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Giovanni Segantini: vom Waisenknaben zum Gipfelstürmer

Дата публикации: 14-07-2026 03:30:00

Paris entdeckt die pastorale und alpine Bildwelt des Schweizer Künstlers im Musée Marmottan Monet. Es handelt sich um die erste Segantini-Ausstellung in der französischen Hauptstadt.

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Giovanni Segantini: vom Waisenknaben zum Gipfelstürmer

Paris entdeckt die pastorale und alpine Bildwelt des Schweizer Künstlers im Musée Marmottan Monet. Es handelt sich um die erste Segantini-Ausstellung in der französischen Hauptstadt.

Peter Kropmanns, Paris14.07.2026, 05.30 Uhr


Giovanni Segantini, «Pâturages alpins», 1893–1894.

Giovanni Segantini, «Pâturages alpins», 1893–1894.

Kunsthaus Zürich

In seiner Jugend waren ihm vielerlei Hindernisse in den Weg gelegt. Deshalb ist das Werk von Giovanni Segantini als Frucht ungeheurer Mühen zu verstehen; Anstrengungen, es hervorzubringen, das natürlich auch, aber noch mehr, es überhaupt anzugehen.

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1858 in Arco am Nordufer des Gardasees geboren, hatte er alles andere als eine behütete Kindheit. Der entwurzelte, ja herumgeschubste Waisenknabe gelangte über Umwege an die Mailänder Accademia di Brera, um Kunst zu studieren. Günstige Fügungen – Begegnungen mit Förderern – beflügelten Segantini, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Er hatte Glück, aber vor allem viel Talent. Das frühe Echo auf sein Wirken war verdientermassen gross. Auszeichnungen bei internationalen Ausstellungen dürften ihm Genugtuung verschafft haben.

Rasch wurde er bis nach Amsterdam, München, Dresden, Berlin und Venedig bekannt. Und dies, ohne selbst zu reisen. Stabilität verschaffte auch Luigia Bugatti, genannt Bice, mit der er eine Familie gründete. In Italien und in der Schweiz ist Segantinis Werk gut bekannt: Nachdem er durch häufige Ortswechsel zahlreiche lombardische Inspirationsquellen genutzt hatte, verliess er seine Heimat und begab sich ins Oberengadin. 1899 starb er hoch über Pontresina mit nur 41 Jahren.

Giovanni Segantini,«L’Après-midi», 1892.

Giovanni Segantini,
«L’Après-midi», 1892.

Ohara Museum of Art

Natur und Landleben

In den Schweizer Bergen setzte er fort, was als sein Wirkungsfeld allmählich an Kontur gewonnen hatte: Zeichnen und Malen von Landschaften sowie von Mensch und Tier in nahezu unberührter Natur, Momentaufnahmen von Bauern und Hirten samt ihrem Vieh, von Matten und Bergketten in luftiger Höhe.

Dagegen entdeckt Paris Segantinis pastorale und alpine Bildwelt erst jetzt vollends. Die derzeitige, erste Einzelausstellung des Künstlers in der französischen Hauptstadt umfasst 60 Werke – Gemälde, Zeichnungen und Pastelle –, darunter Leihgaben aus Chur, Mailand, St. Moritz und Zürich, aber auch aus Leipzig, Otterlo und Prag. Die Schau im Musée Marmottan Monet bestimmen Werke, die unter bald gewittrigem, bald stahlblauem Himmel Schneefelder, Grate und Gipfel zeigen. Verbunden sind sie mit Szenen, die Schafherden, Kühen sowie hart arbeitenden Menschen auf Äckern, an Höfen oder am Dorfrand gelten.

Bestärkung darin, die Landbevölkerung zum Thema zu machen, erhielt Segantini offenkundig durch die Kunst von Jean-François Millet. Dessen Bilder hatten durch illustrierte Bildbände Verbreitung gefunden. Die Ausstellung illustriert in zehn Etappen den Aufstieg des Künstlers zum Gipfelstürmer. Sie gilt Stationen, zu denen Pusiano (auf gut 260 Metern über Meer bei Como in der Brianza gelegen), Maloja sowie der Schafberg zählen.

In der Hütte, die nunmehr seinen Namen trägt und sich auf über 2700 m ü. M. befindet, soll Segantini, an einer Bauchfellentzündung leidend, aber transportunfähig und damit nicht behandelbar, seine letzten Worte «Voglio vedere le mie montagne» gesprochen haben.

Sie gehören jetzt zum Ausstellungstitel: «Je veux voir mes montagnes». Zu Beginn werden Selbstbildnisse und erste Werke gezeigt, die ein fulminant frühreifes Können offenbaren. Sie rücken die Motive perspektivisch effektvoll ins rechte Licht. Es sind Bilder dabei, die zwar gefangen nehmen, sich aber weder inhaltlich noch stilistisch oder koloristisch absetzen. Das änderte sich, als Segantini Mailand und den städtischen Sujets den Rücken kehrte, um sich abgelegener Wiesen und Weiden anzunehmen, und später sogar seinen Farbauftrag modifizierte.

Giovanni Segantini «Alpe di Maggio», 1891.

Giovanni Segantini «Alpe di Maggio», 1891.

Philipp Hitz

Segantinis Bewunderer

Der sanft einsetzende, aber nachhaltige Richtungswechsel war Vittore Grubicy de Dragon zu verdanken, der ihn früh unter seine Fittiche nahm. Der Mailänder Maler, Kunsthändler und -kritiker stand mit Anton Mauve, dem niederländischen Maler und Vertrauten Vincent van Goghs, in Kontakt und war leidenschaftlicher Anhänger einer neuen Tendenz in der Malerei, des postimpressionistischen Divisionismus. Dieser beruht auf der Trennung von Primär- und Sekundärfarben, die zu einer sich erst im Auge des Betrachters vollziehenden Mischung führt.

Grubicys Anregung, damit zu experimentieren, fiel auf fruchtbaren Boden. Anders als die Pariser Pointillismus-Pioniere Georges Seurat und Paul Signac, die mit Punkten und Tupfen operierten, setzte Segantini allerdings Filamente ein, schmale Striche, die Fasern oder Halmen ähneln. Sie sind kein vorübergehender Spleen, sondern werden Ausdrucksmittel und Bedeutungsträger, die Gefühl und Verständnis transportieren. Die Ausstellungsexponate erlauben nun ihre nähere Betrachtung.

Dagegen mangelt es etwas an schlagenden Beispielen für Gemälde, die Segantini als Literatur- und Philosophie-Exegeten ausweisen, der symbolistisch Verbindungen zwischen Natur, Mensch und Dasein nachging. Ein Plus ist immerhin der räumlich getrennte Epilog: ein Ensemble von Werken des nun 81-jährigen Anselm Kiefer. Die vier grossformatigen, überwiegend abstrakten und ungemein pastosen Gemälde sind als Hommage entstanden. Der in Frankreich lebende Künstler reiht sich damit in die Reihe der Bewunderer Segantinis ein, zu denen zeitgenössische Malerkollegen wie Max Liebermann gehörten.

Giovanni Segantini «Retour de la forêt», 1890.

Giovanni Segantini «Retour de la forêt», 1890.

Stephan Schenk / Segantini Museum

«Giovanni Segantini, 1858–1899. Je veux voir mes montagnes», Musée Marmottan Monet, Paris, bis 16. August. Katalog: 33 Euro.

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