Das Open Air Frauenfeld gehört zu den Festivals mit den wohl jüngsten Besucherinnen und Besuchern. Der 56-jährige TZ-Redaktor Olaf Kühne macht sich auf die Suche nach Gleichaltrigen. Kein leichtes Unterfangen.

Bild: Andrea Tina Stalder
Ich war nie ein Hip-Hopper. Ich war ein Popper, damals in den 1980er-Jahren. Popper bin ich geblieben. Nur mein Musikgeschmack war nie der eines Poppers. Klar, Cindy Lauper, Madonna und Prince haben es auch in meine Plattensammlung geschafft. «Girls Just Want to Have Fun», «Like a Virgin» und «Purple Rain» vertonten die 1980er-Jahre geradezu perfekt.
Hip-Hop stammt genau genommen aus den 1970er-Jahren. Das hat uns damals aber nicht gekümmert. Wir haben ihn für uns beansprucht. Schliesslich will es der Zufall, dass just vor 40 Jahren gleich zwei bahnbrechende Alben des Genres erschienen sind: «Raising Hell» von Run-D.M.C. und «Licensed to Ill» von den Beastie Boys. Dass sie bahnbrechend waren, haben wir erst im Nachhinein erfahren. Unser Taschengeld haben wir damals so oder so in die Winterthurer «Musicbox» getragen.
Der Musikgeschmack ist geblieben, aber nun bin ich ein alter Mann. Nicht ganz so alt zwar, wie meine jungen Kolleginnen meinen. Während ihrer Planung des diesjährigen Open Air Frauenfeld haben sie mich gefragt, ob ich unter dem Titel «Wie sieht der Boomer das Open Air?» etwas schreiben könne. Ein trauriger Hinweis, dass ich zur Generation X gehöre, verpuffte ungehört. Alt ist alt.
Und so mache ich mich auf den Weg ans grösste Hip-Hop-Festival Europas. Für einmal ist der Weg nicht das Ziel. Nach über einer Stunde bin ich froh, endlich auf dem Gelände zu stehen. Verkehrskadetten sind nett. Gut instruiert sind sie nicht.
Noch bei Tageslicht ist das Areal schwach gefüllt und deshalb sehr übersichtlich. Das hilft. Denn ich habe mir für meine Reportage vorgenommen, mit Gleichaltrigen zu sprechen. Und die sind zumindest am ersten Festivaltag sehr dünn gesät.
Ich mache mich auf die Suche und stosse als Erstes auf den Stand des Awareness-Teams. Gab es in meiner Jugend noch nicht, ist aber ein wichtiges Thema. Die kümmern sich um Rassismus, Sexismus und andere Übel. Oder Awareness einfach ins Deutsche übersetzt: Es geht um Achtsamkeit. Ich frage Anouk und Anja, ob sie schon mit Altersdiskriminierung konfrontiert waren. Beide lachen. Bis jetzt hätten sie nur Junge gehabt, die sich bei der Dosierung ihrer Drogen überschätzt hätten. Generationendifferenzen oder andere Awareness-Probleme: kein Thema an diesem Abend.

Bild: Olaf Kühne
Ich suche weiter. Im Gastrobereich treffe ich Einheimische. Roman (51) und Bea (58) leben in Frauenfeld. Ihre Tickets haben sie von der Donatorenvereinigung des FC Frauenfeld. «Hip-Hop ist nicht meine Musik», sagt Roman. «Aber uns gefällt die gute Stimmung hier, und es ist schön zu sehen, wie Junge und Alte anständig miteinander umgehen.»
Wegen der Musik ist hingegen der 61-jährige Tom aus Dübendorf gekommen. Er ist zum zweiten Mal in Frauenfeld, heuer wegen Sido. Der Deutschrapper startete seine Karriere um die Jahrtausendwende, ist also auch schon bald ein alter Mann. Tom, der mit einem Kumpel gekommen ist, sagt: «Nein, wir werden wegen unseres Alters überhaupt nicht schräg angeschaut. Und wenn, wäre es uns auch egal.»
Den Zürcher stört hingegen, dass er ein einzelnes Konzert nur noch mit einem VIP-Tagespass besuchen kann: «Wenn sie schon VIP draufschreiben, sollen sie doch bitte auch die Zufahrt brauchbar ausschildern.» Ich war also nicht alleine mit meinem Problem.
Meine Suche führt mich zu Marcel (57) aus Flawil. Er ist mit Sohn und Tochter hier. Indes nicht bloss als Chauffeur, Portemonnaie und Aufpasser. «Hip-Hop ist seit den Achtzigern meine Musik», sagt er und schwärmt von Run-D.M.C. und Grandmaster Flash. In den Neunzigern sei dann der Deutschrap dazugekommen – mit den Fantastischen Vier und eben Sido.
«Wir hatten damals in der Ostschweiz allerdings überhaupt keine Hip-Hop-Szene», blickt der Flawiler zurück. «Meistens ging ich deshalb an Metal-Konzerte. Eine Musik, die mir ebenfalls bis heute gefällt.» Für seine Kinder versuche er sich manchmal noch im Breakdance. «Aber nur, wenn es meine Gelenke zulassen», sagt er und lacht.
Andrea (39) und Raphi (49) sind mit ihrem Sohn aus Aarau angereist. «Vergangenes Jahr waren wir seinetwegen erstmals in Frauenfeld – für einen Tag», erzählt Andrea. «Dieses Jahr hat er sich mit einem guten Schulabschluss die ganzen drei Tage verdient.»
Langsam wird es dunkel und ich mache mich auf den Heimweg. Schliesslich muss ich am nächsten Tag wieder arbeiten. Vor 30 Jahren wäre das kein Problem gewesen, heute schon. Mir bleibt die wohltuende Erkenntnis, dass am Open Air Frauenfeld zwar nicht alle Generationen gleich vertreten, sicher aber gleich willkommen sind.

Bild: Andrea Tina Stalder
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