor der Feed wieder zur gewohnten Perfektion zurückkehrt. Aber was bleibt dann, wenn das Unperfekte eigentlich der Normalzustand ist?
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