Ransomware-Banden drohen ihren Opfern zunehmend mit körperlicher Gewalt. Wie aus dem Cyberangriff eine reale Bedrohung wird.
Ransomware-Banden drohen ihren Opfern zunehmend mit körperlicher Gewalt. Wie aus dem Cyberangriff eine reale Bedrohung wird.
Wer sich schon einmal gefragt hat, was eigentlich mit jenen Milliarden Datensätzen geschieht, die bei Erpressungsangriffen mit Schadsoftware regelmäßig abhandenkommen, der erhält nun zumindest eine teilweise Antwort darauf.
Bei der sogenannten doppelten Erpressung verschlüsseln Kriminelle nicht nur die Computersysteme eines Unternehmens, sondern sie stehlen vorab auch große Mengen sensibler Informationen, um anschließend mit deren Veröffentlichung zu drohen. Wie ein aktueller Bericht der „BBC” eindrücklich zeigt, bleibt es längst nicht mehr bei dieser rein digitalen Drohkulisse, denn die erbeuteten Personaldaten werden zunehmend dafür genutzt, einzelne Menschen ganz konkret und im echten Leben unter Druck zu setzen.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Wenn Angreifer beim Einbruch in die IT eines Unternehmens auch die Wohnadressen, die Sozialversicherungsnummern und die Familienverhältnisse der Beschäftigten erbeuten, dann verfügen sie damit über ein äußerst wirksames Druckmittel. So berichtet ein auf solche Fälle spezialisierter Verhandlungsexperte davon, dass eine Tätergruppe ihm während eines laufenden Einsatzes eine Drohbotschaft direkt vor die eigene Haustür legte.
In einem anderen Fall erhielten Pflegekräfte eines angegriffenen Krankenhauses Anrufe, bei denen die Täter sie namentlich ansprachen und ihnen daraufhin in aller Ruhe ihre Privatadresse vorlasen. Laut FBI haben sich solche körperlichen Drohungen in den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt, und Sicherheitsforscher gehen davon aus, dass bei rund vierzig Prozent aller weltweiten Angriffe inzwischen auch eingeschüchtert wird, wobei der Anteil in den USA sogar noch deutlich höher ausfällt.
Besonders beunruhigend ist das Geschäftsmodell, das sich hinter dieser Entwicklung verbirgt, denn viele der Täter sind noch sehr jung und scheuen davor zurück, sich selbst die Hände schmutzig zu machen. Statt die Gewalt eigenhändig auszuüben, suchen sie über einschlägige Foren und soziale Netzwerke gezielt nach Personen vor Ort, die gegen Bezahlung bereit sind, die Drohung tatsächlich in die Tat umzusetzen.
Auf diese Weise ist ein regelrechter Dienstleistungsmarkt entstanden, auf dem sich vom eingeworfenen Fenster über Brandstiftung bis hin zur Entführung nahezu jede Form der Einschüchterung bestellen lässt. Für die eigentlichen Drahtzieher senkt diese Arbeitsteilung zugleich das persönliche Risiko, weil sie anonym im Hintergrund bleiben, während andere die strafbaren Handlungen ausführen. Die Ermittlungsbehörden beobachten dieses lose Geflecht aus jungen Kriminellen seit einiger Zeit mit wachsender Sorge, weil aus einem ursprünglich rein digitalen Konflikt unvermittelt reale Gewalt erwachsen kann.
Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Eskalation dort, wo Anleger ihren mit Kryptowährungen erworbenen Reichtum allzu unbedarft öffentlich zur Schau stellen. Wer in sozialen Medien mit seinen Gewinnen prahlt, macht sich und seine Angehörigen unfreiwillig zur Zielscheibe, und so kam es bereits zu mehreren Fällen, in denen Familienmitglieder vermögender Anleger entführt und gegen Lösegeld festgehalten wurden.
In Frankreich etwa konnte die Polizei den Vater eines Krypto-Millionärs befreien, der zuvor verschleppt worden war. Was als verlockende Aussicht auf schnellen Wohlstand begann, kann sich also rasch in eine handfeste Gefahr für Leib und Leben verwandeln, sobald Kriminelle erkennen, wie viel bei einem Opfer zu holen ist.
Aus all dem ergibt sich eine neue Qualität der Bedrohung, die Unternehmen und Behörden gleichermaßen vor grundlegende Fragen stellt. Solange Opfer ein Lösegeld zahlen, weil sie um die Sicherheit ihrer Familien fürchten, bleibt das Geschäft für die Täter attraktiv und dürfte sich weiter ausbreiten. Cybersicherheit darf deshalb künftig nicht mehr allein als technische Aufgabe verstanden werden, sondern sie muss auch den ganz handfesten Schutz von Mitarbeitern und Verhandlungsführern umfassen.
Wenn Sie in Ihrem Unternehmen für diesen Bereich Verantwortung tragen, sollten Sie daher prüfen, ob Ihre Notfallpläne den Fall mitdenken, dass eine Drohung eines Tages nicht im Postfach, sondern an der Haustür eintrifft. Ebenso sollten Ihre Beschäftigten für die neue Lage sensibilisiert sein und im Ernstfall wissen, an wen sie sich wenden können. Denn nur wer digitale und physische Vorsorge konsequent zusammenbringt, ist gegen diese neue, hybride Form der Erpressung wirklich gewappnet.
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