Die WM zieht längst nicht mehr automatisch Massen an. Für viele Wirte ist Public Viewing heute ein teures Risiko statt Umsatzmotor.
Die WM zieht längst nicht mehr automatisch Massen an. Für viele Wirte ist Public Viewing heute ein teures Risiko statt Umsatzmotor.
Der Fußballzwerg Paraguay hat die Fußballnation Deutschland aus dem Turnier gekegelt. Das Spiel der deutschen Nationalmannschaft war der vorläufige Höhepunkt eines schon seit längerer Zeit zu beobachtenden Agonie.
Für die heimische Gastronomie hingegen beendet das WM-Aus eine organisatorische Agonie, die in den meisten Fällen in keinem vernünftigen Verhältnis zum erhofften wirtschaftlichen Ergebnis gestanden hätte.
Lorenz Strasser ist Gastronom, Unternehmer und Gründer des HR-Tech-Anbieters Pentacode. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Es ging damals, als die WM 2006 in Deutschland stattfand, auch nicht zwingend nur um Fußball. In Feierlaune waren auch jene, die am Spiel selbst kaum Interesse hatten. Es war ein kollektives Erlebnis, bei dem alles stimmte. Deutschland zeigte sich von der besten Seite: Die Sonne schien, die Spielzeiten reichten vom Nachmittag bis in den Abend und die Züge fuhren pünktlich.
Die wenigen Gastronomien, die an ihren herkömmlichen Öffnungszeiten festhielten und meinten, es ginge nur um das Spiel mit dem Ball, blieben der Ödnis des Leerstands überlassen, in der sich die Kellner die Beine in den Bauch standen. Alle anderen aber, die an diesem wochenlangen Spektakel teilnahmen und dieses mit befeuerten, erlebten ein „High Noon“ des Umsatzes, das so manchen Betrieb über Monate hinaus sanierte.
Die WM 2006 war einzigartig. Für einen außenstehenden Betrachter ist es allerdings schlicht verwunderlich, dass sich die Erwartungen vieler Gastronomen noch immer an dieser Einzigartigkeit orientieren. Trotz der Rückläufigkeit von Public Viewing und nachdem sich alle Voraussetzungen geändert haben, fühlen sich viele Gastronomen verpflichtet, die WM in ihren Gasträumen zu übertragen.
Eine Weltmeisterschaft in Russland, Katar oder Nordamerika mobilisiert die Fußballfans – aber nicht mehr die breite Masse. Eine Anstoßzeit gegen Mitternacht hält nur die Hartgesottenen wach und Mannschaften aus Ländern, die so mancher erst auf der Landkarte suchen muss, treiben den Normalbürger weder in ein Lokal noch auf die Fanmeile.
Das kann für die Gastronomie nicht gutgehen. Denn jedes Event, das eine Abweichung vom gastronomischen Tagesgeschäft darstellt, erfordert ein hohes Maß an Neuorganisation. Das Angebot an Speisen und Getränken muss an das erwartete Gästevolumen angepasst, gewohnte Abläufe müssen geändert werden und die Einteilung der Mitarbeiter muss den ausgeweiteten Öffnungszeiten entsprechend anders erfolgen.
Daneben greifen heute deutlich strengere rechtliche Regularien. 2006 war es üblich, dass Mitarbeitende aufgrund des besonderen WM-Ereignisses Arbeitstage mit mehr als 14 Stunden hinter sich brachten. Ein Arbeitstag, der statt um 23 Uhr um 3 Uhr morgens endet, ist jedoch keine Ausweitung der Arbeitszeit. Er mündet in einen zweiten Arbeitstag.
Die rechtliche Verpflichtung zur Arbeitszeiterfassung zwingt 2026 den Gastronomen nun zu einer von zwei Möglichkeiten: entweder er stockt sein Personal auf, mit allen Verpflichtungen, die dieser Maßnahme folgen. Oder er manipuliert die Arbeitszeiten und nimmt die Konsequenzen in Kauf: von moralischen für überlastete Mitarbeitende bis hin zu strafrechtlichen für sein Unternehmen.
Die Entscheidung, den Betrieb auf ein wochenlanges Fußball-Event hin zu organisieren, trifft der Gastronom im Vorfeld des Ereignisses. Hat er sie einmal getroffen, ist er festgelegt. Statt auf seine herkömmlichen Gäste und den üblichen Geschäftsverlauf hat er auf ein Massengeschäft gesetzt, das, komme was da wolle, zum wirtschaftlichen Erfolg verdammt ist.
Doch selbst wenn die Massen tatsächlich kommen – ein volles Haus bedeutet noch keinen entsprechend höheren Umsatz. Denn ein vereinfachtes Speisenangebot zieht in der Regel den Pro-Kopf-Umsatz nach unten, das Bier wird nicht schneller getrunken und der Sitzplatzumschlag bleibt aus.
So werden Fußballspiele für die Gastronomie zu einem Spiel mit hohem Risiko. Genährt durch eine Erwartungshaltung, die sich an einem einmaligen Ereignis von vor 20 Jahren orientiert.
Der Auftritt der deutschen Nationalmannschaft war peinlich, doch für die Gastronomie ist er ein Gewinn. Denn die Sonne scheint, der Sommer ist warm, das heimische Publikum zieht Biergarten und Terrasse dem Fernseher vor und die Gastronomie kommt wieder in Fahrt. Und mit jeder WM wird es vernünftigerweise weniger Public Viewing geben. Bis zur nächsten Heim-WM.
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