Pünktlich zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz startete ein KI-Tool, das Fake-Videos auf Instagram enttarnte und künftig bundesweit Schule machen soll.
Pünktlich zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz startete ein KI-Tool, das Fake-Videos auf Instagram enttarnte und künftig bundesweit Schule machen soll.
Stellen Sie sich vor: Ein bekannter Politiker sagt in einem Video Dinge, die er so nie gesagt hat – das Gesicht stimmt, die Stimme klingt echt, und trotzdem ist alles gelogen. Solche sogenannten Deepfakes lassen sich heute mit frei verfügbaren Apps in wenigen Minuten erstellen und verbreiten sich in sozialen Medien innerhalb von Stunden millionenfach. Pünktlich zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz war erstmals ein Werkzeug im Einsatz, das genau diese Fälschungen für alle zugänglich aufdecken sollte – kostenlos, ohne App und ohne Technikwissen.
Hermann Sauer ist IT-Sicherheitsexperte engagiert sich seit über 20 Jahren für Datenschutz und Online-Anonymität. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern entwickelte gemeinsam mit seinem Ausgründungsunternehmen Gretchen AI und der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) das Projekt „Check First. Vote Smart“. Die Idee dahinter war simpel: Wer ein verdächtiges Bild oder Video auf Instagram entdeckte, konnte es in zwei Klicks an eine KI schicken – und bekam innerhalb kurzer Zeit eine Einschätzung zurück, ob das Material manipuliert sein könnte.
Eine neue App oder Registrierung war dafür nicht nötig. Das Werkzeug funktionierte direkt in der Instagram-Oberfläche, die die meisten ohnehin täglich nutzen.
Der gesamte Ablauf dauerte nur wenige Sekunden und lief vollständig innerhalb von Instagram ab:
Das System konnte laut DFKI mehr als 80 verschiedene Arten von Manipulationen aufspüren. Dazu gehörten Fälle, in denen das Gesicht einer Person in einem Video ausgetauscht wurde, in denen Lippenbewegungen nachträglich an einen anderen Ton angepasst wurden oder in denen eine Stimme vollständig am Computer erzeugt worden war. Auch gefälschte Screenshots, erfundene Zitate und Kampagnen, bei denen viele automatische Computerkonten gezielt eine bestimmte Stimmung erzeugten, sollte das System erkennen.
Dabei verließ sich die KI nicht allein auf technische Bildanalyse. Sie prüfte gleichzeitig, ob der gezeigte Inhalt mit bekannten Fakten übereinstimmte – ähnlich wie ein erfahrener Journalist, der nicht nur schaut, sondern auch recherchiert. Dafür arbeitete Gretchen AI eng mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zusammen, die das größte Faktencheck-Team Deutschlands betreibt.
Trotz aller Technik gilt: Keine KI ist unfehlbar. Das System lieferte Wahrscheinlichkeiten, keine Beweise. Dr. Tobias Wirth vom DFKI Kaiserslautern brachte es auf den Punkt: „Desinformation setzt genau an dem subjektiven Umgang mit Informationen mit Unsicherheit an.“ Ein Wert von über 60 Prozent Fälschungswahrscheinlichkeit sei bereits zu hoch, um ein Video ungeprüft für bare Münze zu nehmen.
Wahlen sind besonders anfällig für Desinformation, weil in kurzer Zeit viele Menschen erreicht werden sollen und emotionale Reaktionen schnell entstehen. Bernhard Kukatzki, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz, fasste es so zusammen: „Wer weiß, wie Desinformation funktioniert und Inhalte im Zweifel überprüfen kann, lässt sich weniger verunsichern und trifft politische Entscheidungen auf informierter Grundlage.“
In der Startphase konnten bis zu 10.000 Wahlberechtigte in Rheinland-Pfalz an dem Projekt teilnehmen. Das Forschungsteam wollte dabei nicht nur Fälschungen aufdecken, sondern auch verstehen, welche Arten von Fake-Inhalten besonders überzeugend wirken und wie nützlich solche KI-Werkzeuge in der Praxis tatsächlich sind. Ergänzend gab es ein KI-Quiz auf Instagram, mit dem man das eigene Gespür für Deepfakes testen konnte.
Für die Entwickler war die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz erst der Anfang. Geplant sind die Ausweitung auf weitere Wahlen in Deutschland, die Einbindung anderer Plattformen wie TikTok sowie Angebote für Schulen und Volkshochschulen, die eigenständig Workshops zum Thema Deepfakes anbieten möchten. Die LpB plant für 2027 einen Fachtag speziell zu KI und Wahlen.
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