Wieso die Ausstellung zu Heiner Kielholz schlicht grandios ist.
Wieso die Ausstellung zu Heiner Kielholz schlicht grandios ist.

Bündner Kunstmuseum Chur
In glücklichen Momenten darf man Ausstellungsräume betreten und wird ganz still, weil sie einen Zauber ausstrahlen, der nicht zu erwarten war. Erleben kann man das derzeit im Bündner Kunstmuseum in Chur. Da stellt nach langer Zeit Heiner Kielholz Bilder aus den letzten Jahren aus. Die kleinen Formate zeigen Interieurs, Stillleben und Ausblicke aus den beiden Wohnungen, die der Maler im Puschlav und im Veltlin bewohnt hat. Ihre Tonalität und Farbigkeit erinnern an Giorgio Morandis Stillleben und Vilhelm Hammershøis grossbürgerliche Zimmer schon allein deshalb, weil sie eine Melancholie ausstrahlen, die ebenso von Verlusten erzählt wie von unerfüllbaren Sehnsüchten. Im Unterschied zu den beiden internationalen Malerstars verzichtet der 1942 geborene Aargauer Heiner Kielholz aber auf Arrangements und Pathos.
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Heiner Kielholz verwandelt seine unmittelbare Umgebung von Zimmer, Hof und Bergen in raffinierte Räume mit exquisiten Farbkombinationen. Und er macht sie zu existenziellen Chiffren. Aber nicht anhand von Verrichtungen. Wir sehen niemanden beim Frühstücken und Zubettgehen. Menschen kommen auf den Gemälden und Papierarbeiten nicht vor. Wir beobachten einen Alltag anhand seiner Dinge und des Lichts, das über die Bergwipfel fällt, Schatten wirft, eine Holzlackierung glänzen lässt und eine Teekanne modelliert.


Bilder Bündner Kunstmuseum Chur
Vor allem aber betrachten wir diesen Alltag durch den Blick des Malers. Er sieht die Dinge, er ordnet sie nicht. Allein sein Blick, seine Palette und sein trockener Pinselstrich machen sie sichtbar. Dabei dürfen sie für sich bleiben, ihre stille Gegenwart wahren. Der Maler will sich ihrer nicht bemächtigen, er ist, obwohl es seine Wohnung ist und sie seine Anwesenheit atmet, ein stiller Beobachter, der Zwiegespräche aufscheinen lässt zwischen Topf und Tasse und zwei Flaschen fast zu Charakteren macht. Es ist dieser Augenblick der Wahrnehmung, der den Interieurs ihre Magie gibt.
Und weil es auf seinen Bildern so still ist und alles seinen selbstverständlichen Platz zu haben scheint, werden auch die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung ganz ruhig, verweilen vor der Farborgie eines Mülleimers, bewundern ein Grün, das von draussen hereinleuchtet, und bestätigen sich, dass ein Stuhl schon einmal, aber ganz anders zu sehen war. Stets erscheinen die Dinge neu. Das ist berührend und befreiend zugleich. Berührend, weil diese Welt eine fast archaische Genügsamkeit ausstrahlt, die wir in unserem eigenen Alltag längst gegen die Hektik des Neuen und Unerwarteten getauscht haben. Und befreiend, weil wir sehen, wie zauberhaft diese Einfachheit sein kann, auch wenn sie mit Härten erkauft ist. Da hat einer sein Leben für die Malerei eingesetzt.

Bündner Kunstmuseum Chur
Kaum einer von uns wollte so leben wie Heiner Kielholz. Er kennt die Welt von früheren Reisen und holt sie jetzt als geistigen Raum in seine Bilder, wenn er etwa orientalische und cartesianische Muster auf einem Tisch kombiniert. Aber er lebt sehr bescheiden und abgelegen in den Bergen. Im Winter kann es bitterkalt sein. Ins nächste Dorf ist es ein gutes Stück Weg. Weiter kann man sich vom industriell kommerzialisierten Alltag und vom Kunstmarkt hierzulande kaum entfernen. Vielleicht braucht es diese Distanz, um still zu werden und in aller Brüchigkeit einen Einklang mit der Welt aufscheinen zu lassen, von dem wir kaum noch wissen.
Heiner Kielholz, Bündner Kunstmuseum, Chur, bis 2. 8.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»