Nur 14% glauben, dass unsere digitale Aufholjagd gelingen wird,viele fühlen sich ausgegrenzt.Weil uns egal ist, ob viele an der Anwendung verzweifeln?
Nur 14% glauben, dass unsere digitale Aufholjagd gelingen wird,viele fühlen sich ausgegrenzt.Weil uns egal ist, ob viele an der Anwendung verzweifeln?
Das imponiert vielen Deutschen: Da verzichtet ein Top-Manager auf ca. 90% seines Gehaltes, um Deutschland aus dem digitalen Dornröschenschlaf zu erwecken: Carsten Wildberger, der neue Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, will unseren Nachholbedarf in digitaler Transformation möglichst kurzfristig aufholen – und uns global wieder wettbewerbsfähig machen. Aktuell zudem mit dem Aufbau des milliardenteuren Innovations-zentrums für Künstliche Intelligenz in Heilbronn. Doch Wildberger läuft Gefahr, die Rechnung ohne den Bürger zu machen.
Denn ohne die Voraussetzung, dass Nutzung zuerst einmal Kenntnis voraussetzt, klafft da der Krater der Ahnungslosen: Mehr als jeder Vierte schätzt seine eigenen Digitalkenntnisse als ‚schlecht‘ ein, kann also kaum etwas mit digitalen Endgeräten anfangen.
Das ist jedenfalls eines der Ergebnisse der Repräsentativbefragung ‚Digitalakzeptanz der Deutschen‘, die MENTE>FACTUM und Media Tenor im Auftrag der Deutschen Glasfaser auf Basis von 3000 Interviews durchführte - und FOCUS exklusiv vorliegt.
Klaus-Peter Schöppner ist Meinungsforscher und Demoskopie-Experte, der sich auf empirische Sozialforschung, Kommunikationsanalyse und politische Stimmungsbilder spezialisiert hat. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
In der Tat: Unser Nachholbedarf ist enorm: Bei Bildung, Verwaltung, Netzen, Unternehmensautomatisierung, bei Bezahl- und Identifikationssystemen: Gerade mal 14% der Deutschen glauben, wir seien derzeit in der Digital- und Innovationspolitik ‚auf einem guten Weg‘. Auch weil die technische Aufholjagd allein nicht ausreicht, so lange die Bürger nicht mitgenommen werden. Denn erst die Kombination aus pfiffiger Digitaltechnik und Anwendungskönnen zaubert das digitale Deutschland.
Wer kennt sie nicht: Die ‚Glasfaser wofür? – Bürger‘? Die Autofahrer, die den Parkplatz verzweifelt versuchen zu verlassen, weil sie den Parkautomaten nicht verstehen? Die verlorenen Kunden, die Rabatte nur digital bekommen? Die Verbraucher, die ihre nun Digital-Prospekte nicht herunterladen können? Die ÖPNV-Verzweifler, die es nicht schaffen, das Prepaid Ticket zu lösen? Die verlorenen Enkelkontakte, weil das mit den Chats nicht klappt? Für viele ist die Digitalisierung die moderne Form der Aussperrung!
Milliarden an Sozialkontakten und Erlösen gehen verloren, wenn beim Staatsauftrag Digitalisierung neben der Technik – doch auch hier beklagen 71% der Jugendlichen das ‚Schneckennetz ihres Netzes – nicht auch die Kommunikation gleiche Bedeutung erlangt. Wenn das ‚Weiß nicht, wie das geht‘ aus analogen Nutzern den digitalen Wutbürger entstehen lässt. Was bislang noch die Regel ist: Denn 45% der über 60-Jährigen können digitale Endgeräte ‚schlecht‘ bedienen.
Ob die Anwendungskompetenz bei den Non-Digital-Natives noch steigerungsfähig ist, hängt von drei Baustellen ab:
Wenn selbst der neue Digitalminister beim Durchklicken vieler Behörden-anträge bekennt, oftmals nach wenigen Klicks auf Seiten zu kommen, auf denen er nichts mehr verstanden habe, nutzt die beste Technik nichts, wenn sie nicht verstanden wird.
Zweifel am Nutzwert, Angst und Unkenntnis verursachen in Deutschland einen Milliardenschaden: Probleme beim digitalen Kommerz, Autofahrten statt Kampf um das richtige Bahnticket, aufgegebene Versuche, Arzttermine zu bekommen, bei Filmen am Streaming gescheitert: Digitalisierung soll das Leben der Bürger einfacher machen, bislang spaltet sie eher. Zumal wir für 16 Bundesländer auch noch 17 Datenschutzbeauftragte benötigen.
Gefordert sind zuerst die Fordernden: Nach Meinung der Deutschen müssen vor allem Politik, Verwaltung und Behörden am dringlichsten die digitale Aufholjagd starten. Nicht die Unternehmen, die ihre Aufgaben nach Bürger-meinung bislang weitaus intensiver erfüllt haben.
Digitale Teilhabe muss zweites große Ziel der deutschen Digitaloffensive sein: Also informieren, was, wann, wie getan werden muss, um digital fit zu werden. Nicht nur Investitionen in die Technik, genauso in die Anwendung der Technik: Durch Lehrgänge, gedruckte App-Anleitungen, durch persönliche Scouts. Und durch richtige Testimonials nach Beispiel des ‚Ich-bin-drin‘ - Boris. Mit Story- Telling und ersten Erlebnischats. Mit Enkeln, die den Senioren in der Nachbarschaft die Grundlagen erklären. Und Teilhabe durch die Sicherstellung von Wahlfreiheit – digital oder analog – jedenfalls noch für ein paar Jahre ermöglichen.
In Amerika werden häufig 10% von Forschungsetats in die ‚Das nützt es Dir-Kommunikation‘ investiert. Auch das könnte Minister Wildberger helfen, den Bürgern das dringend benötigte digitale Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.
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