Vilhelm Hammershøi ist der Altmeister der Moderne und wurde von seiner Zeit nicht verstanden. Nun ist der dänische Maler der Ereignislosigkeit im Kunsthaus Zürich in der ersten umfassenden Museumsausstellung in der Schweiz zu entdecken.
Vilhelm Hammershøi ist der Altmeister der Moderne und wurde von seiner Zeit nicht verstanden. Nun ist der dänische Maler der Ereignislosigkeit im Kunsthaus Zürich in der ersten umfassenden Museumsausstellung in der Schweiz zu entdecken.

Kunstmuseum Brandt
Nach solchen Bildern sehnen sich wohl nicht wenige. Obwohl der Künstler kaum gross bekannt ist. Vilhelm Hammershøi wird gerade erst von einem breiteren Publikum entdeckt. Denn mit seinen Gemälden von fast leeren Innenräumen und ebenso menschenleeren Landschaften trifft er einen Nerv der Zeit – einen überreizten Sehnerv, strapaziert durch das digitale Dauerbombardement.
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Der dänische Künstler, der schon zu seiner Zeit aus der Zeit gefallen war – er schwamm nicht mit den Kunstströmungen der Avantgarde –, steht auch heute ausserhalb des Rahmens, in dem die schnelllebige Welt verbildlicht wird. In seinen Werken ereignet sich kaum etwas. Sie zeigen ein paar Möbel, ein paar Sonnenstrahlen auf dem Parkett, manchmal eine vereinzelte Person, die uns den Rücken zukehrt. Wenn Hammershøis Malerei überhaupt irgendetwas darstellt, so ist es Stillstand. Seine Bilder fordern wortlos zum Innehalten auf.
Da wird Malerei zur Mussestunde. Seine Gemälde, die jetzt im Kunsthaus Zürich zu seiner ersten umfassenden Museumsausstellung in der Schweiz zusammengekommen sind, laden zu einer Pause von der Hektik der Welt ein. So etwa Hammershøis kleines Gemälde «Ruhepause» von 1905. Da sitzt seine Frau Ida auf einem Stuhl, an einem Tisch mit weisser Schale: und ist die Ruhe in Person. Wir sehen nur ihr Haar, ihren Nacken, ihren Rücken: ein Antiporträt gleichsam – kontemplativ, in pudrigen Grau- und Brauntönen.

Martine Beck-Coppola / Grand Palais Rmn (Musée d‘Orsay)
Sein eigenwilliger Ansatz war der Grund, warum Vilhelm Hammershøi, 1864 in Kopenhagen geboren, bald in Vergessenheit geriet. Er führte ein zurückgezogenes und unspektakuläres Leben, obwohl er gerne und oft reiste, wie seine Städteansichten etwa von London zeigen. Gleichwohl stand er im Austausch mit den internationalen Strömungen seiner Zeit. So war er etwa ein Bewunderer des amerikanischen Malers James McNeill Whistler, dessen Werk sich in ähnlicher Weise durch reduzierte Kompositionen auszeichnet.
Nach seinem Tod 1916 sprach bald niemand mehr von Hammershøi. Dies vielleicht, weil der Vermeer des Nordens, wie er von Kennern bezeichnet wurde, zu rückwärtsgewandt war in seiner Auffassung von Malerei. Übersehen wurde er aber wohl auch darum, weil er gleichzeitig seiner Zeit voraus war mit seinen manchmal fast an die Abstraktion der Moderne gemahnenden Bildfindungen.
Wer hätte damals nur Fensterrahmen, ein paar Spiegelungen derselben in den Glasscheiben anderer Fensterrahmen und daneben eine völlig leere Zimmerwand gemalt? Hammershøi tat es in dem grauen Gemälde «Balkonzimmer in Spurveskjul». Das war im Jahr 1911, als der grosse Aufreger in der Kunstwelt Pablo Picassos und George Braques Kubismus war.
Dabei ging es Hammershøi vielleicht um ganz ähnliche Fragen, wie sie sich die neuen Kunstbewegungen stellten: um rein formelle Betrachtungen von Rechtecken in unterschiedlichem Licht wie etwa in «Wohnzimmer. Studie im Sonnenlicht» von 1906. Als Motiv genügten hier dem Maler eine Zimmertür und ein Fenster. Nicht einmal Türfalle und Fenstergriff benötigte er dazu. Er liess sie einfach weg.
Hammershøi war ein Einzelgänger und hatte seine eigenen Überzeugungen. So etwa «die Vorstellung, dass viel Schönheit in so einem Raum lag, selbst wenn keine Menschen darin waren oder vielleicht gerade dann.» Möbel allein reichten, Wohnräume zu vergegenwärtigen, in welchen Menschen mit Geschichten leben. In «Interieur. Eine junge Frau deckt den Tisch» von 1895 evoziert der massive Schrank, wohl ein Erbstück, eine ganze Familiengeschichte.
In «Interieur. Strandgade 30» (1905–1909) stehen Möbel an die Wand gerückt beisammen wie Reisende in einer Wartehalle. In ihrem möbelhaften Schweigen künden sie vom Umzug des Künstlers: ein Schrank, ein Stuhl, ein Büchergestell, ein Sekretär – mit so viel Charakter und Eigenleben, dass sie es wert waren, wie Menschen porträtiert zu werden.
Der gemalte Raum vibriert hier als Zusammenspiel rechteckiger Flächen in unterschiedlichen Brauntönen. Denn in diesem stillen Möbel-Stillleben hat Hammershøi selbst die Luft gemalt. Sie flimmert hier wie in den meisten seiner Bilder. Man sieht sie nicht und sieht sie doch. Zustande kommt dieser Effekt durch eine impressionistische Pinselführung lauter kleiner Striche. Hinzu kommt die gedämpfte Farbpalette, die alles in Dunst zu tauchen scheint. Auch hierzu hatte Hammershøi seine Vorstellung: «Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Bild den besten Effekt im farblichen Sinne erzielt, je weniger Farben es hat.»

PD
Dabei leuchten Hammershøis Gemälde durchaus farbenfroh aus sich selber heraus. Nur tun sie das auf sehr verhaltene Art. Man hört diese Farben mehr, als dass man sie sieht. Weswegen das Kunsthaus Zürich für seine in Zusammenarbeit mit dem Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid entstandene Ausstellung auch den Titel «Maler des stillen Klangs» wählte.
Tatsächlich ist Hammershøis Malerei eine Art Musik: Kammermusik. Immer wieder hat er nicht nur seine Frau am Klavier gemalt, abgewandt und in sich gekehrt, der Musik lauschend, die sie selber hervorbringt durch ihr Spiel. Auch spielte in Hammershøis gesellschaftlichem Umfeld Musik eine wichtige Rolle. Henry Bramsen etwa, der Sohn seines Förderers, des Sammlers Alfred Bramsen, war ein virtuoser Cellist. Auch Hammershøi selber spielte Violoncello.
Verfolgte Hammershøi als Maler etwa die kühne Absicht, Klang visuell festzuhalten? Wie aber würde das gelingen, wenn nicht durch die Darstellung dessen, was Voraussetzung ist für jeden Ton: die Stille. Wie eine Fuge nimmt sich das geschachtelte Raumgefüge in dem Bild «Offene Türen» von 1905 aus, das eine Innenansicht der Wohnung des Künstlers zeigt.
Klangvolle Stille fand der auch in der Landschaft – einem Motiv, das man bis anhin kaum mit dem Interieur-Maler Hammershøi assoziiert hat. Seine menschenleeren Landschaften, wie sie jetzt im Kunsthaus entdeckt werden können, haben in ihrer Kompositionsweise etwas ausgesprochen Musikalisches. Der Maler sucht stets die Ordnung in der Natur, indem er sein Werk rhythmisch durchstrukturiert. Da sind Oben und Unten in Erde und Himmel, Nah und Fern in Vorder- und Hintergrund.

Pernill Klemp / David Collection
Dabei reichen ihm eine Wasserfläche und der sich darin spiegelnde Himmel als Ausgangsmaterial vollauf, um Landschaftsmalerei zu zelebrieren, auch wenn das Resultat eigentlich fast nichts zeigt: Riesig ist der unendliche Himmel über dem schmalen Streifen Wasser auf der dänischen Insel Falster in «Landschaft. Sommer, Falster» von 1890. Und alles ist gehalten in irisierendem Grau.
Ein solcher Landschaftsausschnitt würde als Foto als misslungen im Hades der Handy-Bildspeicher verschwinden. In Hammershøis Bild scheint er auf wie ein ferner Sehnsuchtsort. Sogkraft ist dabei das Mittel, mit dem einen dieses Gemälde in seinen Bann schlägt. Sie kommt in Hammershøis stillen Bildern zustande durch die Unstillbarkeit des visuellen Begehrens.
Hammershøi schliesst den Betrachter von seinen Bildwelten aus. Wie eine bleierne Schranke mutet der Vordergrund einer Wasserfläche an in dem Landschaftsbild «Sonnenregen, Gentofte-See» von 1903, das den Blick auf eine Aue mit Allee freigibt.
Die abgeklappte Tischplatte eines Gateleg-Tischs wiederum riegelt gleichsam den Zugang zum «Interieur mit einer lesenden Frau» von 1911 ab. Und auch im besagten Porträt von Hammershøis Frau Ida in Rückenansicht bleiben die Betrachter ausgeschlossen aus dem intimen Interieur, das die verborgene Innerlichkeit der abgebildeten Person zu widerspiegeln scheint: Ihr sinnlicher Nacken ist zwar zum Berühren nah, aber gleichermassen unerreichbar fern.

Martine Beck-Coppola / Grand Palais Rmn (Musée d‘Orsay)
«Hammershøi. Maler des stillen Klangs», Kunsthaus Zürich, bis 25. Oktober. Katalog: Fr. 52.–.